Campus Wienerwald

Ukraine-Vertriebene: Wenn die Not- zur Dauerlösung wird

Immer mehr vertriebene Ukrainerinnen und Ukrainer wollen in Österreich bleiben. Selbst, wenn sie in einem einst verfallenen Blindenheim leben. Lokalaugenschein in einer umstrittenen Notlösung.

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Christian und Maryna Zeitz hatte nie geplant, eines der größten privaten Vertriebenenheime des Landes zu führen. Dann wurde Maryna Zeitz in der Ukraine vom russischen Angriff auf ihr Heimatland überrascht. 40 Kilometer legten sie und ihre beiden Kinder in der Februarkälte zu Fuß zurück. Als sie beim Grenzübergang Kranice ankamen, hatten sie ihr Gepäck längst zurückgelassen. Nur Geld, Papiere, Handy und die Kleidung an ihrem Leib brachten sie zurück nach Hause. 

In den nächsten Tagen suchten immer mehr Verwandte Schutz im Hause Zeitz – bis alle möglichen Schlafplätze belegt waren. Eilig stellte der ehemalige ÖVP-Politiker, langjährige Akademikerbund-Funktionär und laute Islam-Kritiker Zeitz ein leerstehendes Blindenheim in Altlengbach als Übergangslösung auf. Der Verein „Initiative Soziales Österreich“ stellte die rechtliche Struktur, mit freiwilliger Hilfe und großzügigen Sachspenden wurden einige Zimmer in den seit Jahren verlassenen Heim vom Schutt befreit und notdürftig ausgestattet. Der „Campus Wienerwald“ war geboren. Heute wohnen neben der Familie Zeitz rund 150 Vertriebene im einst verlassenen Blindenheim.

Verträge mit Vertriebenen

Fast zwei Jahre nach Kriegsbeginn wollen immer mehr Vertriebene in Österreich bleiben. Doch nicht alle sehen den Campus positiv: „Ich hoffe, dass Menschen, die vor dem Krieg fliehen, nicht mehr auf dem Campus ausgeraubt werden“, schreibt eine Ukrainerin, die das ehemalige Blindenheim mit ihrer Familie im Streit verlassen hat. Ihr Mann habe dort zwar gearbeitet aber keinen Lohn erhalten, auch das Kindergeld sei einbehalten worden. Ende August sei sie dann ausgezogen, daraufhin wurde sie vom Campus auf die offenen Rückstände der letzten Monate geklagt. Die Dame habe ohne Wissen der Betreiber in einem für sie zur Verfügung gestellten separaten Raum einen de facto gewerblichen Massagesalon betrieben, sagt Zeitz zudem. Als man ihr dies unterbunden habe, sei die Stimmung gekippt. Ihr Mann sei zudem für geleistete Arbeitsstunden bezahlt worden, sei aber aufgrund von Alkoholmissbrauchs häufig nicht arbeitsfähig gewesen, so Zeitz. Mit ihrem Abschied vom Campus war sie aber nicht allein: Rund ein Dutzend Leute verließ den Campus mit ihr, einige davon ließen ihren Ärger über die Betreiber in Telegram-Kanälen aus.

Valerii Iavtushenko

Velerii Iavtushenko vermittelt am Campus zwischen den ukrainischen Geflüchteten udn den österreichischen Betreibern. Ein halbes Jahr half der ehemalige Journalist an der Front, als überzeugter Pazifist kämpfte der Vegetarier selbst aber nie. Am Campus hilft er, wo er kann - und bringt immer wieder Hilfsgüter in die Ukraine, sagt er: Im Moment zählt jede Unterstützung. 

Im Mai 2022 sorgte der Campus sogar für Schlagzeilen: Bilder von kaputten Toiletten, Berichte über schlechtes Trinkwasser und Videos einer durch ein Zimmer huschenden Maus führten zu Beschwerden, die Bilder gingen durch österreichische Medien. Die Vorwürfe seien von der Landesregierung Niederösterreich kontrolliert worden und hätten sich als falsch herausgestellt, sagt Zeitz. Als im folgenden Winter die Energiekosten stiegen, sahen sich die Betreiber gezwungen, neue Verträge auszuhandeln. Es kam zum Clinch mit einigen Vertriebenen und Abgängen über Nacht.

Das grundlegende Problem: Der Campus ist kein organisiertes Quartier des Landes Niederösterreich, sondern ein Privatquartier, das Einzelverträge mit den Vertriebenen abschließt. Im Endeffekt nimmt der Verein ISÖ dadurch als Miete all das Geld ein, das die Ukrainerinnen und Ukrainer vom österreichischen Staat erhalten, meist ist das die Grundversorgung. Im Gegenzug erhalten die Vertriebenen ein Zimmer, Nahrung und Unterstützung im Alltag, bei der Ausbildungs- und Arbeitssuche oder bei Arztterminen. Und wer am Campus selbst, etwa wie Katarina in der Küche, mithilft, kann sich ein Taschengeld dazuverdienen. Den Lohn dafür erhalten die Ukrainerinnen und Ukrainer aus ihrer eigenen Grundversorgung, die sie davor für Unterkunft, Essen und Co. an die Betreiben gezahlt haben. 63 Euro erhalten die Vertriebenen etwa für einen Tag Kinderbetreuung. Rund 17.000 Euro fließen so jedes Monat zurück an die Geflüchteten, ist Zeitz stolz.

Knapp bei Kasse

Im Schnitt erhalte der Verein durch dieses System rund elf Euro pro Vertriebenen und Tag, sagt Betreiber Zeitz, ein organisiertes Quartier würde für dieselben Leistungen 26 Euro erhalten: „Wir sparen dem Staat eigentlich Millionen.“ Im Monat stünden zurzeit rund 40.000 Euro zur Verfügung, zuletzt lagen allein die Kosten für Heizöl und Strom bei mehr als 20.000 Euro pro Monat. Man weiß sich zu helfen: Um die Kälte aus den Wohntrakten zu halten und Heizkosten senken, hängt schwerer Stoff vor den Türen der Verbindungsgänge, der große Speisesaal ist von wärmenden Trennwänden geteilt und das veraltete Heizsystem wird nach und nach optimiert. Das Budget für große Umbauarbeiten fehlt, denn weitere 13.000 Euro werden monatlich für Lebensmittel aufgewendet.

Gewinnbringend sei das nicht, sagt Zeitz, im Gegenteil: Er zahle sich selbst monatlich 485,80 Euro an Spesen aus. Auch ISÖ-Vereinspräsident Reinhard Fellner arbeitet ehrenamtlich. Fehlt der Unterkunft am Ende des Monats Geld, würde er die Vereinskasse von seinem Pensionskonto aus befüllen, sagt Fellner. Maryna Zeitz ist ohnehin 24-Stunden täglich im Einsatz: Während ihr Mann die Wohnung in Wien noch ab und zu nutzt, lebt sie mit den Kindern seit Beginn am Campus und die Bewohnerinnen und Bewohner wissen, bei welcher Tür sie klopfen müssen, um rund um die Uhr Unterstützung zu erhalten. 

Brüchiges System

Wie man das fast zwei Jahre lang durchhält? „Ich weiß es nicht“, sagt Maryna: „Mein Sohn ist auch sauer auf mich, weil ich vor dem Krieg mehr Zeit für ihn hatte. Jetzt kümmere ich mich den ganzen Tag um die Verwaltung am Campus – und die Hausaufgaben macht er mit den anderen Kindern hier.“ Wie so vieles ist die Kinderbetreuung am Campus selbstorganisiert: Ältere Ukrainerinnen beaufsichtigen die Kinder derjenigen, die unter Tags arbeiten gehen oder Deutsch lernen. Mit ihrer Arbeit aufzuhören, kommt für Maryna Zeitz nicht in Frage: „Unsere Soldaten sind im Krieg. Das ist auch mein Krieg und hier kann ich meinem Land helfen.“

Familie Ostroverkhov

Einmal pro Woche besucht ein Hausarzt den „Campus“ und kümmert sich um die Beschwerden der Vertriebenen. Dann steht auch Oleksandr Ostroverkhov (links) mit seiner Mutter in der Schlange zum notdürftig eingerichteten Ordinationszimmer. Zuerst war die Familie, deren Haus nur acht Kilometer vom Kernkraftwerk Saporischschja, einem der Hauptschauplätze des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine, liegt, nach Polen geflohen. Aber in Österreich ist die Gesundheitsversorgung besser. So gut es der Familie am Campus geht, eine Dauerlösung ist das ehemalige Blindenheim nicht, sagt Oleksandr: „Natürlich wollen wir später eine eigene Wohnung und Arbeit. Denn wir wollen in Österreich bleiben.“

Wie die meisten privaten Flüchtlingsunterkünfte wäre der Campus ohne freiwilliges Engagement wäre der Campus längst Geschichte. Und wie so viele große Quartiere stoßen die Betreiber immer wieder an ihre Grenzen und geraten in die Kritik. Doch ohne ihren Einsatz könnten sich viele der rund 70.000 Ukrainerinnen und Ukrainer in Österreich noch immer kein Dach über dem Kopf leisten: Rund 41.000 von ihnen befinden sich noch immer in der zur kurzfristigen Existenzsicherung gedachten Grundversorgung. Auf dem normalen Wohnungsmarkt haben gerade alleinerziehende Frauen, deren Männer im Krieg kämpfen oder gefallen sind, so kaum eine Chance.

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Bis dahin halten Freiwillige wie Christian und Maryna Zeitz das brüchige System am Laufen.

Max Miller

Max Miller

ist seit Mai 2023 Innenpolitik-Redakteur bei profil. Schaut aufs große Ganze, kritzelt gerne und chattet für den Newsletter Ballhausplatz. War zuvor bei der „Kleinen Zeitung“.