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Heimat, fremde Heimat
07/15/2020

Südburgenland: Kleinode in der Einöde

Die Corona-Saison 2020 beschert vielen Österreicherinnen und Österreichern einen unverhofften Heimaturlaub. Was man da so alles erleben kann – und was man besser bleiben lässt: 20 Tipps zwischen Militärbad und Kreisverkehr.

von Edith Meinhart

Besitz belastet, sagt mein Mann oft. Er spricht zwar nicht aus unmittelbarer Erfahrung, denn unsere Besitztümer sind überschaubar. Doch er hat natürlich recht. Das Lehmhäuschen am Waldrand, die Pfingstrosen in ihrer verschwenderischen Pracht, die aromatischen Marillen und die alten Nussbäume sind kein Geschenk der Natur an idyllebedürftige Städter, sondern das Ergebnis harter Arbeit. Wer zu den Menschen gehört, die bei Erholung nicht ans Rasenmähen, Bäumeschneiden und Dachrinnenflicken denken, kann von Glück reden, dass es Zeitgenossen gibt, die Besitz offenbar so wenig belastend finden, dass sie genug davon anhäufen, um ihn als Refugien für ruhesüchtige Bewohner urbaner Ballungsräume auf Buchungsplattformen zur Verfügung zu stellen. Wie im richtigen Leben gehen diese fast perfekten Fluchten im onlinetypischen "Schlagen Sie zu! Es ist das letzte Zimmer!! Die letzte Wohnung!!! Das letzte Haus!!!!"-Gekreische fast unter. Auch die Suche nach diesen Auszeit-Paradiesen belastet, sage ich meinem Mann oft - aber für dieses Argument ist er taub.

Kürzlich fanden wir ein solches Paradies in den Weinbergen des südlichen Burgenlands: ein Kellerstöckl, 40 Quadratmeter groß, gepflegt und stilsicher puristisch eingerichtet, mit einer Laube, in der die Uhudler-Trauben reifen, einem Baum mit Klaräpfeln, Himbeersträuchern und eine wildromantische Feuerstelle im Garten, der eigentlich ein Hügel ist, von dem aus man in die unverbaute Landschaft schaut, ohne ständig von anderen gesehen zu werden. Ab und zu kurvt ein Auto vorbei. In der Früh scheint die Sonne in die Schlafkemenate. Die Vögel trällern. Im Keller stehen zwei neue, gefederte Räder für den Ausflug in die Gegend. Nach ein paar Tagen waren wir wieder bereit für die Stadt. Wir fuhren auf den Nachbarhügel, gaben der Vermieterin den Schlüssel zurück. Sie war gerade dabei, ein anderes Weinstöckl, das auf einer Wiese voller Heilziest und Schafgarbe steht, für die Gäste aus der Stadt vorzubereiten. Ich freute mich sehr, dass sie und ihr Mann diese Kleinode in der Einöde pflegen, die Bäume schneiden, die Dachrinnen flicken.

Lesen Sie in profil 29/2020: Mitte Juli, höchste Reisezeit. Coronabedingt liegt in diesem Jahr ein Urlaub im eigenen Land nahe. Aber wohin genau? Es ist ein weites Feld, das sich da zwischen Bodensee und Zurndorf auftut. Die profil-Redaktion hat das Land erkundet und legt 20 unverbindliche Reiseempfehlungen vor. Es geht zu egalitären Badeseen und ziellosen Orten, Raststationen und Umsteigebahnhöfen. Es geht unter Wasser und auf die Landstraße. Betonmauern, urbane Gstätten und historische Schädelsammlungen werden erkundet, Badeseen von oben und unten betrachtet, Selbst-,Fremd-und Nahtoderfahrungen gemacht. In diesem Sinne: Gute Reise!