Gentlemen mit Körperpanzer: Warum junge Männer konservativ denken
„Fast ein Drittel der Gen-Z-Männer findet, eine Frau sollte ihrem Mann gehorchen“, titelt Anfang März eine Studie des Marktforschungsinstituts Ipsos. Die Schlagzeile geht durch die Medien – und wirkt auf den ersten Blick schockierend. Auf den zweiten ist die Aussagekraft der Studie jedoch begrenzt.
Es handelt sich um eine Onlinebefragung unter registrierten Teilnehmenden – wer keine starken Meinungen hat, nimmt an solchen Panels oft gar nicht erst teil. Zudem ist Marktforschung nicht gleich Wissenschaft: Statt belastbarer Erkenntnisse stehen Aufmerksamkeit und Zuspitzung im Vordergrund. Dazu kommen suggestive Fragestellungen, die Antworten in eine bestimmte Richtung lenken können. Und: Österreich ist in der Studie gar nicht vertreten.
Sind junge Männer hierzulande also alle progressive Linkswähler? Wohl kaum. Denn andere Studien deuten auf ähnliche Trends hin. Im Eurobarometer 2025 gibt mehr als die Hälfte der österreichischen Männer zwischen 15 und 24 an, die wichtigste Rolle eines Mannes sei es, Geld zu verdienen. 52 Prozent von ihnen halten Männer für weniger geeignet für Haushaltstätigkeiten. Laut Shell-Jugendstudie 2024 ordnet sich rund jeder vierte männliche Jugendliche politisch rechts ein – ein Anstieg seit 2019. Bei den Mädchen sind es nur etwa zehn Prozent. Und in Zwischenergebnissen der Ö3-Jugendstudie 2026 stimmen nicht einmal die Hälfte der Burschen der Aussage zu, Österreich sei von Gleichberechtigung noch weit entfernt. Bei den Mädchen sind es über drei Viertel.
Die Daten sind nicht eindeutig – aber sie zeigen ein Muster. Ein Muster, das sich auch jenseits von Studien beobachten lässt.
Gleichberechtigung mit Abzügen
Mit dem Begriff „konservativ“ kann A. aus Oberösterreich eigentlich wenig anfangen. „Wennst nicht mit der Zeit gehst, gehst mit der Zeit“ ist sein Motto. Und doch gibt es Entwicklungen, mit denen er hadert. „Es wird immer mehr vorgelebt, dass man als Mann auch ein Weichei sein darf. Dass es nicht schlimm ist, wenn man weint. Da stehe ich nicht hundertprozentig dahinter.“ Er hält es sogar für gefährlich, wenn Männer zu emotional sind. „Ein wirklich maskuliner Mann hat sich auch in Extremsituationen noch im Griff“, ist er überzeugt.
Man muss zwischen Gleichberechtigung und Männerhass unterscheiden.
Mechaniker
Auch mit der Gleichberechtigung ist es für A. so eine Sache. Im Prinzip dafür – klar. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit, selbstverständlich. Aber dann kommen die Abzüge. Wenn ein Arbeitgeber damit rechnen müsse, dass eine Frau bald in Karenz gehe, müsse man halt individuell schauen. Und dieses generelle Schießen gegen Männer – das störe ihn. „Ich finde, man muss zwischen Gleichberechtigung und Männerhass unterscheiden“, sagt er. „Ich bin voll für Gleichberechtigung – mit gewissen Abzügen.“
Dass junge Männer insgesamt konservativer werden, glaubt A. nicht. „Die Kreise sind nur extremer geworden“, meint er. Seine Freundin solle ihm natürlich nicht gehorchen. „In Teilen stimmt vielleicht, was Andrew Tate sagt – aber es ist viel zu macho-mäßig.“ Andrew Tate – eine umstrittene Figur. Der Influencer wurde vor allem mit frauenfeindlichen Aussagen und traditionellen Männlichkeitsbildern bekannt.
Zwischen Feminisierung und toxischer Männlichkeit
Was A. „macho-mäßig“ nennt, bezeichnet S. als toxische Männlichkeit – und davon hält er nichts. Man sehe ja, was daraus entstehe: Krieg und Gewalt. Gleichzeitig beobachtet der 30-jährige Lehrer aber ein anderes Extrem: die „Feminisierung“ des Mannes. Irgendwo dazwischen müsse es einen Mittelweg geben, eine „gesunde Männlichkeit“.
Für S. bedeutet das: Türen aufhalten, Verantwortung übernehmen, ein Gentleman sein. Dass solche Gesten heute oft abgelehnt würden, irritiert ihn. „Das kann ich selber“, bekämen Männer dann von Frauen zu hören. „Klar verwirrt das. Man fragt sich: Wieso lässt sie mich nicht in meiner Gentleman-Rolle handeln?“
Männer wünschen sich, dass eine Frau sie Mann sein lässt.
Lehrer
An Männer und Frauen würden, glaubt er, gesellschaftlich zunehmend die gleichen Erwartungen gestellt – obwohl sie von Grund auf unterschiedlich seien.
„Ich glaube, viele Männer wünschen sich, dass eine Frau sie Mann sein lässt“, sagt er. „Und ich glaube, dass auch viele Frauen sich unterbewusst wünschen, dass ein Mann ein Mann ist.“
Kein Feminist mehr
„Der Mann soll seine Männerrolle einnehmen, aber die Frau auch ihre Frauenrolle“, sagt auch J. „Nur Rechte verlangen und keine Pflichten wollen, geht nicht.“ Der 26-Jährige habe sich früher selbst als Feminist gesehen, meint er. Heute nicht mehr. Der Begriff sei gekapert worden, von Extremistinnen, „Feminazis“, wie er es nennt. Im Kern sei die feministische Bewegung zwar gut. „Aber wenn der Mann nicht mehr Mann sein darf, geht das halt nicht“.
Für J. ist klar, was Mann-sein bedeutet: Versorger sein, Verantwortung übernehmen, hart für seine Familie arbeiten. Das würde Männern oft abgesprochen. „Ich glaube, Männer werden konservativer, weil Frauen immer liberaler werden“, sagt er. Männer fühlten sich immer weniger gebraucht.
Der Name Andrew Tate fällt. Zu ihm steht J. ambivalent. Straftaten seien natürlich zu verurteilen - Tate wird unter anderem Menschenhandel und Vergewaltigung vorgeworfen. „Auf der anderen Seite gibt er vielen jungen Männern wieder Purpose und motiviert sie, an sich zu arbeiten, Geld zu verdienen und für ihre Frau zu kämpfen“, meint er.
Einen Körperpanzer bauen
Bernhard Wögerer ist Erlebnispädagoge, Trainer und Workshopleiter beim Verein Poika. Die Burschen, mit denen er arbeitet, sind jünger als A., S. oder J. – die Themen ähneln sich trotzdem.
Konservative Rollenbilder vorschnell Jugendlichen oder migrantischen Gruppen zuzuschreiben, greife jedoch zu kurz. „Was bei Jugendlichen als problematisch wahrgenommen wird, ist in Wirklichkeit nur ein Spiegel für gesellschaftliche und strukturelle Probleme“, sagt Wögerer.
Wenn ich mich als Junge ohnmächtig fühle und mir niemand zuhört, dann ist es naheliegend, dass ich mich von toxischen Influencern abholen lasse, die sagen: Bau dir einen Körperpanzer auf.
Trainer und Workshopleiter Verein Poika
Die Pubertät sei eine Phase der Orientierungslosigkeit. Einfache Erklärungen hätten dann einen besonderen Reiz. Solche Erklärungen finden sie vermehrt auf Social Media. „Wenn ich mich als Junge ohnmächtig fühle und mir niemand zuhört, dann ist es naheliegend, dass ich mich von toxischen Influencern abholen lasse, die sagen: Bau dir einen Körperpanzer auf“, meint er. Fitness- und „Looksmaxing“-Communities, also Online-Foren und Social-Media-Trends, in denen es darum geht, das eigene Aussehen möglichst stark zu optimieren, seien für viele junge Männer zentrale Orientierungspunkte.
„Egal, wie sehr ich von der Gesellschaft vernachlässigt werde, wenn ich 20 Euro im Monat fürs Fitnessstudio abdrücken kann, kann ich mir einen Körper antrainieren, der meinem Ideal entspricht und so meinen Selbstwert steigern.“ Viel wichtiger sei es aber, den jungen Männern zuzuhören und ihre Probleme ernst zu nehmen.
Böse Manosphere, gute Söhne
All diese Eindrücke widersprechen einem Glaubenssatz, der lange selbstverständlich war: Die Jugend ist progressiv. Das stimme einfach nicht, weiß Männlichkeitsforscher Paul Scheibelhofer von der Universität Innsbruck. „Man kann sich nicht zurücklehnen und sagen, es wird alles immer besser“. Die Realität sei widersprüchlicher, komplexer.
Die viel beschworene Identitätskrise der Männer sieht er kritisch. „Das ist eine falsche und problematische Diagnose. Männer sitzen gerade in Bezug auf Macht und Geld immer noch fest im Sattel.“ Das Reden von der Krise sei verlockend, weil es eine Trotzhaltung ermögliche: Die Welt hat sich verändert, also sind wir jetzt die Opfer. Dabei spürten Männer vor allem eines: den Entzug von Privilegien und unfairen Vorteilen. Das stoße auf Widerstand.
Ja, wir haben Donald Trump und Andrew Tate. Aber wir haben zuhause Onkel und Väter, die viel schlimmer sind.
Männlichkeitsforscher Universität Innsbruck
Natürlich sei es heute komplizierter, ein Mann zu sein, als vor zwei Generationen, räumt Scheibelhofer ein. Den klar vorgegebenen Weg gibt es nicht mehr. Doch das liege nicht nur am Feminismus, sondern vor allem auch an der Wirtschaft. Provider für eine Familie zu sein sei finanziell oft schlicht nicht realistisch.
Woher kommen also all diese Weltbilder? Die Verantwortung abzuwälzen sei zu kurz gegriffen, meint Scheibelhofer. „Die Hauptverantwortung liegt derzeit bei Erwachsenen, und zwar bei allen. Ja, wir haben Donald Trump und Andrew Tate. Aber wir haben zuhause Onkel und Väter, die viel schlimmer sind“.
Man suche nach einfachen Ursachen: die böse Manosphere - Online-Communities rund um Männlichkeits- und Anti-Feminismus-Ideologien - , die die guten Söhne verdirbt. Das sei jedoch falsch. Scheibelhofer formuliert es nüchtern: „Wir sollten uns alle überlegen, wo wir selbst Teil von Strukturen sind, die in eine konservative Richtung arbeiten.“ Eine unbequeme Frage. Aber vielleicht die richtige.