die Hände einer alten Frau sind über einem Stock zusammengeschlagen
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Weckruf: Depressionen bei älteren Menschen als unsichtbares Problem

Depression im Alter wird häufig übersehen – oder als „normal“ abgetan. Sie tritt aber nicht nur häufiger auf, sondern auch das Suizidrisiko steigt um ein Vielfaches. Aber es gibt Wege aus der Einsamkeit und Anlaufstellen, wenn es nicht mehr geht.

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Bei Ulrike sah seit der Pensionierung fast jeder Tag gleich aus: Sie kochte für sich und ihren Mann, gab ihm seine Medikamente, ging ins Vereinslokal zwei Straßen weiter. Dort waren sie seit Jahrzehnten engagiert. Doch eines Tages kam ihr Mann aus dem Krankenhaus nicht mehr nach Hause. Es gab niemanden mehr zum Kochen und Kümmern. Niemanden, mit dem sie die paar Schritte zum Verein gehen konnte. Also ging sie nicht mehr hinüber. Im Vereinslokal wunderte man sich zunächst. Irgendwann geriet sie in Vergessenheit. So ist das halt, wenn Menschen älter werden, sagte man sich.

Wie bei Ulrike beginnt es oft leise. Treffen werden abgesagt, Wege werden kürzer, Gespräche seltener. Was vielleicht wie eine normale Erscheinung des Alterns wirkt, sollte als Alarmsignal gelten: Denn es kann ein Zeichen für eine Depression sein. „Du bist halt alt. Da ist man halt traurig, da verliert man halt Menschen, da hat man halt Schmerzen“, gibt Julia Leinert vom psychosozialen Dienst des Hilfswerk Steiermark einen Einblick, was sich Betroffene oft von ihrem Umfeld anhören müssen. Tatsächlich ist Depression eine Krankheit, die im Alter sogar zunimmt, informiert der Psychiater und Leiter des Wiener Kriseninterventionszentrum, Thomas Kapitany.

Das kann drastische Auswirkungen haben – denn Depressionen sind die psychische Störung mit dem höchsten Suizidrisiko. Das Suizidrisiko in der Altersgruppe der 75- bis 79-Jährigen ist mehr als zweimal, ab 85 Jahren knapp fünfmal so hoch wie jenes der Durchschnittsbevölkerung, wie im Suizidbericht des Sozialministeriums steht. Deswegen rückte der Seniorenrat, das Kriseninterventionszentrum und die Telefonseelsorge Suizidprävention bei alten Menschen bei einem Pressegespräch in den Fokus. Die Organisationen forderten, das Thema endlich ernst zu nehmen.

Scham, Vorurteil und schwierige Wege

„Viele Menschen – ältere meist noch mehr – schämen sich dafür, dass sie Suizidgedanken haben, und scheuen sich, darüber zu sprechen“, sagt Psychiater Kapitany. Zur Scham kommen Vorurteile, die sich über Jahrzehnte verfestigt haben. Wer gelernt hat, Probleme mit sich selbst auszumachen, spricht auch im Alter nicht plötzlich darüber. 

Das zeigt sich auch in den Arztpraxen. „Die Menschen kommen und erzählen von ihren Schmerzen – aber nicht, dass es ihnen psychisch schlecht geht“, sagt Kapitany. Stattdessen äußert sich das Leiden oft körperlich: Schwindel, Bauchschmerzen, diffuse Beschwerden ohne klare Ursache.

Dabei sind die Warnsignale oft eindeutig: Freudlosigkeit, Antriebslosigkeit, Schlafstörungen – und vor allem sozialer Rückzug, man müsse nur auch darauf schauen, sagt Asita Sepandj, Leiterin des Gerontopsychiatrischen Zentrums in Wien. Besonders Männer täten sich schwer, darüber zu sprechen – und seien entsprechend schwieriger zu erreichen. Die Suizidraten sind bei älteren Männern mehr als doppelt so hoch wie bei Frauen.

Gemeinsam aus der Einsamkeit

Wie schlimm Einsamkeit im Alter enden kann, und was man aber auch dagegen unternehmen kann, zeigt ein Fall aus Graz: 1963 ist dort ein alter Mann alleine zu Hause zu Weihnachten erfroren. Der Schock war so groß, dass eine Initiative entstand, die bis heute besteht. Der Verein „Aktiver Leben“ ist seither Treffpunkt und Anlaufstelle für ältere Menschen in Graz. Mittlerweile gibt es zehn Gruppen, die sich regional verteilt, partei-, und konfessionsunabhängig jede Woche treffen, zum Kartenspielen, zum Singen, für Vorträge. Das Angebot ist bunt. 

„Da entstehen wirklich Freundschaften. Das ist ein wichtiger Tag für die Menschen, wenn sich die Gruppe trifft“, erzählt die Obfrau-Stellvertreterin Bettina Stockinger. Das Durchschnittsalter ist mit 80 Jahren relativ hoch, die Menschen, die kommen, sind bis vor knapp nach der Pensionierung bis über 90 Jahre alt. Sie docken oft nach Schicksalsschlägen an, weil sie die Gemeinschaft suchen. Stockinger erzählt von einem typischen Beispiel: „Zu uns kommt etwa ein älterer Herr, dessen Frau vor fünf Jahren gestorben ist, und der dann alleine daheim vereinsamt ist. Bis seine Kinder ihn dazu bewegt haben, zu uns zu kommen. Und jetzt blüht er richtig auf.“ 

Hilfe ist oft nur einen Anruf entfernt

Hilfe wird häufig erst spät gesucht – oft erst dann, wenn die Situation bereits eskaliert ist. Dabei gibt es Angebote. Das Gerontopsychiatrische Zentrum in Wien etwa ist eine niederschwellige Anlaufstelle, ein Anruf genügt. Ein Team mit Psychologin oder Psychologe, Arzt oder Ärztin und Pflegekraft trifft sich bei einem Termin sowohl mit der betroffenen Person als auch mit den Angehörigen um einmal zu evaluieren, was gebraucht wird. Dann helfen sie den Menschen, die richtige Unterstützung für sie zu finden, egal ob es eine Betreuung zu Hause durch eine Pflegekraft ist, regelmäßige Besuche in einem Tageszentrum der Psychosozialen Dienste Wiens oder die richtige medizinische Betreuung. 

„Wir versuchen, ein Netz zu knüpfen, das die Menschen auffängt“, sagt Sepandj. Das Zentrum ist eigentlich auf Demenz spezialisiert, doch die Krankheitsbilder werden oft verwechselt oder treten gemeinsam auf – eine zusätzliche Herausforderung in der Diagnose.

Ähnliche Angebote gibt es auch in den Bundesländern. Der psychosoziale Dienst des Hilfswerks Steiermark, wo Leinert arbeitet, bietet eigene Beratungsstellen für ältere Menschen. Ziel ist hier wie in Wien, die Situation rasch abzuklären, auch mit einem Hausbesuch, und die Betroffenen so lange wie möglich gut daheim zu versorgen. 

Der Weg zur Unterstützung ist allerdings je nach Bundesland unterschiedlich organisiert und finanziert. In der Steiermark besucht das Team des Hilfswerks etwa auch nach der ersten Einschätzung weiterhin selbst die Betroffenen, in Wien ist das anders. Der Seniorenrat kritisiert diese Unterschiede und fordert ein einheitliches Konzept. Die Politik sollte Einsamkeit als Gesundheitskrise begreifen, meint Präsidentin Ingrid Korosec. Für sie ist klar: Es handelt sich nicht nur um ein individuelles, sondern auch um ein strukturelles Problem.

Das können Angehörige tun

Gleichzeitig spielt das Umfeld eine entscheidende Rolle. Zuhören, ernst nehmen, da sein – mehr braucht es oft nicht, sagt Silvia Breitwieser, Leiterin der Telefonseelsorge Oberösterreich. Gerade ältere Menschen wollten niemandem zur Last fallen und sprechen deshalb nicht über ihre Probleme. „Es sagt niemand direkt: Ich will mir das Leben nehmen oder ich fühle mich einsam“, so Breitwieser. Stattdessen fallen Sätze wie: Ist mein Leben noch lebenswert? Oder: Ich habe niemanden zum Reden.

Genau hier würde Prävention beginnen: im Zuhören, im Nachfragen, im Ernstnehmen. Und manchmal auch darin, jemanden wieder ins Leben zurückzuholen, beispielsweise durch Hobbies, Vereine, Ehrenamt.

Wer es schafft, sich Hilfe zu holen, erlebt oft rasch eine Veränderung. Leinert vom Hilfswerk erinnert sich an eine über 80-jährige Frau, die nach einem schweren Leben geprägt von psychischen Erkrankungen durch die richtige Unterstützung wieder Lebensfreude fand: „Sie sagte dann zu mir: ‘Ich bin so froh, dass es mir noch einmal so gut geht in meinem Leben.’“ Das habe Leinert final bewiesen: „Das Leben kann in jedem Alter noch einmal richtig schön werden.“

Hilfe und Unterstützung

Die Broschüre „Ich will so nicht mehr weiterleben! – Die Herausforderungen des Älterwerdens meistern“ steht unter: https://kriseninterventionszentrum.at/aktuelles-uebersicht/downloads/ zum Herunterladen bereit, oder kann in Papierform per E-Mail an [email protected] bestellt werden.

Die Beratungsangebote der TelefonSeelsorge sind vertraulich, kostenlos und ohne Terminvereinbarung zu erreichen: unter der Telefonnummer 142 täglich rund um die Uhr, im Chat täglich von 16.00 bis 23.00 Uhr (www.onlineberatung-telefonseelsorge.at).

Maria Prchal

Maria Prchal

ist seit 2025 Redakteurin im Digitalteam. Ihre Schwerpunkte sind unter anderem Sozialpolitik, Klima und technische Themen.