Flucht auf die Anklagebank

Flucht auf die Anklagebank

30 Afghanen prügeln und stechen auf acht minderjährige Tschetschenen ein. Der Prozess ist vorbei und geht doch erst los. Wie Flüchtlingskriminalität Justiz, Polizei und Sozialarbeiter auf eine harte Probe stellt.

Wir treffen uns auf dem Wiener Brunnenmarkt - eine neutrale Zone für die jungen Afghanen Idris A. und Karim. S. (Namen von der Redaktion geändert). Hier müssen sie keine Angst haben, von Tschetschenen erkannt und geschlagen zu werden. Zuletzt seien sie mit der U-Bahn nur knapp entkommen, erzählt Idris. Tschetschenische Streuner sind am Wiener Handelskai "zu Hause“, afghanische auf dem Praterstern und Westbahnhof. "Früher oder später werden sie uns an einem Ort ohne Kameras erwischen“, sagt Idris und fährt sich durch seine schwarze Mähne.


Der Prozess illustriert, wie stark die hohe Zahl männlicher Migranten und Flüchtlinge Gerichte, Polizei und Sozialarbeiter auf die Probe stellt.

Seit drei Jahren liefern Burschen aus beiden Ethnien in Wien, Graz, Salzburg oder Linz einander so manches Scharmützel um Territorium, Ehre, Mädchen oder Drogen. Vor einem Jahr eskalierte die Situation. Mindestens 30 junge Männer aus Afghanistan gingen mit Fäusten, Messern, Holzprügeln, Eisenstangen, Schraubenziehern, Ketten und Schlagringen auf acht minderjährige Tschetschenen los. Auslöser war eine Beleidigung auf Facebook, die sich hochschaukelte und zum Showdown vor dem Jugendzentrum Base20 im Wiener Gemeindebezirk Brigittenau führte. Die Bilanz: sieben Verletzte, drei davon schwer. Mitte Februar verurteilte das Gericht acht Täter - auf Bewährung, im Gefängnis landete niemand. Das machte manche Tschetschenen fassungslos. Für das Gericht ist der Prozess abgeschlossen, für sie nicht. Karim und Idris werden weiter auf der Hut sein, denn sie waren damals dabei.

Blutrache verhindern, ein sinnvolles Urteil fällen und junge Flüchtlinge integrieren, die ihr neues Leben mit einer Straftat starten: Der Prozess illustriert, wie stark die hohe Zahl männlicher Migranten und Flüchtlinge Gerichte, Polizei und Sozialarbeiter auf die Probe stellt.

Der Prozess

Szenen wie aus dem Film "Gangs of New York“: In der ersten Reihe tschetschenische Burschen, die sich mit dem Rücken zum Jugendzentrum mit Fäusten gegen die Übermacht der Angreifer wehren. Dahinter bewaffnete Afghanen, die kurz aus ihren Reihen ausbrechen, um den Feinden Stiche in den Rücken, ins Gesäß und in die Brust zu versetzen. Manche Opfer sind derart mit Adrenalin vollgepumpt, dass sie die Stiche zunächst gar nicht bemerken. Im Jugendzentrum telefonieren die Betreuer mit der Polizei. Sie wird zwar rasch eintreffen, doch die Keilerei dauert nicht länger als eine Minute, und die Täter zerstreuen sich in alle Himmelsrichtungen. Zurück bleiben Verletzte. Einen Jungen mit Bruststich retten zwei Zentimeter und Not-OP vor dem Tod.

Wer hat zugestochen? Polizei und Gericht können diese Frage nicht klären. Tatwaffen, eindeutige Blut- und DNA-Spuren - Fehlanzeige. Die Betreuer aus dem Jugendzentrum sagen aus, erkennen aber keine Gesichter. Die Opfer sagen aus, doch sie verstricken sich in Widersprüche. "Das kann zu schnell gehen, um Täter zu erkennen. Wir kennen das von Wirtshausschlägereien“, sagt der Präsident der Vereinigung der Staatsanwälte, Gerhard Jarosch. Oder die Zeugen schweigen bei den ersten Einvernahmen, weil sie die Kooperation mit der Polizei als Schande sehen. Die Afghanen halten sowieso dicht. Sie wollen einander im Rudel, das sich über die sozialen Medien gebildet hatte, teilweise nicht gekannt haben, sagt Idris. Er selbst sei nur dabei gestanden, ohne Messer. Karim sagt, er habe erst vermittelt und sei in den Sog geraten. Auch er will nicht gestochen haben. Niemand will Haupttäter sein.

Im österreichischen Rechtssystem muss die konkrete Tat nachgewiesen werden. Der Richter im Saal 203 des Wiener Landesgerichts will trotzdem ein Exempel statuieren und verurteilt acht Angeklagte zu drei bis sechs Monaten bedingter Haft wegen "schwerer gemeinschaftlicher Gewalt“, vulgo Landfriedensbruch.

Die Reaktion

Keine Haft. Nicht einmal Schmerzensgeld. Das Gericht will den Jugendlichen eine zweite Chance geben. Im liberalen Rechtsstaat hat sich diese Praxis als sinnvoller bewährt als harte Haftstrafen. Die tschetschenische Community ist irritiert. Schaikhi Musaitov ist der Obmann des Rates der Tschetschenen. Der Mann mit Bart steht vor einem Bild, das tschetschenische Wachtürme in der zerklüfteten Kaukasus-Landschaft zeigt. Mit Leuchtfeuern in den Turmspitzen warnte man über Jahrhunderte vor Eindringlingen. Die Wachtürme sind ein Symbol für die Abgeschlossenheit und den ewigen Kampf des Minivolkes gegen äußere Feinde. Kampferprobte Tschetschenen sind es gewohnt, ihre Probleme auch selbst zu lösen - via Ehrenkodex.

"Wenn man die Mentalität nachvollzieht, hätte man von Blutrache und Scharia ausgehen können“, sagt Oberst Robert Klug. Er bekämpft bei der Wiener Polizei die Bandenkriminalität in Wien. Man munkelt, junge tschetschenische Männer sollen bereitgestanden sein, um den Angriff auf ihre Jugendlichen zu rächen - mit dem Risiko, auf dem Rachefeldzug in Parks und U-Bahn-Stationen nicht nur die "richtigen“ Afghanen zu treffen. Beim Prozess prägen sich muskelbepackte Tschetschenen von den Zuschauerrängen die Gesichter der Täter ein. Ein zorniger Tschetschene ruft als Zeuge "Scheiß-Afghanen!“ Richtung Anklagebank. Einen Verteidiger eines Angeklagten schimpft er "Schwuchtel“. Der Richter belässt es bei einer kurzen Ermahnung.

Trotz der aufgeheizten Stimmung setzen sich unter den Tschetschenen Vernunft und Rechtsstaat gegen archaisches Rechtsverständnis durch. "Man müsste fast dankbar sein, dass sie das nicht selbst in die Hand genommen haben“, sagt Klug. Die unmittelbare Rache beschränkt sich auf einen schweren Kieferbruch, hört man aus der afghanischen Community. Später krachen die Gruppen am Westbahnhof aufeinander, doch die Polizei greift rasch ein.

Der Ehrenkodex

Schaikhi Musaitov wünscht sich nach dem milden Urteil eine rituelle Versöhnung. "Sie haben uns versprochen, dass sie ins Gefängnis kommen. Wir haben uns darauf verlassen. Aber jetzt glauben jene, die ohne Strafe bleiben, sie können weiter provozieren.“ Für den Rat der Tschetschenen ist die Sache erst vorbei, wenn sich die Täter im Rahmen eines Treffens entschuldigen. "Wir warten, dass jemand unsere Hand hält. Dann können wir vergeben und vergessen.“ In den Worten Musaitovs klingt der alte Ehrenkodex nach. Der Rat der Afghanen solle die Täter finden und zur Aussprache mitbringen. Idris und Karim würden sich ein solches Treffen ebenfalls wünschen, um ruhiger zu schlafen. In Afghanistan isst man zusammen, um einen Streit beizulegen.

Eine rituelle Aussprache gab es bereits, im Sommer 2014 auf der Donauinsel. Nach einer Messerstecherei im Prater galt es, die Wogen zu glätten. Anführer der Streitparteien reichten sich unter den Augen der Älteren und eines Polizisten die Hand. Damals wuchs die Zahl der Afghanen rasch an. Heute leben knapp 60.000 in Österreich im Vergleich zu 30.000 Tschetschenen. Es wurde eng auf den öffentlichen Plätzen. Der Streit der Straßenkids um Territorien ist laut Polizei typisch für marginalisierte Gruppen. "Sollen wir wieder Friedensstifter mit weißer Fahne spielen und sagen, habt euch lieb?“ Oberst Klug hat heute keine rechte Lust mehr auf ein Dacapo. Er fordert ein uneingeschränktes Bekenntnis zu heimischen Gesetzen und Werten.


Diese depperten Afghanen, die kriminell werden, machen das Leben für uns alle schwer.

Nassim M. Adalatyar könnte ein Treffen organisieren. Der islamische Religionslehrer und Prediger mit der traditionellen afghanischen Mütze zählt zur schnellen Eingreiftruppe, die ausrückt, wenn es brenzlig wird. In Kürze will er nach St. Pölten fahren, weil die Spannungen zwischen Tschetschenen und Afghanen sich verschärft hätten, erzählt er in einer afghanischen Moschee im 15. Bezirk nahe der Wiener Stadthalle. Im Büro hängen zwei Notfallnummern einflussreicher Tschetschenen groß ausgedruckt an der Wand. Adalatyar hat keine Scheu, seine jungen Landsleute hart ranzunehmen. Im Gegenteil: "Diese depperten Afghanen, die kriminell werden, machen das Leben für uns alle schwer. Sie sollte man ohne Gnade abschieben. Auch Jugendliche. Glauben Sie mir, das wirkt.“

Es ist Sonntag. Nach einer Trauerfeier essen Männer den typischen afghanischen Reis mit Rosinen, dazu Lamm und Spinat. Nasari Ghani kommt hinzu, er lebt seit 1982 in Österreich. Der Angriff vor dem Jugendzentrum sei eine Schande für alle Afghanen, sagt er. Doch er zeigt eine Spur mehr Verständnis. Die Jugendlichen hätten "Wut im Herzen gehabt, weil sie von Tschetschenen geschlagen und erniedrigt“ worden seien. Dass sie Messer dabeihatten, erklärt er sich mit der körperlichen Überlegenheit der Tschetschenen. Adalatyar und Ghani haben mit den Tschetschenen Fastenbrechen gefeiert. "Die Jungen sollen wissen, dass wir Älteren keine Probleme miteinander haben.“ Der Tschetschene Musaitov sieht ebenfalls keinen "Konflikt zwischen Nationalitäten, sondern zwischen den Jugendlichen, die ohne Eltern draußen sind“.

An diese Jugendlichen kommen die älteren Afghanen aber nur sehr schwer heran. Die Community ist gespalten. Die Mehrheit der Afghanen in Österreich sind schiitische Hazara, mit denen sunnitische Paschtunen nicht gut können. Die jungen Paschtunen und Tadschiken wiederum, die in der Moschee barfuß auf dem grün-verzierten Teppich stehen und tratschen, wirken braver als die Streuner am Westbahnhof oder Praterstern. "Wir sind nicht gegeneinander. Wir haben tschetschenische Freunde“, sagt der 16-jährige Schüler Ahmad.

Der Ausweg

"In der Akut-Eskalation ist der Einfluss der Ältestenräte hilfreich. Dahinter stehen aber auch Muster, die Teil des Problems sind“, sagt Christian Holzhacker vom Verein der Wiener Jugendzentren, der Dachorganisation des Base20. Die Jugendarbeiter wollen das Selbstwertgefühl der Jugendlichen, die bei ihnen abhängen, stärken und ihnen helfen, ihre eigene Identität im neuen Land zu entwickeln. Dazu gehört, vererbte Muster von Ehre und Männlichkeit zu überdenken, damit sie in Konfliktsituationen auch einmal anders reagieren können - ein Zugang, der auch in der Bewährungshilfe zentral ist. Sarajuddin Rasuly glaubt, dass nur eine rasche Orientierung an westlichen Werten Problemjugendlichen eine Zukunft eröffnet. Er ist Sachverständiger für Afghanistanfragen bei Asylverfahren und profunder Kenner der Community. Den religiösen Führern misstraut er. Ghani meint, in der Moschee im 15. Bezirk habe Politik keinen Platz. Rasuly glaubt zu wissen, dass in afghanischen Moscheen sehr wohl gegen den Einfluss des Westens gewettert werde. Diese Mahnung, in Österreich nur ja ein guter Moslem und Afghane zu bleiben, stürze die Jungen in einen Identitätskonflikt. "Wenn Mullahs gegen Amerika predigen, predigen Sie in Wahrheit gegen die westliche Lebensweise.“

Will sich Österreich nicht auf solche Ältestenräte verlassen, sind Schulen, Jugendzentren, Wertekurse umso stärker gefragt - und bei Straftätern die Bewährungshelfer. Alexandra Lidl und der Leiter von Neustart, Nikolaus Tsekas, beraten gerade zwei 20-jährige Afghanen, die ebenfalls wegen der Massenschlägerei verurteilt wurden. Nur einer hat zumindest einen Hauptschulabschluss als Basis für ein Leben abseits der Straße. Afghanen sind Dauerkunden bei Neustart. Von 2015 auf 2016 kletterte die Zahl der Straftaten von 3200 auf über 5000 - bei 60.000 Afghanen österreichweit. Der Großteil ist friedlich. Von Einzelfällen kann aber schon lange keine Rede mehr sein. Nicht nur bei leichten Drogen oder Körperverletzungen, sondern auch sexuellen Übergriffen sticht die Volksgruppe aus der Statistik. Je entwurzelter, desto krimineller, so scheint es. Wie sollen diese Burschen hier noch Fuß fassen?

In Wien ist ein Drittel der Männer zwischen 20 und 24 ohne Job. Für Flüchtlinge mit Vorstrafe scheint ein Leben in der Mindestsicherung programmiert. Doch es gibt Resthoffnung. Bei einem Vorstellungsgespräch müsste sich nur einer der beiden Klienten von Neustart als Straftäter outen. Er hat andere Delikte auf dem Kerbholz. Allen anderen Angeklagten hat der Richter mit dem Strafmaß den Eintrag im Strafregisterauszug gerade noch erspart - wohl bewusst. Bis ins Alter von 21 gibt es diese Sonderbehandlung. Und selbst für vorbestrafte Klienten bei Neustart sieht Liedl einen Weg: eine überbetriebliche Lehrwerkstätte. Die gibt auch Menschen mit Vorstrafe eine Chance.

Das Ende

Ghani glaubt, dass sich die Frage der Integration für afghanische Straftäter nicht mehr stellt - weil sie abgeschoben werden. Die EU hat mit Afghanistan ein Abkommen geschlossen. Für 1,2 Milliarden Euro bis 2020 verpflichtet sich das Land, mehr Migranten zurückzunehmen. Derzeit können 80.000 Afghanen in der EU, deren Asylantrag abgelehnt wurde, nicht abgeschoben werden. Im Büro von Innenminister Wolfgang Sobotka geht man davon aus, dass das Abkommen die Abschiebungen "deutlich beschleunigen“ wird. 2016 kehrten 600 Personen freiwillig zurück, 500 wurden zwangsweise abgeschoben, aber nur in andere EU-Länder. Ob Kabul künftig bei der Rücknahme die Priorität auf teils minderjährige Straftäter legt, ist aber zu bezweifeln.

Karim war beim Landfriedensbruch schon über 18. Aber er genießt Asylstatus. Diesen kann er laut Genfer Flüchtlingskonvention nur bei einem sehr schweren Vergehen verlieren. Dealen mit Gras oder ein Kinnhaken fällt nicht darunter. Idris ist wie die Hälfte aller afghanischen Flüchtlinge nur subsidiär schutzberechtigt. Er muss aufpassen. Rund 40 Prozent der Klienten mit Bewährungsstrafe werden rückfällig, sagt Tsekas. Bei jungen Männern ist die Quote höher.

Auf dem Brunnenmarkt drehen bei frühlingshaften Temperaturen schwarze Drogendealer ihre Runden. Idris beobachtet sie. Sein Revier war der Praterstern. Er gibt sich geläutert, weil er nicht ins Gefängnis will. Er hat wie manch anderer delinquenter Flüchtling zu spät begriffen, dass es auch in Österreich harte Strafen setzt - selbst wenn man beim ersten Vergehen sofort wieder frei kommt. "Wir hätten jedem Flüchtling an der Grenze einen Zettel in seiner Sprache in die Hand drücken müssen, was hier erlaubt ist und was hart bestraft wird“, sagt Rasuly. Idris sagt, bevor er wieder in die für ihn gefährlicheren Gegenden Wiens aufbricht: "Wenn sie mich stechen, ich steche nicht zurück. Ich will nicht ins Gefängnis. Ich will eine Zukunft in Österreich.“

Dieser Artikel stammt aus dem profil Nr. 10 vom 6.3.2017. Das aktuelle profil können Sie im Handel oder als E-Paper erwerben.