Tanz deine Neurose!

1 Oscar für "Black Swan": Beste Hauptdarstellerin

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Alles dreht sich, alles bewegt sich: Im Kino hat das Kreisen, Schwingen und Wirbeln der Menschenkörper eine neue Qualität gewonnen, denn das metrische Medium Film kommuniziert durch Bewegung, durch den Rhythmus des Schnitts, durch Kamerafahrten, Schwenks und Zooms. Filme werden gedreht wie Pirouetten, denn erst in der Betonung seines tänzerischen Potenzials wird im Kino sinnfällig von Sex, Körperlichkeit und Tod erzählt. Es ist kein Zufall, dass schon die allerfrühesten Filme Tanzszenen boten - vom Ethno-Ritual bis zur Vaudeville-Choreografie.

Mit Darren Aronofskys Ballett-Psychothriller "Black Swan“ und dem lakonischen Drama "Attenberg“, inszeniert von der Griechin Athina Rachel Tsangari, erreichen nun zwei (bereits beim Filmfest Venedig 2010) viel diskutierte Arbeiten Österreichs Kinos. Die beiden Filme sind einander auf den ersten Blick denkbar fern: Der eine gibt sich spektakulär, prominent besetzt und barock überhöht, der andere spröde, ohne große Namen, klug unterspielt. Thematisch teilen "Attenberg“ und "Black Swan“ jedoch vieles miteinander: Es geht um Körpereinsatz, Schauspiel und Musik, um Jungfräulichkeit, Sexualneurosen und Identitätskrisen. Und ums Tanzen.

"Black Swan“
gibt sich als Variation eines alten Hollywood-Lieblingsgenres zu erkennen: als Backstage-Drama. In New York wird eine Produktion von "Schwanensee“ erarbeitet; die junge Primadonna droht sich jedoch bald in Masochismus, Sexualangst und Paranoia zu verlieren. Natalie Portmans beunruhigende Performance erzählt sehr direkt von physischer Obsession, von Bulimie und der Lust an der Selbstverstümmelung, aber auch vom laufenden Wirklichkeitsverlust. Die Tänzerin soll in "Schwanensee“ nicht nur den weißen, sondern auch den schwarzen Schwan tanzen, ihre dunklen Seiten aktivieren. Portmans Nina lebt in einem ungesunden Umfeld mit gespenstischer Mutter (Barbara Hershey) und einem Regisseur (Vincent Cassel), der über Machtausübung und sexuellen Druck die Leistung seiner Protagonistin zu steigern versucht. Aronofskys überdrehte Inszenierung verschwimmt bald zum Fiebertraum, seine Kamera tanzt virtuoser noch als seine Heldin, deren Weg von der Kultur-Tortur zur Mutation führt: Mensch zu Monster, Kunst zu Wahnsinn. Die extrem vordergründige Regie Aronofskys besticht gerade durch den Mut zur Absurdität. In "Black Swan“ wird ein Nervenspitzentanz vollzogen, ein Absturz ins Nachtschwarz der angegriffenen Psyche: je später der Abend, desto wilder die Geste.

In "Attenberg“
geht man vorsichtiger (und intelligenter) ans Werk. In einer griechischen Industriestadt erkundet die 23-jährige Marina (Ariane Labed) ihr spätes sexuelles Erwachen - und ihr Konzept vom Tod. Sie lernt mithilfe ihrer erfahrenen Freundin (Evangelia Randou) zu verstehen, was das alles sein soll: Zungenküsse, Libido, die Todesnähe ihres unsentimentalen Vaters. "Attenberg“ ist ein äußerst unkonventioneller Film: Regisseurin Athina Rachel Tsangari gibt ihrer zweiten Regiearbeit die Struktur eines Western und die Obertöne einer Komödie, gönnt sich in der Behandlung der sexuellen Forschungsarbeit ihrer Heldin aber keinen falschen Ton und in ihrem Umgang mit dem Tod keine Spur von Pathos. "Attenberg“ hält emotional Distanz, um physisch desto konkreter sein zu können: Marinas spitze Schulterblätter erscheinen wie zurückgebildete Flügel und die seltsam choreografierten Spaziergänge der Freundinnen wie chorische Kommentare zum laufenden Antidrama. In Form eines Meta-Musicals werden hier - mit den Songs der New Yorker Elektro-Punkband Suicide und Françoise Hardys sehnsüchtigem Chanson "Tous les garçons et les filles“ - exzentrische Gangarten ausgelotet und abwegige Körpersprachspiele inszeniert. So ist Pop eben. Oder, um es mit Jim Morrison zu sagen: People are strange.

Stefan   Grissemann

Stefan Grissemann

leitet seit 2002 das Kulturressort des profil. Freut sich über befremdliche Kunst, anstrengende Musik und waghalsige Filme.