Es ist eine der vielen Ethnien Ghanas („Die berühmtesten sind die Aschantis, nach denen die Aschantinüsse benannt sind.“) Christine Refaei ist heute 82 Jahre alt. Sie sagt, sie hätte all die schönen Dinge in ihrem Leben nicht gemacht und erreicht, wenn sie sich ihren Bedenken gebeugt hätte. „Jeder hat die Möglichkeit, sein Leben zu ändern, wenn er damit nicht zufrieden ist, wenn es nicht passt – sei es im Job oder in Beziehungen.“ Alle paar Jahre habe sie sich die eine Frage gestellt: „Ist mein Leben noch so, wie ich es will?“
Jedes Mal haben sie ihre Antworten weitergebracht und ihr neue Türen in neue Existenzen aufgestoßen. Keine einzige dieser Entscheidungen hat sie jemals bereut, sagt sie. Sie machten nicht nur ihr eigenes Leben bunter, sie ermöglichten ihr auch einen Dienst an ihren Mitmenschen, denen sie sich nie verschlossen hat.
Christine Refaei hat nicht nur eine außergewöhnliche Frauenbiografie, sie ist auch eine echte Frohnatur. Bunte Halskette, lange rote Ohrringe, korallenfarbener Lippenstift. „Ich bin eine, die viel redet“, sagt sie, während sie durch ihr Esszimmer huscht, auf der Suche nach dem passenden Geschirr. Die Gänge und Räume in ihrem Einfamilienhaus in Wiener Neustadt sind gesäumt von Familienfotos aus allen Epochen, mit runden und ovalen Holzmasken und allerlei Mitbringsel und Nippes aus Afrika.
An diesem Montagnachmittag kredenzt sie Tomatensuppe und getoastetes Weißbrot, Kaffee mit Schlagobers („Ist angeblich gesünder als Milch!“) und Blätterteigtascherl, die die Etagere zum Überquellen bringen. Dazwischen stapelweise Fotoalben, die die Seniorin jetzt ausbreitet und durchblättert. Hunderte Fotos zeugen von Jahrzehnten voller Begegnungen, Zeremonien am Königshof und Rundreisen durch atemberaubende afrikanische Landschaften: Refaei in bunten Wickelgewändern und mit Kopfschmuck unter einem ausladenden Sonnenschirm, den ein junger Mann mit nacktem Oberkörper hält. Oder Refaei inmitten eines Frauenrats der Akuapem, die eigentlich das Sagen haben in der Kultur, wie die Ethnologin erklärt. „Durch meine Funktion hatte ich die einmalige Möglichkeit, Einblicke in die Kultur dieser Menschen zu bekommen.“
Beim Volk der Akuapem ist Refaei eine von mehreren Regionalköniginnen, die dem Hauptkönig unterstellt sind. „Es ist ein Ehrentitel mit keinerlei politischer Funktion, doch diese Strukturen haben entscheidenden Einfluss auf das Leben der Menschen und bieten ihnen Hilfestellung und Sicherheit“, sagt sie. Auf diese Position hat die gebürtige Wiener Neustädterin keineswegs hingearbeitet, sie ist, so wie über vieles, was Bedeutung in ihrem Leben hatte, einfach darübergestolpert.
Alles begann mit ihrem allerersten Flug nach Ghana 1998. Hinter ihr saß ein Mann aus Ghana, der in Graz lebte, mit dem Refaei ins Gespräch kam und der sich als eine wichtige Figur in der Hierarchie des Königtums entpuppte. Sie erzählte ihm von ihrem Forschungsvorhaben und ihre Recherche für ihre Diplomarbeit zu den Bräuchen der Akuapem. Für den Zweck ihrer Forschung vermittelte er den Kontakt zum Königshof der Akuapem in Akropong.
Der royale Rang der „Queen Mother of Development“, den sie als Studentin verliehen bekam, nahm ihr späteres soziales Engagement in der Gegend vorweg. Jahre nach ihrer Installierung zur Regionalkönigin gründete Refaei den Verein Help4Ghana. Mehreren Tausend Schülerinnen und Schülern in dieser Region Ghanas haben die Spendengelder, die die Organisation gesammelt hat, den Schulbesuch ermöglicht. Patenschaften von 40 Euro im Jahr finanzieren die Anschaffung von Schulkleidung und Lernutensilien. Dem Verein steht die Niederösterreicherin seit mehr als einem Vierteljahrhundert vor, sie nennt ihn ihr „Baby“.
Auch in diesem Fall hatte wieder alles mit einer zufälligen Begegnung begonnen, auch das bei einer ihrer ersten Reisen. Refaei ging über die Straße von Akropong und sah Kinder, die vor ihren Häusern spielten, dabei war es Vormittag. Sie fragte sich, warum sie nicht in der Schule waren. An diesem Tag sprach sie mit ihrer Gastgeberin, einer Lehrerin, darüber, warum denn so viele Kinder nicht im Unterricht saßen. So erfuhr sie, dass der Unterricht nicht gratis ist, ebenso die Schuluniformen, die Hefte, Bücher und Stifte – und viele Familien sich das nicht leisten konnten. Für zwei Zwillingsmädchen übernahm Refaei spontan eine Art Patenschaft, es sollte zum Modell werden für den Hilfsverein, den sie später gründete.
Zu Hause in Österreich erzählte sie ihren Freunden und Bekannten von ihren Begegnungen und sammelte zunächst privat Geld für die Kinder vor Ort. Eine Weile ging das auch gut, doch irgendwann wurde der Aufwand so groß, dass sie einen Angestellten vor Ort brauchte, um die Arbeit zu koordinieren. Auch dessen Werdegang ist eine Erfolgsgeschichte, ermöglicht durch die Arbeit im Verein Help4Ghana: „In den Jahren bei uns hat unser Erik zwei Masterstudien abgeschlossen, auf die er sehr stolz ist. Und wir sind es auch“, sagt Refaei.
Derzeit sind rund 800 Spenderinnen und Spender auf der Liste der Hilfsorganisation Help4Ghana, manche bleiben mit ihren Patenkindern auch lange nach deren Schulzeit in Kontakt und unterstützen sie in Eigenregie weiter. Derzeit hilft der Verein rund 1200 Mädchen und Buben. Die Spenden sind steuerlich absetzbar.
Demnächst wird Christine Refaei zum 42. Mal Ghana bereisen. Überhaupt ist sie viel unterwegs. Seit 16 Jahren ist die 82-Jährige mit einem Tiroler liiert, seitdem hat sie zwei Wohnsitze. „Ich hatte immer sehr viel Glück“, sagt Refaei. Doch das Glück folgt den Mutigen, solchen wie Christine Refaei.