Codewort Liesing: Begleitung für Ängstliche

Ob der Verein für eine größere Zahl an Aufträgen gerüstet ist, bleibt unklar.

Ob der Verein für eine größere Zahl an Aufträgen gerüstet ist, bleibt unklar.

Der Verein "Weißer Flügel“ bietet Begleitung für Ängstliche. Was steckt hinter dem Angebot? Ein Selbstversuch.

Es ist 17.43 Uhr, als das Handy vibriert und eine neue Nachricht auf dem Display erscheint. "Bin am Weg“, heißt es darin. Der vereinbarte Treffpunkt ist die U-Bahn Station Volkstheater. Von dort soll es in den 23. Bezirk gehen. Pünktlich um 18.30 Uhr wartet Mario Schmidt, Obmann des Vereins "Weißer Flügel“, am Ende der Burggasse. Er fragt nach dem Codewort. "Liesing.“ Es kann losgehen.

Wenige Stunden zuvor hatte die SMS-Konversation begonnen. "Hallo Herr Schmidt, ist es möglich den Service Ihres Vereins heute Abend in Anspruch zu nehmen?“ Auf Journalisten ist Vereinsobmann Mario Schmidt nicht gut zu sprechen. Bei einem kurzen Telefonat einige Tage zuvor erklärte er bereits, dass der Verein durch die mediale Berichterstattung die sich im Jänner durch alle großen Tageszeitungen zog, sehr unter Druck geraten sei. Lieber also vorerst "undercover“ bleiben. Mit einer Antwort rechnet in der Redaktion keiner. Das Handy wird zur Seite gelegt. Als die nächste SMS eintrifft, scheint sich der Verdacht zu bestätigen: Versprechen könne er nichts, schreibt Schmidt, aber er versuche, Freunde aus dem Verein zu erreichen, die eventuell Zeit hätten.


Die Kappe tief ins Gesicht gezogen, steht Schmidt kurz vor 18.30 Uhr beim Eingang zur U-Bahn Station Volkstheater

Die Facebook-Site des "Weißen Flügel“ verspricht kostenlose Begleitung für Menschen, die sich allein unsicher fühlen. Das Angebot gelte rund um die Uhr, und alle Mitarbeiter seien ehrenamtlich tätig. Eine kurze SMS mit Uhrzeit, Treffpunkt und persönlichem Kennwort reiche aus, um den Service in Anspruch zu nehmen. Das Kennwort stellt die Identifikation sicher. Persönliche Daten müssen nicht angegeben werden. Kann so etwas funktionieren? Wie viele Personen braucht es, um ein solches Geschäftsmodell erfolgreich zu etablieren?

Dann meldet sich Schmidt wieder per Handy. Er werde sich persönlich um den Service kümmern, schreibt er. Die Kappe tief ins Gesicht gezogen, steht Schmidt kurz vor 18.30 Uhr beim Eingang zur U-Bahn Station Volkstheater. Nach einem flüchtigen "Hallo“ geht es Richtung U3. Schmidt ist gut gelaunt und beginnt ausführlich zu erzählen. Nachdem eine Bekannte überfallen worden war, habe er im April 2014 beschlossen, das Projekt zu starten. "Sicherheit ist das Grundbedürfnis jedes Menschen“, heißt es im Memorandum des "Weißen Flügel“. Und diese Sicherheit will Schmidt mit seinem Verein allen Menschen bieten, die sich dafür interessieren.


Fühlen sich ängstliche Menschen tatsächlich sicherer, wenn sie von einem fremden Mann nach Hause begleitet werden?

Die offizielle Gründung des Vereins erfolgte am 16. September 2015. Richtig rund ging es dann im Rahmen der zahlreichen Medienberichte im Jänner 2016. Die Vorfälle in der Silvesternacht in Köln und in einigen österreichischen Städten lösten eine heftige Debatte um das Schutzbedürfnis von Frauen aus. Im Zuge dessen erhielt auch der Verein "Weißer Flügel“ viel Aufmerksamkeit.

"Dabei waren wir personell noch nicht gerüstet für solch einen Ansturm“, sagt Schmidt. Der Service befand sich zu dieser Zeit noch im Aufbau. Der groß angekündigte Starttermin Ende Jänner konnte nicht eingehalten werden. Der Ansturm, von dem Schmidt spricht, ist nur schwer vorstellbar. Fühlen sich ängstliche Menschen tatsächlich sicherer, wenn sie von einem fremden Mann nach Hause begleitet werden?

Die U-Bahn fährt in die Station Landstraße ein, es wird immer voller im Zug. Schmidt spricht über die vielen Anfragen, die durch die Berichterstattung an den Verein herangetragen wurden. Genaue Zahlen will er jedoch nicht verraten. Schmidt betont immer wieder, dass der Verein weder das Gewaltmonopol des Staates noch die Arbeit der Polizei infrage stelle. Er möchte helfend zur Seite stehen - "Konversation zur Deeskalation“ lautet das Motto.

Von der U3 geht es weiter zur Schnellbahn. Nach dem genauen Weg hat Schmidt bis jetzt noch nicht gefragt. Die Situation wirkt etwas irreal. Es scheint, als suche der Mann an einem Montagabend schlicht und ergreifend einen Zeitvertreib.


Jedes Mal, wenn das Gespräch in Richtung Struktur des Vereins kommt, lenkt er vom Thema ab

In der Schnellbahn Richtung Liesing wird er dennoch kurz ungeduldig: "Wie lange wird es denn noch dauern?“ - "Nicht mehr lange, der Zug hält eh nicht in allen Stationen.“ Diese Antwort scheint ihn für den Moment zu befriedigen.

Schmidt holt sein Tablet aus der Tasche und präsentiert die Facebook-Site des Vereins. Bilder von einem Selbstverteidigungskurs für Frauen, den eine Bekannte organisierte, springen sofort ins Auge. Ausführlich erklärt er, dass alle Begleiter eine umfangreiche Ausbildung erhalten. Neben Konversationstraining fließen Elemente der japanischen Kampfkunst Ninjutsu ein. Wichtig sei das Vermeiden von Gewalt, betont Schmidt.

Im Regionalzug Richtung Wiener Neustadt Hauptbahnhof demonstriert Schmidt, wie man sich im Notfall mit einfachen Handgriffen selbst verteidigen kann. Auf die Kehle des Angreifers zielen, rät er. Zweifelsfrei ist er völlig überzeugt von seiner Idee. Jedes Mal, wenn das Gespräch in Richtung Struktur des Vereins kommt, lenkt er vom Thema ab.


Der Begleitschutz des "Weißen Flügel" hält auf den ersten Blick, was er verspricht

Schmidt ist in vollem Redeschwung, als die Zugfahrt in Wien Liesing ein abruptes Ende findet. Er freut sich, dass seine Arbeit hiermit getan ist. Die Verabschiedung fällt überstürzt aus - der Zug zurück in Richtung Floridsdorf fährt bereits auf dem gegenüber liegenden Bahnsteig ein. Schmidt winkt zum Schluss kurz und verschwindet im Wageninneren.

Mit einer SMS begann die Begegnung, mit einer SMS endet sie: "Selbstverständlich werden deine Kontaktdaten gelöscht. Für weitere Infos oder Vorbestellungen stehe ich bzw. wir wieder gerne zur Verfügung.“

Der Begleitschutz des "Weißen Flügel“ hält auf den ersten Blick, was er verspricht. Der Service ist anonym, auf Vorbestellung möglich und - zumindest beim profil-Selbstversuch - zuverlässig. Ob der Verein jedoch für eine größere Zahl an Aufträgen im Moment gerüstet ist, bleibt unklar. Fragen hinsichtlich Mitgliederzahlen und der Menge an täglichen Anfragen werden nicht beantwortet. Auch offizielle Presseanfragen können nur via E-Mail eingebracht werden - es gibt keine Telefonnummer und keine konkrete Ansprechperson. Steckt womöglich nicht viel mehr als die Person Mario Schmidt hinter dem Namen "Weißer Flügel“?