KINDERFOTOS VON PROFIL-REDAKTEUR PATERNO

KINDERFOTOS VON PROFIL-REDAKTEUR PATERNO: „Zu viel Ghörig-Sein kann die Gesundheit gefährden.“

© Wolfgang Paterno

Österreich
05/05/2022

Vorarlberg ist XXL-Picobello-Land

profil-Redakteur Wolfgang Paterno ist gebürtiger Vorarlberger. Er wundert sich nicht erst seit jüngstem über das Bundesland.

von Wolfgang Paterno

Paterno war in jenen Tagen kein bloßer Nachname. Er war Signal und Schwierigkeit zugleich. Ein Vorarlberger Landei zu Beginn der 1990er-Jahre in Wien. Kaum ein Tag verging, an dem der Student nicht nach seinem damals berühmten Namensvetter gefragt worden wäre, in wiederkehrenden Varianten: Ob man mit dem TV-Pfarrer August Paterno verwandt sei? Ob Pater Paterno, holten tollkühnere Fragesteller weiter aus, von wieherndem Lachen orchestriert, gar der eigene Vater wäre?

Es kam nicht selten vor, dass der derart Angesprochene in solchen Momenten leicht geniert wirkte, es wenig erfolgreich mit wechselnden Antworten versuchte: „Nein, keinerlei Verwandtschaft.“ – „Aufgeflogen! Bitte nicht weitererzählen.“ Der wirkliche Papa Paterno saß derweil in Lustenau und bangte um den Sohn, der aus dem Heimatdorf zum Studieren nach Wien geflohen war. Aus dem sicheren, sauberen, schönen Vorarlberg in die Metropole, diesen Moloch.

Es ist gar nicht so verkehrt, die ideelle Rückreise nach Vorarlberg mit dem TV-Katholiken Paterno zu beginnen, galt dieser doch als Verkörperung des Religiös-Rechtschaffenen – zumindest bis kurz vor seinem Ableben 2007, als Gerüchte um sexuellen Missbrauch die Runde machten. Der gebürtige Dornbirner stammte wie ich selbst aus dem Blitzsauberland vor dem Arlberg. Als Vorarlberger nagt man an diesem vermeintlich tadellosen Ruf. „Ländle“ ist im Grunde eine unmögliche Verkleinerungsform: Vorarlberg ist XXL-Picobello-Land.

Momentaufnahmen einer Kindheit und Jugend im Westen, vom Blitzlicht erhellt. Die Frage, wann eine Insel eigentlich eine Insel sei, war für den Halbwüchsigen nicht leicht zu beantworten. Wenn Vorarlberg innerhalb Österreichs bereits viel Inselartiges aufzuweisen hatte, dann war Lustenau ein Miniatoll auf der V-Insel, emotional, mental, sprachlich. Lustenau war einst Nazi-Hochburg – und nach 1945 jahrzehntelang fest in Händen der FPÖ.

Als Kind und Jugendlichem wurde mir allüberall im Dorf treuherzig versichert, dass die Lustenauer FPÖ im Unterschied zur Restösterreich-FPÖ die unzweifelhaft lautere Parteikohorte sei. Einzig mein Vater, dessen eigener Vater von den Nazis 1944 hingerichtet worden war, warnte und mahnte. Mit dem sprichwörtlichen „Blauen Platz“, einem großen Areal mit blauem Bodenbelag in der geografischen Mitte der Marktgemeinde, schuf sich die Partei, die seit 2010 im Ort nicht mehr an der Macht ist, selbst ein Denkmal.

Wien war damals weiter weg als der Mond, die gut neun Stunden Fahrt im Bummelzug zogen sich eine gefühlte Ewigkeit. Mit etwas Pech im Sechserabteil mit Kettenraucher. Am Westbahnhof dann das Untertauchen in die wohlige Anonymität der Großstadt. Die Angst der Vorarlberger Verwandtschaft, dass man als Provinzler beim Karlsplatz, einst ein übel beleumundeter Suchtgiftumschlagsplatz, ein- und als Drogensüchtiger wieder auftaucht.

Das Wienerische „geh“, das sowohl Grantig- wie Verwundertsein auszudrücken vermag, ist im Vergleich zum Vorarlbergischen „ghörig“ ein Stummelwort mit bescheidenem Bedeutungsumfang. Die Wörter „ghörig“ und „richtig“, „anständig“, „passend“ verwendet man synonym, gern und oft mit ranzigem moralischen Unterton. Ein Arbeitskollege kann genauso ghörig sein wie die nagelscherengepflegten Gärten im Schatten großer Eigenheime, die wirken, als hätte sie ein Kunstmaler mit Feinhaarpinsel aufs Papierblatt gezaubert. Man kann es eine Form des Aberwitzes nennen oder die unermüdliche Sehnsucht nach dem Fehlerfreien und Blitzsauberen. „Tua ghörig!“, werden Kinder gemaßregelt. „An Ghöriga gsi“, flüsternd am offenen Grab geäußert, qualifiziert einen mindestens für die Direttissima gen Himmel. Schon als ich Kind war, habe ich mir diesen Himmel als entsetzlich langweilig vorgestellt. Man tritt Vorarlberg nicht zu nahe, wenn man sagt, dass zu viel Ghörig-Sein die Gesundheit gefährden kann.

Der Superlativ ist die Grundidee, auf dem hier vieles aufgebaut ist, sei’s in Sachen Wissenschaft und Wirtschaft, Alltag oder Arbeitswelt. Man übertrifft sich selbst in der Flüchtlingshilfe – und kanzelte zugleich Menschen aus der Türkei über Jahrzehnte als „Gastarbeiter“ ab. Man gibt sich freundlich und verbindlich – und zeigt den Nachbarn an, wenn er über die Mittagszeit den Rasen mäht. Ein Land als Ambivalenz-Acker, das für mich bis heute diffizile Spiel von Anziehungs- und Fliehkräften, von zögerlicher Rückkehr und immer wieder: Hals-über-Kopf-Wegrennen.

Ein letztes Spezifikum. Kaum ein Teil der „Vorarlberger Nachrichten“ wird so intensiv gelesen und begrübelt wie die abgedruckten Todesanzeigen. Wer ist gestorben? In welcher Manier wird ihm oder ihr von den Trauerfamilien auf dem Zeitungspapier (und inzwischen natürlich auch online) gedacht? Kein Tag ohne Todesnachrichten. In Lustenau, dem Heimatdörfchen am Rhein, verabschiedet man sich wiederum gewohnheitsmäßig mit einem „Lebe!“ Bis bald. Lebe. Zumindest für die Lebe-Lektion (und für manch anderes) ein Dank an die Picobello-Provinz.