Team Stronach: Kathrin Nachbaur - die Erbin

Für das Team Stronach war der Wahltag eine Enttäuschung. Der Partei-gründer könnte bald die Lust an der Politik verlieren. Neue Nummer eins wird dann Kathrin Nachbaur.

War es das wert? Alles in allem? Rund 25 Millionen Euro hat Frank Stronach angeblich in das Abenteuer Parteigründung gesteckt. Nicht einmal sechs Prozent der Österreicher haben das Team Stronach nun gewählt. Das ist eigentlich ein gutes Ergebnis für einen Newcomer – und doch enttäuschend, wenn man angetreten ist, um das System aus den Angeln zu heben. Er habe sich mehr erwartet, sagte Stronach. „Es ist, wie es ist.“
Gelohnt hat sich der Aufwand jedenfalls für Kathrin Nachbaur. Die 34-Jährige kandidierte auf Platz zwei der Bundesliste und wird im neuen Parlamentsklub der Partei wohl eine Hauptrolle spielen. Auf die Frage, ob sie Klubchefin werden wolle, antwortete sie vor Kurzem: „Wir haben noch nicht über Posten gesprochen. Aber ich kann mir das vorstellen. Und wir haben auch einige andere sehr gute Leute, die das machen könnten.“ Parteichef Frank Stronach hat angekündigt, sein Nationalratsmandat annehmen zu wollen. Falls ihm der demokratische Alltag dann doch zu beschwerlich ist, wird Nachbaur den Boss sicher gerne auf dem Laufenden halten. Genau das war ja schon bisher ihr Job. „Frank ist ziemlich hilflos ohne sie“, sagt ein Mitarbeiter der Partei.

„Oh Gott, was sag ich jetzt?“
Am Mittwochnachmittag der Vorwoche sitzt Kathrin Nachbaur in ihrem Büro in der Magna-Zentrale. Hier ist es still und fast menschenleer; der Wahlkampfwirbel schafft es nicht bis nach Oberwaltersdorf. Nachbaur hat auf dem Sofa Platz genommen, hält die Hände artig im Schoß gefaltet und beantwortet Fragen im Stil einer Musterschülerin. Politik finde sie „sehr interessant“. Mit dem Wahlkampf ihrer Partei sei sie im Großen und Ganzen zufrieden. „Besser geht es immer. Aber ich glaube, wir haben unsere Sache gut gemacht.“ Dass sie vor Schreck fast schockgefror, als Stronach in der ORF-Sendung „Wahlfahrt“ die Todesstrafe für Berufskiller anregte, gibt Nachbaur zu: „Ich hab mir in dem Moment nur gedacht: ,Oh Gott, was sag ich jetzt?‘“ Nachbaur widersprach – vorsichtig, aber deutlich.

Man muss nur ein paar Minuten mit der Grazerin plaudern, um zu verstehen, warum sich der eigensinnige Milliardär so gut mit ihr verträgt. Kathrin Nachbaur ist auf eine entwaffnende Art defensiv. Sie lächelt freundlich, ihre Stimme bleibt stets leise und sanft, nichts an ihr wirkt provokant oder auch nur kämpferisch. So ein Naturell hilft enorm im Umgang mit einem egozentrischen, autoritären Chef. In den – ohnehin seltenen – Fällen, in denen Stronach ihr zuliebe seine Meinung ändert, muss er das nicht als Niederlage empfinden. Er kann sich einreden, in ­Eigenregie klüger geworden zu sein.

Unklares Brennen
Kennen gelernt haben sich Stronach und Nachbaur vor fast eineinhalb Jahrzehnten. Gemeinsam mit ihrem Vater Bernd, einem Mitarbeiter der steirischen Wirtschaftskammer, war die damals 20-jährige Kathrin Nachbaur zur 100-Jahr-Feier von Steyr Daimler Puch gegangen. Der Vater kannte Stronach von ein paar Werkseröffnungen – und stellte ihm die Tochter vor. Man war einander sympathisch. Den Dialog mit ihrem späteren Mentor gibt Nachbaur heute so wieder: Stronach: „Und was machst du beruflich?“ Nachbaur: „Ich studiere Jus, Englisch und Französisch.“ Stronach: „Schade, dass du noch nicht fertig bist. Ich bräuchte einen Juristen.“ Nachbaur: „Was haben Sie denn sonst noch anzubieten?“ Zwei Jahre später war das Studium beendet, und die junge Frau übersiedelte nach Kanada. Sie absolvierte ein Trainee-Programm und danach die „Magna Human Resources University“, leitete verschiedene Projekte in der Innovationsabteilung und wurde schließlich Stronachs persönliche Assistentin.

So arglos und lieb Kathrin Nachbaur wirken kann: Sie weiß ganz genau, was sie will und wie sie es durchsetzt. Dass Frank Stronach überhaupt auf die Idee kam, im reifen Alter von 80 Jahren eine Partei zu gründen, sei auf ihren Einfluss zurückzuführen, heißt es in Stronachs Umfeld. „Ich glaube, ich habe dabei schon eine wesentliche Rolle gespielt“, meint Nachbaur. „ Frank hat Vertrauen zu mir. Er wusste, dass ich zur Verfügung stehe.“
Wofür sie persönlich brennt, ist unklar. Neuerdings will sie ein besonderes Faible für die Frauenpolitik festgestellt haben, vor Kurzem war es noch eher der Justizbereich. Fragt man sie, was ihr im Leben wichtig ist, kommen erst einmal wortidente Auszüge des Parteiprogramms. Zum Stichwort „Freiheit“ fällt ihr ein, dass sie keine Bevormundung durch den Staat wolle. Die engen Kontakte zwischen Team Stronach und dem neoliberalen Hayek-Institut dürften hauptsächlich auf Nachbaurs Initiative zurückzuführen sein.
Für die Karriere in Stronachs Schatten bedankte sich Nachbaur bisher mit bedingungsloser Loyalität. Aber jetzt hat sie fünf Jahre lang Gelegenheit, ein eigenes Profil zu entwickeln. Möglich, dass sie diese Chance mehr nützt, als Frank Stronach sich das heute vorstellt.

Foto: Walter Wobrazek für profil