Weg mit dem Fleck: Lehrer kritisieren Gratis-Nachhilfe in Wien

Weg mit dem Fleck: Lehrer kritisieren Gratis-Nachhilfe in Wien

Ab Februar bezahlt die Stadt Wien AHS-Schülern den Nachhilfeunterricht. Den Lehrern gefällt das gar nicht.

Bisweilen kann Politik noch überraschen: Völlig ansatzlos beschloss die Wiener SPÖ im März vergangenen Jahres auf ihrer Klubtagung, ab Herbst 2014 kostenlose Nachhilfestunden für Volksschüler anzubieten; ab Feb-ruar 2015, so der damalige Beschluss, sollen auch Neue Mittelschulen und die AHS-Unterstufe in das Wiener Gratis-Nachhilfeprogramm einbezogen werden. 20 Millionen Euro will die Stadt für die Maßnahme lockermachen.

Lehrer wenig begeistert
Während das Projekt beim Publikum erwartungsgemäß positiv aufgenommen wurde - 75 Prozent der Befragten sprachen sich in einer Erhebung des Unique-Research-Instituts dafür aus -, waren die Lehrer wenig begeistert.

Man solle lieber mehr Planstellen an den Schulen einrichten, mäkelten die einen; das Geld sei besser in mehr Zusatzstunden am Vormittag angelegt, meinten andere. An den Volksschulen, wo das Projekt im September mit zwei Nachhilfestunden pro Woche gestartet wurde, wird der Unterricht von Lehrern der jeweiligen Schule abgehalten - zusätzlich honoriert natürlich. Dennoch war die Freude darüber begrenzt: Sie habe um zwölf Uhr Schulschluss, die beiden Nachhilfestunden beginnen aber erst um 14 Uhr, klagte eine Volksschulpädagogin dem "Kurier" ihr schreckliches Arbeitsleid.

Die Kritik der AHS-Lehrergewerkschaft am ab Februar verfügbaren Gratis-Nachhilfeunterricht für die AHS-Unterstufe entzündet sich am Gegenteil: Weil die Nachhilfe nicht an der Schule, sondern an Wiener Volkshochschulen abgehalten wird, fürchtet AHS-Lehrergewerkschaftschef Eckehard Quin um das Niveau der Nachhilfe ( siehe Interview ).

"Lehrer, ehemalige Lehrer und Studenten"
Der für das Projekt zuständige Stadtrat Christian Oxonitsch (SPÖ) weist diese Vermutung zurück: "Für die zusätzlichen Nachhilfestunden werden Lehrer, ehemalige Lehrer und Studenten engagiert. Die können das."

Der Bedarf für eine derartige Maßnahme ist jedenfalls beträchtlich: Hochgerechnet geben Familien in Österreich pro Jahr rund 120 Millionen Euro für Nachhilfestunden aus, ergab eine 2012 durchgeführte Ifes-Studie im Auftrag der Arbeiterkammer. Die Nachhilfe für einen AHS-Unterstufenschüler beläuft sich im Schnitt auf 800 Euro im Jahr, für Oberstufen-Nachhilfe müssen rund 950 Euro an Kosten veranschlagt werden. Leben in einer Familie zwei Kinder mit Förderbedarf, geht das schwer ins Geld.

Dazu kommt die unbezahlte "Nachhilfe“ durch die Eltern: Vier von fünf Müttern oder Vätern lernen am Abend nach der Arbeit mit ihren Kindern oder kontrollieren deren Hausarbeiten. Das entspricht der Tätigkeit von 48.000 Vollzeitbeschäftigten, hat die Arbeiterkammer errechnet.

Ausgaben für Nachhilfe deutlich gesunken
In jeder vierten Familie genügt die elterliche Unterstützung nicht, dann muss Nachhilfe von außen zugekauft werden. Die "meistgebuchten“ Fächer sind Mathematik, Fremdsprachen und Deutsch. Die Arbeiterkammer-Studie ortet dabei Bedrohliches: Die Ausgaben für Nachhilfe sind in den vergangenen beiden Jahren gesunken; da dies kaum auf plötzlich brillante Schulleistungen zurückzuführen ist, scheinen sich viele Familien diese Ausgaben einfach nicht mehr leisten zu können.

Die Nachfrage nach der kostenlosen Förderung ist jedenfalls beträchtlich: An den Wiener Volksschulen wurden bisher 8600 Kinder an 370 Schulen für die Gratis-Nachhilfe angemeldet.

Derzeit läuft in Wien die Anmeldefrist für die Förderkurse von Schülern der AHS-Unterstufe und der Neuen Mittelschule, also für die Zehn- bis 14-Jährigen (www.vhs.at oder persönlich an jedem Standort einer Volkshochschule). In den insgesamt 900 Kursen in Englisch, Deutsch und Mathematik werden jeweils maximal zehn Schüler zwei Stunden pro Wochen unterrichtet.

Hohe Erfolgsquote
Nachhilfe wirkt: Laut IFES-Studie bringt sie in 80 Prozent der Fälle den gewünschten Erfolg, der meist darin besteht, dass es keine Nachprüfung im Herbst oder gar ein Wiederholen der Klasse gibt.

Gratis-Nachhilfe-Erfinder Oxonitsch: "Es geht uns um die Schüler, die Hilfe brauchen, die sich deren Eltern nicht leisten können - nicht um jene, die sich von einem Zweier auf einen Einser verbessern wollen. Die können das selbst zu Hause machen.“

Die Vermutung, den Lehrern gehe es vor allem um das Körberlgeld, das sie durch die Gratis-Nachhilfe verlieren, will der Stadtrat nicht kommentieren. Ganz von der Hand zu weisen ist der Verdacht allerdings nicht: Immerhin ein Drittel aller Nachhilfestunden in Österreich wird von noch aktiv im Berufsleben stehendem Lehrpersonal gegeben.

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