Warum die Bobos als Feindbild ad acta gelegt werden sollten

Eine Ehrenrettung für die Bobos

Eine Ehrenrettung für die Bobos

Links, rechts, bürgerlich, wohlhabend, prekär, spießig, ultra modern: Jeder glaubt zu wissen, wer ein Bobo ist – auf jeden Fall sind es immer die anderen. Eva Linsinger über ein verwaschenes Feindbild, das nach der Bundespräsidentenwahl endlich ad acta gelegt werden sollte.

Ein gespaltenes Land? Ein Riss quer durch Österreich? Zwei Lager mit diametral entgegengesetzten Wertvorstellungen, die einander unversöhnlich gegenüberstehen? Fast tröstlich, dass diese Analysen nach der Bundespräsidentenwahl beileibe nicht für alle Bereiche zutreffen. Es gibt ihn noch, den gemeinsamen Kitt, der das Land zusammenhält. In zwei Jahrzehnten etwa werden viele junge Erwachsene gleich heißen – denn das Faible für dieselben Vornamen ist vom Wienerwald bis zum Bodensee ident: Anna, Hannah und
Sophie stehen auf der Hitliste der beliebtesten Mädchennamen derzeit ganz oben; Maximilian, Lukas und Tobias dominieren bei männlichen Neugeborenen, ganz egal, ob es sich um Norbert-Hofer- oder um Alexander-Van-der-Bellen-Bundesländer handelt. Eine gewisse Sehnsucht nach Gleichklang und Konformität schwingt darin mit, der Wunsch, sich Trends anzupassen.

Das gilt nicht nur für Jung-Eltern, sondern auch für die beiden Hofburg-Bewerber. Norbert Hofer und Alexander Van der Bellen mögen in ihren Ansichten über Regierungsentlassungen, Schusswaffen, Flüchtlinge, Burschenschafter oder Binnen-I divergieren – in einem Punkt sind sie sich einig: Beide goutieren Bobos nur bedingt. Hofers Wahlkampfmanager Herbert Kickl brauchte schon als FPÖ-Generalsekretär routinemäßig nur wenige Sekunden, um sich gegen „Bobo-Arroganz“ und „Bobo-Welt“ und deren „Realitätsverlust“, „Genderwahn“ inklusive, in Rage zu reden. Aber auch Alexander Van der Bellen waren Bobos im Wahlkampf nicht ganz geheuer. „Mit dem Ausdruck ,Bobo‘ habe ich keine Freude. Diese bürgerlichen Kreativen gibt es, Gott sei Dank. Aber es gibt ja auch ganz normale Angestellte im 7. Bezirk, die Grün wählen.“ Subtext: Ganz normal und Bobos – so viel Gegensatz muss ausgeschildert werden.


Wenn selbst die Grünen keine Bobos mehr sein wollen, dann könnte gleich der Papst aus der katholischen Kirche austreten.

Beides liegt im Trend. Seit den Nuller-Jahren geistert das Bobo-Phantom durch die Innenstädte. Mittlerweile kennt jeder mindestens einen Bobo – aber niemand will selbst einer sein. Aus dem einst coolen Trendbegriff ist längst ein gängiges Schimpfwort geworden.
Dass die FPÖ sich nicht im Bobo-Fansektor platzieren will, überrascht wenig. Die Antipathie ist durchaus wechselseitig: Auch dem landläufigen Bobo, der klischeehalber als Soja-Latte-, Vegan- und Yoga-Freak identifiziert wird, sind die Freiheitlichen suspekt. Tiefer lässt schon blicken, dass selbst die Grünen auf Distanz gehen: „Ich bin kein Bobo“, erklärte schon vor Jahren Marco Schreuder, Grünen- und Schwulenaktivist: „Bobo ist für mich so ziemlich das Unwort des letzten Jahrzehnts.“ Wenn selbst die Grünen keine Bobos mehr sein wollen, dann könnte gleich der Papst aus der katholischen Kirche austreten. Oder Andreas Gabalier eine feministische Partei gründen. Oder Erhard Busek einen ÖVP-Chef super finden. Oder Hannes Androsch sich eine mehrjährige Wortspendenpause verordnen.

Dabei galten Bobos einst als Inbegriff eines kollektiven Lebensgefühls. Nach der „Risikogesellschaft“ der 1980er-Jahre, der wolkigen „Neuen Mitte“ und der langweiligen „Generation Golf“ verschwanden zur Jahrtausendwende nach etlichen Börsenkrachs endlich die „Yuppies“ und ihre protzigen Statussymbole Rolex, Lacoste und Alessi. Der „New York Times“-Kolumnist David Brooks prägte im Jahr 2000 den Begriff Bobo (aus „bourgeois“ und „bohémien“) für die neue Elite des Informationszeitalters: ein bisschen nonkonformistisch, in Maßen genießerisch, mit klarem Bekenntnis zur eigenen Dachterrassenwohnung, aber auch zu Spenden für Dritte-Welt-Projekte.

Wer damals in Wien irgendwie anders sein wollte, ließ sich nicht mehr ohne „Freitag“-Umhängetasche und Fahrrad sehen, zumindest nicht im 7. Bezirk sowie am Nasch- und am Karmelitermarkt, sorgte schleunigst für ein paar Architekten im Bekanntenkreis und bestellte bei der Film-Retrospektive im Programmkino statt Melange „Caffè Latte“. Bobos und alle, die sich dafür hielten, vereinten Kritik an Spießertum und Establishment mit hedonistischem Lebensstil. So formierte sich ein internationaler, streng abgezirkelter Bobo-
Verbund, eine eigene Welt, innerhalb derer die Bewohner mobil waren – viel beweglicher als in der eigenen Stadt, wie der deutsche Poptheoretiker Diedrich Diederichsen ätzte. Es war statistisch wahrscheinlicher, einen Nachbarn aus dem Karmeliterviertel am Berliner Prenzlauer Berg anzutreffen als in so uncoolen Gegenden wie Wien-Simmering.


In bürgerlichen Bastionen dagegen wird bevorzugt gegen „Bobo-Linke“ Stimmung gemacht.

Der mediale Hype um die Berufsjugendlichen, die „Konservativen in Jeans“, war ohrenbetäubend, auch die Werbeindustrie reagierte begeistert: Endlich wieder ein klar umrissenes Muster für Produktplatzierung! Das war der Anfang vom Ende des Bobo-Kults. Wer auf sich hielt, legte sich Bart, Holzfällerhemd und Nerdbrille zu und mutierte zum Hipster. Zumindest in anderen Metropolen: In Wien, wo ein liberales, weltoffenes und urbanes Bürgertum stets eine rare Spezies bildete, hielt sich das Bobo-Klischee besonders hartnäckig. Der Begriff ist zwar aus der Mode gekommen, geistert aber als Schimpfwort und Vexierbild weiterhin herum – für alles, was manchen nicht in den Kram passt. Die Bobos, das sind verlässlich immer die anderen.

Für Linke stehen Bobos unter dem Generalverdacht, bürgerlich-spießig zu sein, nur den eigenen Vorteil im Auge zu haben und ihre Konsumkraft rücksichtslos einzusetzen. „Für ein Stadtviertel ist ein Boboschwarm so verheerend wie für exotische Länder ein Touristeneinfall“, geißelt der französische Philosoph Guillaume Paoli den Trend, dass betuchte Bobos Mieten in die Höhe treiben und Alteingesessene vertreiben. Ihren bizarren Höhepunkt fand diese Bobo-Lesart im Wiener Wahlkampf des vergangenen Herbstes, als die SPÖ auf „frustrierte Bobokoffer“ (Klubvize Tanja Wehsely) eindrosch und sich energisch gegen „Bobo-Politik“ (Bürgermeister Michael Häupl) verwahrte. Weil: Bobos wollen Bioläden und Radwege statt Gemeindewohnungen, Aperol-Spritz statt Bier und erdreisten sich womöglich, nicht SPÖ zu wählen. Kurz: Sie sind zu bürgerlich.

In bürgerlichen Bastionen dagegen wird bevorzugt gegen „Bobo-Linke“ Stimmung gemacht; in der Beliebtheitsskala rangieren sie nur knapp vor den „Gutmenschen“. Die anders geartete, aber ebenso harsche Vorwurfslage in diesem Spektrum: Bobos sind naiv und weltfremd und hegen gar Empathie für Flüchtlinge und Feminismus. Kurz: Sie sind zu links.
Zumindest auf einen gemeinsamen Nenner können sich Bobo-Kritiker aus allen Lagern einigen: Egal, ob Bobos zu links oder zu rechts sind, sie stehen jedenfalls für humorbefreites Klugscheißertum und gnadenlose Geschmacksdiktatur, allzeit bereit, allen die einzig richtige Lebensform zu predigen.


Nur ein Klischee stimmt: Wahrscheinlich haben die viel gescholtenen „Bobos“ Alexander Van der Bellens arschknappen Wahlsieg mitgerettet.

Wenn einstige Großparteien und tradierte Lager erodieren, Wähler sich in unterschiedliche Milieus auf-
splittern, dann kann ein klares Feindbild helfen. Gegen „Bobos“ zu wettern, verschafft Ersatzbefriedigung. Nur wenige trauen sich noch, die Bobo-Fahne hochzuhalten: Der Wiener Kunst-Kurator Martin Fritz ist einer davon und verweist hartnäckig darauf, dass „es kaum eine politische Debatte gibt, in der nicht abwertend vom Bobo die Rede ist. Doch das Bild von gut verdienenden Genießern mit Luxusproblemen ist ein Zerrbild und grenzt an Tatsachenverdrehung.“ Denn in Wahrheit hantelten sich viele Bobos von Praktikum zum Werkvertrag und lebten eher prekär als wohlbestallt.

Ein paar andere beliebte Vorurteile halten einer Überprüfung auch nicht stand – etwa jenes, dass Bobos die „Willkommenskultur“ begrüßen, aber bevorzugt dann, wenn Flüchtlinge kilometerweit weg vom eigenen begrünten Dachgarten einquartiert sind. In Neubau, Wiens Parade-Bobo-Bezirk, kommen 705 Flüchtlinge auf 32.027 Einwohner. In Simmering sind nach den zuletzt veröffentlichen Zahlen 133 Flüchtlinge untergebracht – bei 97.333 Einwohnern.

Nur ein Klischee stimmt: Wahrscheinlich haben die viel gescholtenen „Bobos“ Alexander Van der Bellens arschknappen Wahlsieg mitgerettet. In Wien-Neubau lag die Wahlbeteiligung bei über 78 Prozent, in Simmering hingegen, dem einzigen Norbert-Hofer-Bezirk Wiens, bei nur 65 Prozent. Erstmals interessierte sich die Generation Internet in diesem Wahlkampf nicht nur virtuell für Politik, sondern mobilisierte in sozialen Netzwerken und in der analogen Welt für die Bundespräsidentenwahl – sehr zum Erschrecken der Wiener FPÖ, die nach der Wahlniederlage leicht ratlos festlegte, dass „wir jetzt sicher nicht die Bobos bedienen“ können.

Muss ja niemand. Der Begriff „Bobos“ ist ohnehin passé. Trendforscher sprechen inzwischen vollmundig von „Lohas“ (Lifestyle of health and sustainability) und „Yuccies“ (Young Urban Creatives), die Karriere machen wollen, aber wie Hippies ausschauen.
Ein ziemlich guter Anlass, das Schimpfwort „Bobo“, Feindbild für überhaupt alles, endlich zu entsorgen.