Julia Girardi-Hoog in ihrem Büro, blättert in einem Katalog
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Wie kann Wien sicherer für Frauen werden, Frau Girardi-Hoog?

Julia Girardi-Hoog ist seit einem Jahr Referentin für „Gender Planning“ in Wien. Sie spricht darüber, wie Stadtplanung das Sicherheitsgefühl von Frauen erhöhen kann und warum sie die öffentliche WC-Situation „ungerecht“ findet.

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Für die meisten Wienerinnen und Wiener sind Baustellen eine Qual, für Julia Girardi-Hoog hingegen ein Zeugnis ihrer Arbeit. Die gebürtige Oberösterreicherin ist Stadtreferentin für Gender Planning in Wien, ihren Posten gibt es österreichweit nur einmal. Seit einem Jahr ist sie im Dienst, ihre Mission: eine Stadt gestalten, die die Bedürfnisse von allen – besonders von Frauen – ernst nimmt. In ihrem Büro im Ersten Gemeindebezirk begrüßt Girardi-Hoog Gäste aus Kalifornien, Tel Aviv oder London. Hierzulande hält sich ihre Bekanntschaft in Grenzen, obwohl so gut wie jedes Neubaugebiet in Wien über ihren Schreibtisch wandert. 

Laut Gleichstellungsmonitor fühlte sich 2021 nur ein Drittel der Wienerinnen auf den Straßen vor Belästigungen sicher. Kann eine frauengerechte Stadtplanung da Abhilfe schaffen?

Julia Girardi-Hoog

Mich wundert die Zahl ein wenig, da sich laut unseren Umfragen ja mehr als 70 Prozent der Frauen im eigenen Wohnumfeld sicher fühlen. Es ist uns bewusst, dass soziale Belästigungen wie Catcalling ein Problem sind, vor allem nachts am Nachhauseweg. Viele Mädchen wünschen sich mehr Zivilcourage, da kann die Stadtplanung nur dazu beitragen, belebtere Straßen zu schaffen. Zusätzlich wollen wir, gemeinsam mit den Wiener Linien, eine passende Kampagne starten. Man muss Betroffene ermutigen, bei einer U-Bahnstation Station oder im Zug den Notfallknopf zu drücken. Viele trauen sich das einfach nicht. Es gibt ja diese Legende, dass man dann für die Verspätungen der Öffis zahlen muss. Das stimmt natürlich nicht!

Ist die Stadtplanung hier so relevant? Ist es nicht Aufgabe von Justiz und Polizei, Frauen vor solchen Vorfällen zu schützen?

Girardi-Hoog

Hier treffen verschiedene Aspekte aufeinander. Das eine ist die Kriminalstatistik, die uns zeigt, dass Frauen zuhause viel gefährdeter sind. Der Exfreund ist nachweislich auch wesentlich gefährlicher als der öffentliche Raum. Die Polizei ist zuständig für tatsächliche Delikte, die subjektive Sicherheit und die Angst vor möglichen Übergriffen beschäftigen aber die Stadtplanung. Wir wissen, dass Frauen oft Angst in dunklen, unbelebten und uneinsichtigen öffentlichen Räumen haben. Deshalb gestalten wir Orte so, dass Betroffene erkennen können, ob sie allein sind, aber auch andere Menschen sehen und hören, die im Notfall helfen könnten.

Dass die Waffenverbotszone nicht immer vor Gewalt schützt, zeigt, dass auch die Planung Limits hat.

Julia Girardi-Hoog

Referentin für gendergerechte Stadtplanung in Wien

Waffenverbotszonen sind ein Weg, um gegen Kriminalität und Gewalt auf offener Straße vorzugehen. In Wien gibt es mittlerweile drei davon. Haben Sie keine Angst, dass sich die Gefahrenzonen dadurch in andere Bereiche verschieben, die vor allem Frauen aufsuchen, etwa Parks?

Girardi-Hoog

Der Reumannplatz liefert ein positives Beispiel: einerseits ist er durch einige nächtliche Messerstechereien bekannt, andererseits ist er seit der Umplanung vor wenigen Jahren tagsüber voll mit Eltern und Kleinkindern, die sich auch neben nicht-berufstätige Menschen mit Wodkaflaschen setzen. Seitdem es die Waffenverbotszone gibt, kommt es zumindest tagsüber zu keinen Vorfällen mehr. Ich glaube, wir müssen uns vor Augen führen: Diese Menschen, die uns unwohl fühlen lassen, die tun nichts. Die triggern höchstens Abstiegsängste in uns. Obdachlose per se sind ja selbst so vulnerabel, und suchen bewusst hochfrequentierte Hotspots zu ihrem eigenen Schutz auf. Je weniger Geld die Leute haben, desto stärker sind sie auf den öffentlichen Raum angewiesen. Hier sollten wir vor allem an obdachlose Frauen denken, die aus Angst vor Belästigung sehr lange brauchen, bis sie bereit sind auf der Straße zu schlafen und stattdessen bei Bekannten am Sofa übernachten. Ich verstehe, dass das für manche Wienerinnen und Wiener unangenehm sein kann, aber wir wollen keinen Menschen wegplanen. Dass die Waffenverbotszone nicht immer vor Gewalt schützt, zeigt, dass auch die Planung Limits hat. Dahinter stehen soziale Probleme, wie Integrationsdefizite und Perspektivenlosigkeit. Das Schlimmste, was wir tun könnten, wäre es Kameras und Zäune in diesen Bereichen anzubringen. Die machen die Gegend nämlich nur menschenleer und bewirken genau das Gegenteil.

Der deutsche Kanzler Friedrich Merz ließ im Oktober wegen seinen Aussagen zum Stadtbild aufhorchen - er sprach von einem Problem im Stadtbild, bezogen auf Migranten und Migrantinnen. Sehen Sie einen Zusammenhang?

Girardi-Hoog

Nein, gar nicht, also ich finde, dass das wirklich eine fürchterliche Aussage war. Wir wissen wie Angsträume (Anm. Bereiche, in denen sich besonders Frauen unsicher fühlen) entstehen, nämlich durch schlechte Planung. Hingegen werden gut beleuchtete Plätze, mit guter Orientierung und hohen Aufenthaltsqualitäten, und deshalb gut genutzte Plätze, als sicherer bewertet. Wir sehen das in Wien zum Beispiel beim Praterstern. Viele Menschen haben sich dort lange unsicher gefühlt. Das lag aber nicht nur daran, dass sich dort gewisse Gruppen getroffen haben, sondern an der Uneinsichtigkeit. Mit mehr Licht, Sitzgelegenheiten, und neu gestalteten Durchgängen wird der Platz heute ganz anders wahrgenommen und gerne besucht. Die Aussage von Merz ist nachweislich falsch, und geht am eigentlichen Problem, dem Zusammenleben der verschiedenen Bevölkerungsgruppen, total vorbei.

Die Stadt Wien hat Gender Mainstreaming, also die Gleichstellung aller, als Querschnittsaufgabe in der Stadtplanung verankert. Bauvorhaben müssen entsprechend geprüft werden und sich an Leitfäden und Handbüchern orientieren. Spricht dies nicht gegen die Entbürokratisierung, die gerade aktuell stark debattiert wird?

Girardi-Hoog

Wir sehen das Mainstreaming als Qualitätssicherung. Wenn man vorher berücksichtigt, dass niemand, auch keine vulnerablen Gruppen, benachteiligt werden, senkt das die Kosten in der Erhaltung und im Lebenszyklus nachhaltig. Dadurch ersparen wir uns teure Adaptionen und Devastierungen. Zudem steigt so die Akzeptanz bei der Bevölkerung, wenn die Dinge gut geplant sind.

Die Stadtentwicklung bleibt vom Sparpaket der Stadt Wien nicht verschont. Bauvorhaben werden verschoben, auch die Oberflächengestaltung verzögert sich, etwa bei der Gumpendorfer Straße. Wie macht sich dies für die Wienerinnen bemerkbar?

Girardi-Hoog

Die Bauprojekte, die eingetaktet waren, etwa die Franz-Jonas-Platz Umgestaltung, kommen. Anderes, wie die Gumpendorfer Straße, wird sich verzögern. Natürlich hat dieser Bereich Potenzial nach oben, aber ich wüsste nicht, dass es sich hier um einen kriminellen Hot Spot handelt. Ja, es passiert im Bereich der U-Bahnstation Drogenhandel, aber den kann man nicht wegplanen. Hier handelt es sich um ein soziales Problem. Ich bin erstmal dankbar, dass wir bei sozialer Infrastruktur wie den Kindergärten nichts einsparen. Nichtsdestotrotz müssen wir durch die Stadt langfristig neu denken und effizienter werden. Einsamkeit, vor allem bei älteren Menschen, ist ein großes Problem. Da trägt die dominante Wohnform der Einpersonenhaushalte nicht positiv dazu bei. Dass man sich hier zurücklehnt und wartet, können wir uns nicht leisten. Als Stadt sind wir bemüht, die Menschen, etwa mit dem Supergrätzl (Anm. ein Stadtraum, der durch Verkehrsverbote und Grünflächen Menschen aus der Umgebung stärker miteinander zusammenbringen soll) zu vernetzten, damit sie sich kennenlernen und gegenseitig unterstützen. Mit der Ressourcenknappheit wird sich dadurch das Alltagsleben vieler verändern. Ich bin jedoch optimistisch, dass wir dadurch wieder mehr zueinander finden, und eine soziale Nachbarschaft pflegen. Viele Alternativen bleiben uns ja nicht über.

Sie kennen sicherlich diese Situation: lange Warteschlange, drückende Blase und zu wenig Kleingeld. In insgesamt 28 öffentlichen Sanitäranlagen in Wien müssen Frauen 50 Cent für den Toilettengang zahlen. Männer hingegen können Pissoirs kostenlos nutzen. Zudem ist die Wartezeit bei Frauentoiletten nachweislich viel länger. Wann geht die Stadt gegen diese Diskriminierung vor?

Girardi-Hoog

Es gibt tatsächlich eine OIB-Richtlinie (Anm. das Österreichische Institut für Bautechnik ist eine Kooperationsplattform zwischen Bundesländern und Bautechnik) dazu. Es handelt sich eigentlich nur um eine Empfehlung bei der Toilettenausstattung, die nicht wirklich verbindlich ist und eine 50-50 Aufteilung vorsieht. Im öffentlichen Raum bauen wir mittlerweile nur mehr Unisex-Kabinen, Pissoirs müssen wir aber behalten. Wenn wir sie nicht anbieten, wird der öffentliche Raum verunreinigt. Die Anstelldauer bei den neuen Kabinen ist relativ gut verteilt, weil die Herren ja eher ins Pissoir gehen und dadurch die Kabinen eher für die Frauen verfügbar sind. Dass die Frauen da zahlen, ist natürlich ungerecht. Wir wollen uns das im kommenden Jahr auf jeden Fall genauer anschauen. Ich bin hierfür zwar nicht verantwortlich, werde aber definitiv Gespräche in entsprechenden Bereichen anregen. Es ja steht auch im Regierungsprogramm, dass wir prüfen müssen, wie wir am besten zu Gratis-Toiletten kommen.

Sie sind Österreichs einzige Referentin für gendergerechte Stadtplanung. Ihr Amt genießt international einen guten Ruf. Sollten andere Bundesländer und Gemeinden in dem Bereich mehr tun?

Girardi-Hoog

Genderbeauftragte gibt es überall, die Kompetenzen liegen aber meistens wo anders nämlich im Sozialressort. Ich bin als Einzige in der Technik angesiedelt, wobei wir zum Beispiel mit Linz stark im Austausch sind. Die meisten Städte haben jedoch ihren Genderposten in eine Diversitäts- und Inklusionssstelle umgewandelt. Und genau das finde ich ganz schlimm. Es ist fatal, dass wir strukturelle Unterschiede mit dem Inklusionsthema abtun, es braucht alle drei Aspekte: Diversität, Inklusion und Gleichstellung. So können wir zum Beispiel nicht von Ideen wie einer Caring City (Anm. eine Stadt, die gegenseitige Bedürfnisse wie Pflege und gegenseitige Fürsorge in den Vordergrund stellt) sprechen, wenn noch immer Kinderbetreuung und Pflege zu 90 Prozent von Frauen geleistet wird. Wir dürfen die verankerten Hürden für Frauen nicht übersehen, und genau da sollten auch die Bundesländer und Gemeinden genauer hinschauen.

Feministische Stadtplanung in Wien

Gender Planning in Wien findet seinen Ursprung in den 1990ern. Mit einer Fotoausstellung im Architekturzentrum Wien machte die Stadtplanerin Eva Kail erstmals auf die Frage „Wem gehört der öffentliche Raum? – Frauenalltag in der Stadt“ aufmerksam. Lebensrealitäten von Frauen sollten dadurch mehr Aufmerksamkeit erlangen, und in der Stadtentwicklung stärker berücksichtigt werden. Sicherheit auf den Straßen, frauengerechte Wohnbauten und explizite Spielräume für Mädchen sind nur ein Bruchteil der Anliegen, die in diesen Bereich fallen. Wenig später, 1992, entstand das Frauenbüro als Vorläufer des heutigen Frauenservice, dessen Leitung Kail selbst übernommen hatte. Ab 1998 führte sie die Leitstelle für Frauen- und Alltagsgerechtes Planen, das im Auftrag der Stadt für zielgruppenorientierte Qualitätssicherung von Bauvorhaben zuständig war. Die Frauen-Werk-Stadt I, ein frauengeplantes Wohnquartier, ist eines von vielen Projekten, das die Stadt Wien für seine inklusive Stadtplanung international zum Vorreiter machte. Mittlerweile ist die Leitstelle aufgelöst worden, stattdessen gibt es das Referat für gendergerechte Stadtplanung in der Magistratsdirektion Bauten und Technik. Zu Jahresbeginn 2024 ist Girardi-Hoog Kail dort nachgefolgt. Zuvor war die Architektursoziologin bei der städtischen Hausverwaltung Wiener Wohnen tätig. 

Edina Rainer

Edina Rainer

war Praktikantin bei profil.