Titelgeschichte: Was kann Sebastian Kurz?

Sebastian Kurz: "Ich hasse es, fotografiert zu werden"

Sebastian Kurz: "Ich hasse es, fotografiert zu werden"

Mit 29 Jahren ist Sebastian Kurz der jüngste Außenminister der Welt – und inzwischen auch fast in der ganzen Welt bekannt. In der Flüchtlingsfrage gibt nicht die Regierungsspitze den Ton an, sondern er. Vom belächelten Jungstar hat er sich zur ÖVP-Kanzlerhoffnung gemausert. Wie tickt Kurz? Was will er? Und was kann er?

Der Anzug sitzt scharf geschnitten wie immer, die Haare sind akkurat nach hinten gegelt, das Gesicht leuchtet wie frisch eingecremt. Alle Ingredienzien für einen souveränen profil-Fototermin wären erfüllt, aber Sebastian Kurz zappelt angespannt herum. „Ich hasse es, fotografiert zu werden“, sagt er, und: „Wird das ein Killerfoto?“

Das mag jene Spezialform der raffinierten Eitelkeit sein, nicht ohne gewisse Koketterie um die Zusicherung zu buhlen, außergewöhnlich fotogen zu sein. Oder die ehrliche Sorge eines Mannes, der seine Auftritte bevorzugt penibel inszeniert, diese Bilder nicht völlig kontrollieren zu können. Kurz setzt einen ernsten Blick auf, dann einen freundlicheren, entschließt sich, möglichst gar kein Gesicht zu machen, verändert seine Körperhaltung um keinen Millimeter – und stößt danach hervor: „Puh, bin ich froh, dass ich jetzt wieder arbeiten kann.“

Sven Gächter und Eva Linsinger über die aktuelle Titelgeschichte

Ist das sein Ernst? Ein paar Fotos können an diesem Tag wirklich nicht die größte Herausforderung darstellen, schon gar nicht für einen, der das Scheinwerferlicht eher sucht denn scheut. Es gäbe weit gravierendere Anlässe, uncool zu reagieren: In Idomeni an der mazedonischen Grenze stürmen Flüchtlinge über die Polizeibarrieren und werden mit Tränengas zurückgedrängt. In Griechenland stauen sich Zehntausende Asylsuchende in Zelten oder im Dreck. Deutschland prügelt von Kanzlerin Angela Merkel abwärts auf Österreich im Allgemeinen und Außenminister Kurz im Besonderen ein. Sein Alleingang bei der Balkan-Konferenz wird gegeißelt, halb Europa gibt ihm die Schuld an der Eskalation und den beklemmenden Bildern.

Wenn Angela Merkel das humanistisch-verheißungsvolle Gesicht zur Willkommenskultur Europas verkörperte, dann versinnbildlicht Sebastian Kurz das kaltblütig-unerbittliche Gesicht zur Festung Europa, die sich abriegelt und Flüchtlinge abweist. In Österreich fungiert Kurz seit Längerem als Feindbild …

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