Wohnreport: Warum Mieten in Graz leistbar bleiben – und in Wien explodieren
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Wie die Sardinen in der Büchse drängen sich zwei Dutzend Menschen im vierten Stock eines Wiener Zinshauses die Stiege hinauf zu einer offenen Wohnungstür. Der Andrang ist groß, die Stimmung aufgekratzt. Am Ende des schummrigen Ganges gibt es nichts gratis, im Gegenteil: Knapp 900 Euro warm kostet die 44 Quadratmeter große Wohnung in Alsergrund, dem 9. Wiener Gemeindebezirk.
„Das sind ja schon Münchner Verhältnisse“, beklagt sich eine Frau an der Spitze der Schlange. Dort ist Wohnraum besonders knapp und teuer. Der Makler lugt immer wieder auf den Gang und beteuert kopfschüttelnd, wie furchtbar er den großen Andrang findet. Als hätte er nicht alle hier selbst eingeladen.
In der winzigen Badewanne der Wohnung kann man nicht ausgestreckt liegen. Im Stehen duschen geht auch nicht, ohne sich den Kopf an der Dachschräge zu stoßen. Die meisten hier werden trotzdem um die Wohnung kämpfen. Denn von einer echten Auswahl können die Suchenden nur träumen.
Massenbesichtigungen wie diese sind in den meisten österreichischen Städten längst Standard. Von Wien bis Bregenz suchen Menschen leistbaren Wohnraum. Stattdessen werden ihnen unbezahlbare Eigentumswohnungen und kaum leistbare Mieten angeboten: Im Verhältnis zum Einkommen ist eine Mietwohnung am freien Mietmarkt in Wien mittlerweile teurer als in München. Und in Salzburg ist Wohnraum so knapp, dass die Stadt nicht mehr wächst. Was hat Wohnen in der Stadt zum raren Gut gemacht? Und wie wird die Miete wieder leistbar?
Gespaltener Markt
„Und, wo sind die Leichen versteckt?“ Während man sich solche Fragen bei der Suche nach einer Mietwohnung besser spart und lieber alles nimmt, was man bekommen kann, ist das mittlerweile bei der Besichtigung von Eigentumswohnungen unproblematisch. Denn von diesen gibt es mehr als genug. Während sich die Situation am Mietmarkt zuspitzt, stehen Wohnungen zum Kauf manchmal ein ganzes Jahr lang leer.
Das Wirtschaftsforschungsinstitut WIFO beobachtet schon länger, dass Miet- und Kaufmarkt auseinandergehen: „Besonders deutlich wurde das ab 2022 mit dem Beginn des Ukraine-Krieges, hoher Inflation, der Zinswende und hohen Baukosten“, sagt WIFO-Wohnbauexperte Michael Klien: „Damit ist die Nachfrage nach Eigentumswohnungen eingebrochen, weil sich die Leute die Kredite nicht mehr leisten konnten. Im Zusammenspiel mit dem Bauboom der Jahre zuvor führte das zu einem enormen Anstieg der Inserate für Kaufimmobilien.“
Wolfgang Kirnbauer, Leiter des Mieterschutzverbandes Wien
© Maximilian Miller
Wolfgang Kirnbauer, Leiter des Mieterschutzverbandes Wien
„Früher wollte man eine günstige Wohnung. Heute ist man froh, wenn man überhaupt eine Wohnung findet.“
Wolfgang Kirnbauer, Leiter des Mieterschutzverbandes Wien
Da Wohnbau über Jahre geplant wird, wurden bis 2024 noch viele Projekte fertig. „Darum gab es wahrscheinlich noch nie so ein großes Angebot an Kaufimmobilien wie heute“, sagt Klien – wobei die große Auswahl die Preise nicht unbedingt sinken lässt. „Die Menschen können sich Eigentum nicht leisten“, sagt Wiens Wohnbaustadträtin Elke Hanel-Torsch (SPÖ).
Marktverschiebung
Wer nicht kaufen kann, muss mieten. Das führt zu stark steigenden Mietpreisen – und hart umkämpftem Wohnraum. „Früher wollte man eine günstige Wohnung“, sagt Wolfgang Kirnbauer, Leiter des Mieterschutzverbandes Wien. „Heute ist man froh, wenn man überhaupt eine Wohnung findet.“ Selbst Massenbesichtigungen gibt es nun in allen Preisklassen.
Viele suchen deswegen erst gar nicht. Aufgrund der wirtschaftlichen Unsicherheit und steigenden Lebenshaltungskosten bleiben Mieterinnen und Mieter deutlich länger in ihren aktuellen Wohnungen, erzählen Maklerinnen und Makler: Sie gehen lieber Kompromisse in ihrer aktuellen Wohnsituation ein, als sich der Unsicherheit des Marktes auszusetzen. Und das zu Recht: Die Kluft zwischen der Miete, die durchschnittlich im Bestand gezahlt wird, und den Preisen, die aktuell am Wohnungsmarkt verlangt werden, steigt. So lagen die Bestandsmieten in Wien im Jahr 2025 im Schnitt bei etwas mehr als 10 Euro pro Quadratmeter. Bei neuen Mietverträgen am freien Markt werden eher 15 bis 20 Euro pro Quadratmeter verlangt.
Wiens Wohnbaustadträtin Elke Hanel-Torsch (SPÖ) schaut aus dem Fenster ihres Büros auf die Stadt
© Alexandra Unger
Wiens Wohnbaustadträtin Elke Hanel-Torsch (SPÖ) schaut aus dem Fenster ihres Büros auf die Stadt
„Preise wie 1000 Euro Miete für eine 50m²-Wohnung darf es eigentlich nicht geben.“
Elke Hanel-Torsch (SPÖ), Wiener Wohnbaustadträtin
Anders gesagt: Die eigene Miete ist höchstwahrscheinlich deutlich günstiger als jene einer neuen Wohnung, sogar dann, wenn diese kleiner ist. „Wer aus seiner Altbauwohnung auszieht, ist selber schuld“, sagt Christian Klein, Makler und Geschäftsführer von APS Immobilien.
Dazu kommt: Kleine Wohnungen sind pro Quadratmeter deutlich teurer. Selbst Ein-Zimmer-Wohnungen in Österreichs Landeshauptstädten kosten oft 1000 Euro pro Monat (siehe Grafik). Dabei sollten die Wohnkosten idealerweise nicht mehr als ein Viertel des Haushaltseinkommens ausmachen. „Preise wie 1000 Euro Miete für eine 50 Quadratmeter große Wohnung darf es eigentlich nicht geben“, sagt Hanel-Torsch.
Stadtflucht
Warum werden die horrenden Preise dennoch bezahlt? „Weil man immer noch Menschen findet, die überteuerte Preise zahlen“, sagt Salzburgs Vizebürgermeister Kay-Michael Dankl (KPÖ), denn: „Keine Wohnung zu haben, ist auch keine Option.“ Salzburg ist die einzige Landeshauptstadt, deren Wohnbevölkerung nicht wächst. „Hätten wir nicht so ein Problem mit Wohnraum, würde Salzburg auch wieder wachsen“, ist sich Dankl (KPÖ) sicher.
Die durchschnittlich angebotene Miete in der Stadt betrug im Jahr 2025 laut „Willhaben“ 21,86 Euro pro Quadratmeter (siehe Grafik). „Die Mieten wären noch viel höher, wenn nicht vor allem junge Familien massenhaft aus der Stadt wegziehen würden“, sagt Dankl. Teilweise würden die Eltern jeden Tag eine Stunde lang nach Salzburg pendeln, erzählt der Kommunist: „Das ist mit ein Grund, warum wir in der Stadt so eine Verkehrskrise haben.“ Und warum die KPÖ bei der letzten Gemeinderatswahl so viele Stimmen bekam – sie setzte im Wahlkampf einzig und allein auf das Thema Wohnen und traf damit einen wunden Punkt.
Die Wohnungsknappheit hat aus Dankls Sicht zwei Gründe: Salzburg habe jahrzehntelang zu wenig geförderten Wohnraum gebaut. Und: „Als Tourismushochburg sind wir für allerlei Begehrlichkeiten attraktiv, seien das Zweitwohnsitze, Festspielwohnungen, AirBnBs oder Mikrohotels.“ Bei Letzteren geht Wohnraum dauerhaft verloren: Häuser, Stockwerke oder gar einzelne Wohnungen werden zu Beherbergungsbetrieben umgewidmet. Nur in der Altstadt ist das bisher verboten. Dankl hofft, dass das Raumordnungsgesetz auf Landesebene noch im Sommer geändert wird.
Die Stadt Salzburg setzt nun auf Nachverdichtung – und will dort geförderte Wohnungen bauen. Wohnbau braucht Jahre, weiß auch Dankl, „aber im Bestand kann man konsequent gegen AirBnB, Leerstand, Mikrohotels und Zweitwohnsitze vorgehen“. Die Salzburger Leerstandsabgabe hilft dabei kaum. Sie sei schlicht zu niedrig, ist Dankl überzeugt: „Wegen 800 Euro im Jahr wird nicht vermietet.“ Die Abgabe bringe die Stadt aber in den Austausch mit den Eigentümern – und schon das helfe. In den nächsten Wochen will die Stadt auch eine neue Beratungsstelle für Eigentümer leer stehender Wohnungen einrichten. Die Hoffnung ist, dass dann wieder mehr vermieten.
Ferienkoje statt Wohnraum
Auch in Wien werden Häuser und Wohnungen in Beherbergungsstätten umgewidmet. „Es gibt Apartment-Hotels, da sind zehn Quadratmeter kleine Wohnkojen nebeneinander“, sagt der grüne Wohnbausprecher Georg Prack: „Das könnte man als Wohnung gar nicht vermieten, aber als Beherbergungsstätte geht es.“ Die Stadt will nun stärker dagegen vorgehen. Noch dieses Jahr soll ein Register für Beherbergungsbetriebe eingeführt werden – inklusive Strafen für alle, die sich nicht an die bestehenden Regeln halten. Das soll auch Personen betreffen, die ihre Wohnung zum Beispiel im Sommer für eine Woche über Online-Plattformen untervermieten, sagt Wohnstadträtin Hanel-Torsch: „Die Ursprungsidee von AirBnb, Wohnraum zu nutzen, der beispielsweise urlaubsbedingt kurzzeitig leer steht, ist eine sehr gute. Aber es hat sich zu einem Geschäftsmodell ausgewachsen, das ganze Wohnungen und sogar Häuser dem Wohnungssektor entzieht.“
Bei einer Leerstandsabgabe bleibt die Bundeshauptstadt indes zögerlich: Die Verwaltungskosten der Abgabe könnte die Einnahmen übersteigen. Denn derzeit weiß Wien nicht, wie viele Wohnungen überhaupt leer stehen. Die letzte Erhebung war 2015, damals waren es rund 30.000. Wien hofft nun auf eine bundesweite Zählung. Davor selbst nachzuzählen, ist für Stadträtin Hanel-Torsch derzeit keine Option.
Eine grobe Schätzung lässt sich über das Wiener Bevölkerungsregister anstellen: Demnach hat in rund 80.000 Wohnungen niemand den Wohnsitz gemeldet. „Diese Zahl ist mit viel Vorsicht zu genießen“, sagt Prack. Darin enthalten sind auch Wohnungen, die gerade saniert werden oder etwa als Ordination genutzt werden. Prack schätzt daher, dass auch heute noch rund 30.000 Wohnungen in Wien tatsächlich leer stehen.
Grazer Überschuss
Einen gewissen Leerstand brauche es, damit Wohnungssuchende die richtigen vier Wände für sich wählen können, sagt WIFO-Experte Klien. Der Ökonom ist überzeugt: „Das Einzige, was die Mieten dämpfen kann, ist ein Überangebot. Dann haben die Mieter eine Auswahl und müssen nicht die Konditionen annehmen, die ihnen die Vermieterseite vorlegt.“ Wo in den letzten zehn Jahren viel gebaut wurde, ist Wohnen günstig.
Ein Beispiel dafür ist ausgerechnet Graz. Die steirische Landeshauptstadt wird seit 2021 von der Kommunistin Elke Kahr geführt, die sich leistbares Wohnen auf die Fahnen geheftet hat. Das Thema Wohnen und ihr menschennaher Zugang wird Kahr wohl auch bei der Wahl am kommenden Sonntag zu einem klaren Sieg führen. Dabei sind die Mieten in Österreichs zweitgrößter Stadt durchaus leistbar – und das hat die Kommunistin ausgerechnet ihrem Vorgänger zu verdanken: Der Bauboom unter Ex-Bürgermeister Siegfried Nagl brachte dem ÖVP-Urgestein sogar den Spitznamen „Beton-Sigi“ ein. Heute sorgen die neuen Stadtteile mit ihrem breiten Angebot an Wohnraum für niedrige Preise.
Zu sehr fallen die Preise selbst in Graz nicht, da die Bauträger ihre hohen Baukosten weitergeben. Einen Mietmangel gibt es aber in der steirischen Hauptstadt nicht: „Wir haben keine Wohnungsknappheit, sondern einen Wohnungsüberschuss“, sagt Thomas Riffel, Makler für Graz und Umgebung: In Graz könnten Suchende „aus den Vollen schöpfen“ und oft sogar über die Miethöhe verhandeln. „Es ist kein Zufall, dass die, die viel gebaut haben, nun einen vergleichsweise entspannten Wohnungsmarkt haben“, ist WIFO-Experte Klien sicher. „Angebotspolitik ist die einzige Möglichkeit, die Mieten zu deckeln.“
Andere Städte können dem Grazer Beispiel so rasch nicht folgen. „Politik ist schnelllebig, aber beim Wohnen sind schnelle Lösungen realistisch nicht möglich“, sagt Ökonom Klien. Vor allem, da die privaten Bauträger durch den Eigentums-Bauboom der letzten Jahre immer noch blockiert sind – und die Baubranche selbst unter schwerem wirtschaftlichen Druck steht. „Die Immobilienentwickler sitzen auf Wohnungen, die sie nicht verkaufen können“, sagt Klien. „In dieser Krise viele neue Projekte zu beginnen und sich damit womöglich selbst zu konkurrenzieren, macht keinen Sinn. Darum ist die Bautätigkeit so stark eingebrochen.“
Giftiger Cocktail
Tatsächlich sinken die Zahlen der fertiggestellten Wohnungen seit 2022 deutlich. Und auch die Baubewilligungen für Wohnungen sind im freien Fall (siehe Grafik). Seit 2021 ist die baubewilligte Nutzfläche in keinem Land so stark zurückgegangen wie in Österreich. Mit 32.000 Bewilligungen für Wohnungen in neuen Gebäuden wurde vergangenes Jahr ein neuer Tiefpunkt erreicht. In den nächsten Jahren können also gar nicht so viele neue Wohnungen gebaut werden, wie benötigt werden. „Kurzfristig sehe ich keine Lösungen“, sagt WIFO-Experte Klien: „Der Rückgang der Baubewilligungen fesselt uns schon jetzt für die nächsten zwei bis drei Jahre.“
Und eine Baubewilligung heißt noch lange nicht, dass tatsächlich neue Wohnungen entstehen. Makler Eugen Otto beschreibt die aktuelle Lage als einen „schädlichen, giftigen Cocktail“ aus verschiedenen Faktoren. Extrem hohe Baukosten und eine rigide Finanzierungspolitik der Banken verhindern sogar, dass bereits bewilligte Projekte umgesetzt werden. Und viele Immobilienentwickler kämpfen ums Überleben: Die Bauwirtschaft war 2025 nach dem Handel die Branche mit den zweitmeisten Insolvenzen. 1080 Bauunternehmen gingen vergangenes Jahr pleite.
Trotz des sinkenden Angebots wächst der Bedarf durch Bevölkerungszuwachs und den Trend zu Single-Haushalten. Während 2026 in Wien knapp unter 2500 neu errichtete Mietwohnungen auf den Markt kamen – wovon im Juni nur noch 700 verfügbar waren –, prognostiziert Otto für das Jahr 2027 einen absoluten Tiefpunkt mit lediglich 100 bis 200 neuen Wohnungen für ganz Wien.
Keine private Rettung
Und warum werden nicht einfach die leeren Eigentumswohnungen vermietet? Oft scheitert es an der Finanzierung. Ein Bauträger, der einen vergleichsweise kurzfristigen Kredit aufgenommen hat, um Wohnungen für den schnellen Verkauf zu produzieren, kann seine Finanzierung nicht plötzlich auf eine langfristige Miete umstellen.
SALZBURG-WAHL: KPÖ PLUS "ENDSPURT-AKTION: DEMOKRATIE BRAUCHT OPPOSITION" - DANKL
© APA/FRANZ NEUMAYR
SALZBURG-WAHL: KPÖ PLUS "ENDSPURT-AKTION: DEMOKRATIE BRAUCHT OPPOSITION" - DANKL
„Der private Wohnbau wird uns wohnungspolitisch nicht retten.“
Kay-Michael Dankl (KPÖ), Salzburger Vizebürgermeister
In Wien passiert mitunter das Gegenteil: Für die Miete gedachte, neue Wohnungen werden zum Verkauf angeboten. Etwa in Ottakring, wo ein Bauträger eines Dachausbaus seine Pleite durch einen raschen Abverkauf verhindern wollte. Rund eine halbe Million Euro kostet eine 85 Quadratmeter große Wohnung mit Wärmepumpe am Balkon. Bei der Besichtigung hat sie eine besondere Überraschung parat: Aus der dunklen Küchenecke flattert eine Taube heraus. Ganz unangekündigt kam das Tier nicht. Da der Dachausbau schon länger leer steht, hatte der Vogel zum Leid der Bewohner der unteren Stockwerke Zeit, im Stiegenhaus Kot und Federn zu hinterlassen. Zu Redaktionsschluss, vier Monate nach dem Tauben-Kontakt, steht die Wohnung noch immer zum Verkauf.
„Der private Wohnbau wird uns wohnungspolitisch nicht retten“, sagt der Kommunist Dankl, im Gegenteil: „Wenn im privaten Segment 1800 Euro Miete für drei Zimmer verlangt werden, verschiebt das die Durchschnittsmieten – und an denen orientieren sich auch die Vermieter von Bestandsmieten.“ Auch die Sozialdemokratin Hanel-Torsch glaubt nicht, dass mehr Wohnbau allein die Mietpreise sinken lässt: „Wohnen ist ein reiner Anbietermarkt. Da bestimmt immer der Anbieter den Preis.“
Gemeinnützige Bauträger bieten billiger an. Und weil die Wohnungsnot längst in den Mittelstand hineinwirkt, werden in vielen Städten die Einkommensgrenzen für den gemeinnützigen Wohnbau erhöht. Das könnte theoretisch den Markt entlasten – wenn es genug Angebot gäbe. Doch in Salzburg stehen schon jetzt rund 2000 Personen auf der Warteliste, über die pro Jahr rund 600 gemeinnützige Wohnungen verteilt werden.
Die Gemeinnützigen dürften auch in den nächsten Jahren den Einbruch der privaten Immobilienentwickler kaum kompensieren, sagt WIFO-Experte Klien: „Die Gemeinnützigen sollen nicht stark auf Booms und Einbrüche reagieren, sondern ein stabiles Segment produzieren.“ Unterstützt werden sie durch spezielle Widmungskategorien. So müssen die Gemeinnützigen nicht so stark mit privaten Bauträgern um Boden streiten – und können günstiger geförderten Wohnraum bauen.
Doch das Volumen der Wohnbauförderung ist deutlich zurückgegangen, zudem ist sie seit 2008 nicht mehr zweckgewidmet. Die Bundesländer lassen sie oft in Kreisverkehre, Spielplätze oder direkt in das eigene Budget fließen, um Budgetlöcher zu stopfen. Im Regierungsprogramm ist eine Zweckwidmung vorgesehen, erinnert Wohnminister Andreas Babler (SPÖ).
Neues Mietrecht?
Wiens Wohnbaustadträtin Hanel-Torsch ist ohnehin überzeugt: Neben ausreichendem Angebot brauche es neue gesetzliche Obergrenzen bei Mieten. Die SPÖ-Politikerin fordert eine Reform des Mietrechts auf Bundesebene: Das Mietrechtsgesetz solle grundsätzlich für alle Wohnungen gelten. Derzeit fallen nur geförderte Wohnungen und Altbau unter den reglementierten Mietzins. Der Rest kann am freien Markt vermietet werden – zu kaum regulierten Preisen. Hanel-Torsch würde sich wünschen, dass künftig jede Wohnung, die vor 20 oder 30 Jahren gebaut wurde und damit ausfinanziert ist, in den regulierten Bereich der Richtwertmieten übergeht. „Wenn ich Wohnbau frei finanziere, brauche ich Zeit für die Refinanzierung“, erklärt Hanel-Torsch: „Danach sollen die Mieten aber auf das Niveau des Mietrechtsgesetzes abgesenkt werden.“
Auch Wohnminister und SPÖ-Chef Babler wünscht sich ein „Universalmietrecht“, doch: „Die Koalitionspartner lehnen eine solche Verbesserung des Mieter:innenschutzes ab.“ Dennoch arbeite man an Verbesserungen, etwa durch die Mietpreisbremse. Außerdem soll es Mietern leichter gemacht werden, sich vor Hitze zu schützen.
Dazu fordert die Wiener Wohnbaustadträtin eine Überarbeitung des Lagezuschlags im Richtwertsystem. Dazu gibt es bereits eine Arbeitsgruppe im Wohnministerium, Babler erwartet ein Ergebnis Anfang des nächsten Jahres. Zudem fordert Hanel-Torsch Strafen für Vermieter, die das Mietrechtsgesetz vermehrt brechen. Letzteres kommt auch im regulierten Bereich durchaus vor: Fast 170 Millionen Euro sollen Mieter im Altbau 2025 zu viel bezahlt haben, rechnete die Arbeiterkammer zuletzt vor. Denn obwohl für befristete Mietverträge im Altbau ein Abschlag von 25 Prozent vorgesehen sei, werde dieser in der Praxis kaum gewährt.
„Früher waren Mieter selbstbewusst, heute haben sie Angst“, sagt Mieterschützer Kirnbauer. Selbst Personen, die sich an den Mieterschutzverband wenden, würden häufig die Konfrontation mit dem Vermieter scheuen. Wer befristet mietet, ist besonders zurückhaltend. Mittlerweile ist ein Viertel aller Mietverhältnisse befristet, am freien Markt die Hälfte. Tendenz steigend. Gleichzeitig sinkt die durchschnittliche Vertragslaufzeit. Zwar hat die Regierung zuletzt die Mindestdauer von drei auf fünf Jahre verlängert, das gilt allerdings nur für gewerbliche Vermieter. Und auch wenn der Vertrag erst in fünf Jahren ausläuft, überlegt man es sich als Mieter doppelt, ob man sich mit dem Vermieter anlegt. Kirnbauer ist daher sicher: „Das Einzige, was dem Mieter Sicherheit gibt, ist ein unbefristeter Vertrag.“
Man muss ihn nur finden.
Hannah Leitner
ist seit Jänner 2026 Teil des Digital-Ressorts. Moderiert ehrenamtlich bei Politiktrafik und war drei Monate Trainee bei profil.
Max Miller
ist seit Mai 2023 Innenpolitik-Redakteur bei profil. Schaut aufs große Ganze, kritzelt gerne und mag Grafiken. War zuvor bei der „Kleinen Zeitung“.