Wenn ich mal groß bin, werd‘ ich Politikerin
Die Hälfte der österreichischen Bevölkerung sind Frauen. Im Nationalrat sind sie dennoch in der Minderheit. Parteien, die dort einen Frauenanteil von mindestens 40 Prozent erreichen, werden mit zusätzlichen Fördermitteln belohnt – rund 160.000 Euro pro Jahr. Doch das Ziel bleibt für viele außer Reichweite: Die ÖVP schafft es nicht, die FPÖ schon gar nicht, und zuletzt fiel auch die SPÖ unter diesen Zielwert.
Wie sollen die Parteien also ihre Nachwuchspolitikerinnen finden? Ein möglicher Personalpool sind die Jugendorganisationen der Parteien. profil hat mit vier jungen Politikerinnen aus verschiedenen Parteijugenden darüber gesprochen, wie Frauen dort Politik erleben.
Politische Familien
Wie Mutter und Tochter gehören Parteien und ihre Jugendorganisationen zusammen: Die Junge Volkspartei (JVP) zur ÖVP, die Sozialistische Jugend (SJ) zur SPÖ, die Junos zu den Neos, die Freiheitliche Jugend zur FPÖ und die Grüne Jugend zu den Grünen. Viele bekannte Politiker haben ihre Laufbahn dort begonnen – von Bruno Kreisky über Jörg Haider bis Sebastian Kurz.
„Politik ist über Jahrzehnte männlich geprägt“, sagt Antonia Herunter, stellvertretende Bundesobfrau der JVP. Viele Strukturen seien historisch von Männern aufgebaut worden. Ronja Dummann, Sprecherin der Grünen Jugend, sieht das ähnlich: „Ich glaube, in der Politik herrscht immer noch ein gewisses Klima, das Frauen davon abhält, voranzukommen.“
Die Organisationen versuchen, Frauen den Weg in die Politik zu erleichtern – mit unterschiedlichen Mitteln. Sozialistische Jugend und Grüne Jugend setzen auf Quotenregelungen in ihren Gremien, einmal mindestens 40, einmal sogar 50 Prozent Frauenanteil. JVP und Junos verfolgen einen anderen Ansatz und setzen auf Sensibilisierung und Vorbildwirkung. In der Praxis bedeutet das: Bei den Junos liegt der Frauenanteil im Bundesvorstand bei 40 Prozent, bei der JVP etwas über 30 Prozent. Und dann ist da die Männerrunde im Bunde, die Freiheitliche Jugend. Alle politischen Ämter, die öffentlich genannt werden, sind Männer.
Die Kunst der Selbstüberschätzung
Das männlich geprägte Umfeld hat Folgen. „Frauen überlegen lieber dreimal: Kann ich das überhaupt? Soll ich das machen? Ist das gescheit?“, sagt Herunter. Männer würden sich eher zuerst trauen und danach überlegen. Eine Beobachtung, die auch Dummann teilt. „So sitzen dann Männer, die vielleicht gar nicht so viel Kompetenz haben, schon lange an höheren Stellen – einfach, weil sie sich mehr zutrauen.“
Man trifft jeden Tag Entscheidungen. Bei jeder einzelnen kann man überlegen, ob man eine Frau um ihre Expertise fragt und ihr Verantwortung zuteilt – oder einen Mann.
Verbandsvorsitzende Sozialistische Jugend
Ein Teil der Lösung liege daher auch bei den Frauen selbst, meint Fabienne Lackner, stellvertretende Bundesvorsitzende der Junos. „Man sollte lernen, ja zu sagen – auch wenn man sich vielleicht nicht zu hundert Prozent sicher ist.“ Doch auch das Umfeld spiele eine Rolle. Larissa Zivkovic, Vorsitzende der Sozialistischen Jugend, sieht Verantwortung bei jenen, die politische Positionen vergeben: „Man trifft jeden Tag Entscheidungen. Bei jeder einzelnen kann man überlegen, ob man eine Frau um ihre Expertise fragt und ihr Verantwortung zuteilt – oder einen Mann.“
Fesche Mädels oder kompetente Politikerinnen
Neben Selbstzweifeln berichten die jungen Politikerinnen auch von einer verzerrten Wahrnehmung. Jungen Frauen werde weniger Kompetenz zugetraut, sagen mehrere der Gesprächspartnerinnen. Expertise würde ihnen abgesprochen, sie würden unterschätzt. Selbst in progressiven politischen Umfeldern sei das spürbar, sagt Dummann: „Ich glaube, ein gewisser intuitiver Rest von ‚Wem vertraue ich mehr?‘ bleibt immer.“
Kolleginnen von mir haben nach Reden schon Mails erhalten, in denen sich irgendein Herr darüber beschwert hat, was sie anhatten.
Stellvertretende Bundesvorsitzende für interne Strategie, Koordination und Presse Junos
Statt politischer Inhalte rücken dabei oft Äußerlichkeiten in den Vordergrund. Herunter sei doch „so ein fesches junges Mädel“ – erstaunlich, dass sie in der Politik sei. „Klassischer Stammtisch-Sexismus“, nennt sie solche Kommentare. Ähnliche Erfahrungen macht auch Zivkovic. Nach Fernsehauftritten drehe sich die Diskussion häufig eher darum, wie sie ausgeschaut habe, als um inhaltliche Kritik. Auch im Parlament sei das Thema präsent. „Kolleginnen von mir haben nach Reden schon Mails erhalten, in denen sich irgendein Herr darüber beschwert hat, was sie anhatten“, erzählt Lackner.
Ich halte nichts davon, jungen Menschen zu sagen, sie bräuchten eine dicke Haut. Manche Sachen gehen einfach nicht.
Bundesobfrau-Stellvertreterin JVP
Besonders online werde die unterschiedliche Bewertung deutlich. Herunter findet unter ihren Instagram-Posts Kommentare, die auf den Seiten ihrer männlichen Kollegen selten auftauchen. „Die Politik muss sich im Ton erholen“, fordert sie. „Ich halte nichts davon, jungen Menschen zu sagen, sie bräuchten eine dicke Haut. Manche Sachen gehen einfach nicht.“
Gegen das Dagegen
Wie lässt sich die Politik so verändern, dass sich auch Frauen in ihr wohlfühlen? Ideen gibt es viele: Themen stärker sichtbar machen, die Frauen betreffen. Vorbilder schaffen. Den Einstieg in politische Arbeit über Netzwerke erleichtern.
Wir dürfen Männern die politischen Räume nicht überlassen.
Sprecherin Grüne Jugend
Doch allein mit guten Vorsätzen sei es nicht getan, sagt Lackner: „Sonntagsreden über Gleichstellungspolitik zu schwingen reicht nicht. Wir müssen ins Tun kommen.“
Dieses Tun müsse parteiübergreifend stattfinden. „Wir dürfen Männern die politischen Räume nicht überlassen“, sagt Dummann. Auch Lackner betont die Bedeutung von Netzwerken: Der Austausch mit anderen Frauen sei für ihre Karriere immer schon wichtig gewesen.
Eine starke Front junger politischer Frauen sei heute wichtiger denn je, meinen mehrere der Gesprächspartnerinnen. „Man sieht ja, welche Gesellschaftsbilder sich aktuell wieder breit machen“, sagt Herunter. Dummann verweist auf Trends wie sogenannte „Tradwives“ – Frauen, die in sozialen Medien ein traditionelles Rollenbild propagieren: kochen, putzen, sich um den Mann kümmern.
Und auch Studien geben Anlass zur Sorge. Laut einer internationalen Untersuchung findet etwa ein Drittel der Männer der Generation Z, dass eine Frau ihrem Mann gehorchen sollte – doppelt so viele wie unter den Babyboomern. Hinzu kommt eine Warnung der Vereinten Nationen zum Weltfrauentag: In keinem Land der Welt sind Frauen vollständig gleichgestellt.
Gerade deshalb müssen junge Frauen selbst politisch aktiv werden, meint Herunter: „Es ist wichtig, dass junge Frauen selbst dagegenhalten und nicht andere für sich sprechen lassen.“ Vielleicht wird die 40-Prozent-Hürde im Nationalrat dann irgendwann keine unüberwindbare Herausforderung mehr sein.