Der Tod des Ex-Diplomaten Aliyev

Rakhat Aliyev, der frühere kasachische Botschafter in Österreich

Rakhat Aliyev, der frühere kasachische Botschafter in Österreich

Der Kasache Aliyev wurde tot in seiner Zelle aufgefunden – seine Anwälte zweifeln daran, dass es Selbstmord war. Hinweise auf Fremdeinwirkung liegen aber nicht vor.

Der Fall hatte Österreichs Justiz über Jahre beschäftigt – und für wiederkehrende diplomatische Spannungen zwischen Wien und Kasachstans Hauptstadt Astana gesorgt. Rakhat Shoraz, vormals Aliyev, Ex-Schwiegersohn des kasachischen Autokraten Nursultan Nasarbajew: verdächtig der Entführung und des Mordes zweier Geschäftspartner. Ab April wollte die Staatsanwaltschaft Wien Aliyev und zwei mutmaßlichen Komplizen den Prozess machen. Doch dazu wird es so nicht mehr kommen. In der Nacht von Montag auf Dienstag nahm Aliyev sich in einer Einzelzelle in der Justizanstalt Wien-Josefstadt, wo er seit Juni vergangenen Jahres in Untersuchungshaft saß, das Leben. Aliyev, so die vorläufigen Erkenntnisse der Vollzugsdirektion, soll sich mittels Mullbinden an einem Kleiderhaken in der Nasszelle erhängt haben.

"Herr Aliyev war kampfeslustig"

Gegenüber der Austria Presseagentur erklärte Vollzugsdirektor Peter Prechtl in einer ersten Stellungnahme, Aliyev habe justizintern nicht als „selbstmordgefährdet“ gegolten. „Er dürfte viel an seinen Akten gearbeitet haben“, so Prechtl. „Wir können uns einen Selbstmord aufgrund der Gespräche der letzten Wochen nicht vorstellen“, betont Stefan Prochaska, einer von Aliyevs Anwälten gegenüber profil-online. „Herr Aliyev war kampfeslustig, hat sich auf die Hauptverhandlung gefreut und uns täglich neue Fehler in Aussagen und Videos gezeigt, welche es in der Hauptverhandlung aufzudecken galt.“
Dieser Eindruck wird auch von Prohaskas Mitstreiter, Anwalt Manfred Ainedter, bestätigt: „Wir sind gestern drei Stunden zusammengesessen; es gab keinerlei Hinweise, dass unser Mandant depressiv war oder Selbstmord-Gedanken hegte.“

Hinweise auf Fremdeinwirkung liegen derzeit allerdings nicht vor.

"Ich bin weder ein Entführer noch ein Mörder"

In seiner Heimat war der frühere stellvertretende Geheimdienstchef und Botschafter Kasachstans in Österreich in Abwesenheit zu 40 Jahren Haft verurteilt worden. Bis 2011 lebte er in Österreich, das die Auslieferung nach Kasachstan mit Hinweis auf die problematische Menschenrechtssituation verweigerte – weshalb die heimische Justiz den Fall an sich reißen musste. Aliyev verlagerte seinen Lebensmittelpunkt nach Malta, ehe er im Vorjahr freiwillig nach Österreich zurückkehrte und in U-Haft genommen wurde.
Aliyev hat die Vorwürfe, er habe seine Landsleute Aybar Khasenov und Zholdas Timraliyev im Jänner 2007 in Kasachstan entführen, foltern und ermorden lassen, stets bestritten. Er wähnte sich vielmehr als Opfer eines politisch motivierten Komplotts seines ehemaligen Schwiegervaters. „Nasarbajew versucht seit Jahren, mich zu etwas zu machen, das ich nicht bin. Ich bin weder ein Entführer noch ein Mörder. Ich habe die mir zur Last gelegten Taten nicht begangen. Wenn die beiden Männer wirklich tot sein sollten, so würde mich das wirklich erschüttern, aber ich habe damit nicht das Geringste zu tun“, sagte Aliyev in einem profil-Interview im Juni 2007. Und weiter: „Nasarbajew ist wirklich ein Mörder. Er will mich diskreditieren, um die Stimme der Opposition verstummen zu lassen. Das hat System.“

profil hat sich über Jahre intensiv mit dem Fall Aliyev beschäftigt – und dabei auch die Rolle des umtriebigen Wiener Rechtsanwalts und Privatbeteiligten-Vertreters Gabriel Lansky ausführlich beleuchtet. Lansky vertritt seit 2009 den kasachischen Opferverein „Tagdyr“. Staatsanwaltschaft und Oberlandesgericht Wien gehen davon aus, dass es sich bei „Tagdyr“ um eine „Tarnorganisation des kasachischen Geheimdienstes“ handle – welcher wiederum direkt Nasarbajew untersteht. Lansky bestreitet das mit aller Vehemenz.

Aliyev starb im 53. Lebensjahr. Der Kasache war in eine Einzelzelle verlegt worden, nachdem er von zwei Zellengenossen erpresst worden sein soll. Er hätte heute als Zeuge in einem Prozess gegen die ehemalige Zellengenossen aussagen sollen. Diese sollen ihm gedroht haben, ihn zu ermorden und die Tat wie Suizid aussehen zu lassen, sollte er kein Schutzgeld bezahlen.

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