Eine Frau steigt in das Regio Mobil bei Regen ein
Bild anzeigen
Wählen Sie profil als bevorzugte Google-Quelle

Wer zahlt die letzte Meile: Der Kampf um die Mikro-Öffis

Wer am Land vom Bahnhof in die Arbeit oder von daheim zum Arzt will, braucht oft immer noch ein Auto. Oder hat das Glück, in einer Gemeinde zu leben, die ein Sammeltaxi fördert. Doch das können sich die Kommunen immer weniger leisten. Und streichen die Angebote.

Drucken

Schriftgröße

Hören Sie sich diesen Artikel an

Die steirische Stadtgemeinde Deutschlandsberg hat eigentlich eine ganz gute Infrastruktur, zum Einkaufen, für Schülerinnen und Schüler, für Gesundheitsservices. Wer allerdings aus dem Bezirk in die Stadt will, benötigt seit neuestem wieder ein Auto. „Wir müssen jetzt immer jemanden bitten, der uns fährt“, beschwert sich Chlotilde Reinisch aus Eibiswald, Bezirksobfrau des Seniorenbunds Deutschlandsberg. Bis 31. März war das noch anders, da gab es in den Bezirken Deutschlandsberg und Leibnitz das sogenannte Regiomobil. Ein Sammeltaxi-Service, das die Menschen in den 38 Gemeinden zu günstigen Tarifen von A nach B brachte. 

Das Regiomobil ist ein Beispiel für über 290 solcher Systeme in Österreich. Sie werden als  Mikro-ÖVs (Öffentlicher Verkehr) oder Bedarfsverkehr bezeichnet und sollen die berühmte letzte Meile überbrücken, also den Weg von einem öffentlichen Verkehrsmittel wie Bus und Zug zum Zielort. „Wir Senioren am Land sind wirklich darauf angewiesen fürs Einkaufen oder, um zum Arzt zu fahren“, sagt Reinisch. Gerade in Zeiten steigender Spritpreise und Klimakrise, eine wichtige Alternative selbst für die, die Autofahren könnten. 

Doch die Tarife konnten nur so günstig sein, weil die Gemeinden dafür ordentlich Geld in die Hand genommen haben, die Gemeinde Eibiswald etwa 100.000 Euro jährlich. Das gesamte Regiomobil kostete 1,4 Millionen pro Jahr, aufgeteilt wurde es zu zwei Dritteln auf die teilnehmenden Gemeinden und ein Drittel übernahm die Region Südweststeiermark.

Das Land Steiermark beteiligte nicht direkt, denn es sah das Modell als Konkurrenz zu ihrem eigenen Linienverkehr. Deshalb gibt es keine Subventionen. Im Land hält man nachwievor an diesen den Förderkriterien fest, auch wenn es vor Kurzem dafür sogar Kritik des Landesrechnungshofs gab. „Dies wäre zwar kundenfreundlich, würde aber kostspielige Parallelverkehre zu gut ausgebauten S-Bahn-, Regiobus- und Stadtverkehren verursachen“, heißt es aus dem Büro der zuständigen Landesrätin Claudia Holzer. Von diesen „gut ausgebauten“ Öffis profitieren die Menschen in Eibiswald und den anderen nicht angebundenen Umlandgemeinden nicht. 

31 Gemeinden steigen in Oststeiermark aus

Nicht nur die Gemeinden im Bezirk Deutschlandsberg und Leibnitz können sich ihren Mikro-ÖV nicht mehr leisten. Zu seinem Start vor sechs Jahren war das SAM (Sammeltaxi) Oststeiermark das größte Mikro-ÖV-System Europas, erzählt der zuständige Regionalentwickler Roland Sumper. 66 Gemeinden waren an Bord. Aktuell muss erneut um die dafür nötige Förderung angesucht werden. Doch 31 Gemeinden wollen nicht mehr.

In Lokalmedien berichten die verschiedenen Ortschef wöchentlich davon, wieso sie es sich entweder nicht mehr leisten können, oder doch noch leisten wollen. Sumper versteht die Gemeinden und kritisiert ebenfalls die Förderkriterien des Landes. „Wir sind keine Konkurrenz, sondern befüllen die letzten weißen Fleckerl auf der Öffi-Landkarte.“ Was er sich wünscht: klare Planungssicherheit und eine fixe Finanzierung.

Aber es liegt nicht nur am Fördersystem in der Steiermark, dass es sich nicht mehr ausgeht für die Gemeinden. Seit heuer fährt etwa in Oberösterreich das Mondseeland-Shuttle nicht mehr. „Wir Gemeinden können das nicht mehr stemmen“, sagt die Bürgermeisterin von Oberhofen-Irrsee Elisabeth Höllwarth-Kaiser. 25.000 Euro hat das Service ihrer Gemeinde pro Jahr gekostet, „ich habe dann kaum mehr Handlungsspielraum  für Vereinsförderungen oder ähnliches. Die Personen in ihrer Gemeinde, die das Mondseeland-Shuttle genutzt haben, rufen sich jetzt ein Taxi. 

Eine Landkarte zeigt die Situation des Bedarfsvekehrs in Österreich 2023
Bild anzeigen

Nicht nur für „Omas und Kinder“

Aber beim Mondseeland-Shuttle gab es noch ein Problem: Die Besetzungsdichte. Nur durchschnittlich 1,5 Personen waren bei einer Fahrt dabei, obwohl die Idee war, bei jeder Fahrt mehrere Menschen gleichzeitig zu transportieren, und somit auch klimaschonend unterwegs zu sein. Die Bürgermeisterin gesteht ein: „Es hat doch jeder ein Auto und es war anscheinend nicht genug Anreiz für viele, wirklich auf das zweite Auto zu verzichten und dafür mit dem Shuttle zu fahren.“

Das Problem kennt Christoph Kirchberger von Moybome, ein Unternehmen, das Akteure zu Mobilität im ländlichen Raum vernetzt und berät. Oft fühlen sich nur bestimmte Personengruppen von Mikro-ÖV-Angeboten angesprochen: „Es ist oft unklar, auf welche Zielgruppen die Angebote abzielen. Es gibt so das Klischee der Omas und Kinder, aber die Angebote sollen ja auch alle anderen erreichen.“

Kirchberger unterscheidet zwischen den Fahrgästen, die nicht anders unterwegs sein können, und denen, denen man schmackhaft machen muss, nicht selbst ins Auto zu steigen. Eine Planung mit so einer differenzierten Betrachtung würde Sinn machen, darauf kann man die Frequenz und Betriebszeiten dann anpassen. 

Ob die Angebote der Kommunen tatsächlich angenommen werden, entscheide sich auch dadurch, wie gut sie kommuniziert werden, meint der Verkehrsclub Österreich (VCÖ). Das beginne am Fahrplanaushang, über die Bedienung einer Verkehrs-App bis zur Einbindung von Vereinen und Betrieben vor Ort. 

Die Mikro-ÖV-Landkarte ist ein Fleckerteppich. Nicht nur in der Steiermark, in ganz Österreich. Jedes Land hat andere Förderkriterien, jedes Modell andere Tarife, Buchungsplattformen, Betreiber. Es gibt wenig Vereinheitlichung. 

Seit 2023 stagniert die Zahl der Mikro-ÖVs, beziehungsweise geht sogar zurück, wie Zahlen des Portals bedarfsverkehr.at zeigen. Koordiniert wird die Plattform vom Mobyome. Kirchberger würde dem Knick in der Statistik aber nicht zu viel Bedeutung zumessen. Denn es gebe zwar weniger Systeme, aber dafür mehr Gemeinden, die mitmachen. Also mehr Zusammenarbeit. 

Was passiert, wenn das Land mehr fördert, zeigt sich in Salzburg: Hier sprießen die Angebote nur so aus dem Boden. 60 Prozent der Kosten übernimmt das Land die ersten drei Jahre.

Während in der Südweststeiermark das Regiomobil wegbricht, hat im Bezirk Leibnitz bereits ein anderer privater Dienst die Sammeltaxi-Idee übernommen. Die Menschen im Nachbarsbezirk Deutschlandsberg wie Chlotilde Reinisch warten derweil noch auf eine Lösung: „Es heißt immer, es ist alles eine Geldfrage, in der Gemeinde bei den Ländern, beim Bund. Aber im Endeffekt sind es dann wir, die auf der Strecke bleiben.“

Maria Prchal

Maria Prchal

ist seit 2025 Redakteurin im Digitalteam. Ihre Schwerpunkte sind unter anderem Sozialpolitik, Klima und technische Themen.