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Wien-Wahl
10/13/2020

Wien und Corona: Die nächste Rathauskoalition muss den Niedergang stoppen

Leere Hotels, Restaurants und Geschäfte, stark gestiegene Arbeitslosenzahlen: Wien leidet besonders unter den Auswirkungen der Pandemiebekämpfung. Die nächste Rathauskoalition muss sich etwas einfallen lassen, um den Niedergang zu stoppen.

von Rosemarie Schwaiger

Homeoffice kann auf die Dauer extrem nerven: "Anstrengende Geräuschkulisse, schlechtes WLAN oder zu wenig Platz: Nur drei von vielen Dingen, die das Arbeiten in den letzten Wochen und Monaten für viele schwierig gemacht haben", schreibt das Wiener Hotel "Topazz Lamee" sehr zutreffend in einem Werbetext. "Machen wir doch das Beste daraus, und zwar mit einem Tapetenwechsel zum Alltag in den eigenen vier Wänden. Hierfür ist das Hotel Topazz Lamee genau die richtige Adresse!" Wer es daheim nicht mehr aushält, kann in der schmucken Bleibe in der Wiener Innenstadt einchecken. Fünf Tage kosten 399 Euro - inklusive Heiß- und Erfrischungsgetränken sowie Kopierservice. Übernachten ist nicht vorgesehen; das Angebot gilt nur für die Bürozeiten zwischen 9 und 18 Uhr.

Wahrscheinlich werden sich nicht sehr viele Menschen eine derartige Luxus-Flucht leisten können oder wollen. Aber immerhin hatte das Hotelmanagement eine unkonventionelle Idee. In Zeiten wie diesen ist das allein schon etwas wert.

Heftiger Einschlag in Wien
Keine andere Branche wurde von den Maßnahmen gegen die Pandemie so stark getroffen wie der Tourismus. Und nirgendwo in Österreich war der Einschlag so heftig wie in Wien: Zwischen Jänner und August ging die Zahl der Nächtigungen im Vergleich zum Vorjahr um fast 70 Prozent zurück. Die Einnahmen sanken im selben Zeitraum ebenfalls um mehr als zwei Drittel. Reisewarnungen mehrerer europäischer Länder, darunter Deutschland, verschlimmern die Lage jetzt noch. Sollte sich an der Situation über den Winter nichts ändern, werden nicht nur in den Skigebieten Westösterreichs, sondern auch in der Hauptstadt viele Lichter ausgehen.

Wien lebt nicht nur vom Tourismus, klar. Aber die Freizeitwirtschaft war in den vergangenen Jahren einer der wenigen Bereiche, in denen die Bundeshauptstadt von Rekord zu Rekord eilte. In anderen Branchen lief es schon vor Corona ökonomisch nicht berauschend für Österreichs mit Abstand größten Ballungsraum. Die nächste Stadtregierung wird alle Hände voll zu tun haben, den wirtschaftlichen Niedergang aufzuhalten.

Es war einer jener Termine, die Politiker gern haben: Am 8. Juni präsentierte der Wiener Wirtschaft-und Finanzstadtrat Peter Hanke den Budgetvollzug des Jahres 2019. "Ich darf Ihnen einen ausgeglichenen Haushalt präsentieren", verkündete er. Erstmals seit zwölf Jahren hatte die Stadt ein kleines Plus erwirtschaftet. Bei einem Gesamtbudget von 14,2 Milliarden Euro blieben 9,2 Millionen zur Tilgung alter Schulden übrig. Eine Prognose für 2020 wollte Hanke damals nicht abgeben. Das laufende Jahr sei sehr herausfordernd, erklärte der SPÖ-Politiker.
 

Budget in Bedrängnis

In der Zwischenzeit sind die Herausforderungen nicht weniger geworden. Dass Wien nächstes Jahr weniger Geld zur Verfügung haben wird, ist aber klar und von der Stadt nicht zu ändern. Über den Finanzausgleich hängen die Länder direkt an den Einnahmen des Bundes - die massiv eingebrochen sind. "Bei uns geht es da um hohe dreistellige Millionenbeträge", sagt Hanke. Zugleich müssen Investitionen vorgezogen werden, um die Wirtschaft anzukurbeln. Am Mittwoch vergangener Woche präsentierten Hanke und Bürgermeister Michael Ludwig dazu ein 600 Millionen Euro schweres Konjunkturpaket. "Wir modernisieren nicht nur die technische und soziale Infrastruktur der Stadt, sondern stützen damit auch ganz massiv den Arbeitsmarkt", erklärte der Finanzstadtrat. Vor Kurzem beteiligte sich die Stadt an zwei in Schwierigkeiten geratenen Unternehmen - einem Schmuckerzeuger und einem Mineralölhändler. Weitere Rettungsaktionen sollen folgen. Bis zum nächsten Nulldefizit wird es also vermutlich etwas länger dauern.

Wien ist nicht nur die mit Abstand größte Stadt Österreichs, sondern auch in ökonomischer Hinsicht ein Unikum: Nirgendwo sonst im Land ist der Anteil der Industrie an der gesamten Wirtschaftsleistung so niedrig wie in der Hauptstadt. Nur 15 Prozent der Wertschöpfung kamen im Jahr 2018 (neuere Zahlen liegen nicht vor) aus dem sogenannten sekundären Sektor. Der ganz große Rest stammt aus dem tertiären Sektor - also unter anderem aus Handel, Dienstleistung und öffentlicher Verwaltung. In der Corona-Krise müsse das kein Nachteil sein, meint Julia Bachtrögler-Unger vom Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo). "Die Industrie ist international stark betroffen. Wien könnte besser aussteigen, weil der Beschäftigtenanteil in diesem Bereich nicht so hoch ist." Von Vorteil sei auch der Umstand, dass die Hauptstadt in einigen Wirtschaftszweigen stark sei, die der Pandemie trotzen - wie etwa Information und Kommunikation, Forschung oder technische Dienstleistungen. "Wir gehen derzeit davon aus, dass die Wirtschaftsleistung in Wien weniger stark zurückgehen wird als im österreichischen Schnitt", sagt Bachtrögler-Unger.
 

Arbeitslosigkeit bei fast 12 Prozent

Allerdings stürzte Wien von einem niedrigeren Level in die Krise. Schon vor Corona lag die Arbeitslosigkeit im flächenmäßig kleinsten Bundesland bei fast 12 Prozent; im österreichischen Schnitt waren es 7,4 Prozent. Das BIP (Bruttoinlandsprodukt) pro Kopf ist im Bundesvergleich zwar noch am zweithöchsten, es stieg in den vergangenen 20 Jahren in Wien aber nur etwa halb so stark wie etwa in Salzburg und Vorarlberg. Am meisten abgebaut hat die Bundeshauptstadt im Ranking der verfügbaren Einkommen je Haushalt und Einwohner: Im Jahr 2007 stand Wien mit einem Wert von 20.800 Euro pro Jahr noch auf Platz eins. Elf Jahre später, im Jahr 2018, reichte es mit 23.800 Euro nur noch für den letzten Platz im Bundesländervergleich. Das ist umso bemerkenswerter, als es in der Metropole besonders viele hoch bezahlte Manager- und Beamtenjobs gibt.

Wirtschaftsstadtrat Peter Hanke hält dagegen, dass viele dieser Topverdiener im Speckgürtel rund um Wien wohnen - und somit die niederösterreichische Kaufkraft in die Höhe treiben. Verfälscht werde das Bild auch durch rund 200.000 Studenten, die naturgemäß keine Großverdiener seien. Außerdem habe Wien in der jüngeren Vergangenheit ein massives Bevölkerungswachstum erlebt. Und wer neu irgendwo ankomme, brauche eben oft Zeit, um auf dem Arbeitsmarkt zu reüssieren.

Das stimmt alles, ändert aber nichts an einem für Wien unerfreulichen Befund: Schon bevor Corona über die Welt kam und die atemlose Virusbekämpfung der Wirtschaft überall schwerste Schäden zufügen konnte, war die Bundeshauptstadt in mancher Hinsicht ein Sorgenkind. Nirgendwo sonst in Österreich haben etwa so viele Menschen nur einen Pflichtschulabschluss. Irgendwann wird die Pandemie vorbei sein. Doch für schlecht ausgebildete Arbeitslose ist es nach jedem Wirtschaftseinbruch am mühsamsten, wieder einen Job zu finden.

Boomender Tourismus

Der verbreitete Eindruck, dass Wien eine boomende Stadt sei, ließ sich in der Vergangenheit hauptsächlich durch den Tourismus begründen. Mit jedem Jahr schoben sich noch mehr Menschen durch die Innenstadt. Sehenswürdigkeiten wie das Schloss Schönbrunn oder die Hofburg wurden regelrecht überrannt, das Kulturangebot war üppig und wurde breit genützt. Auch als Kongressstadt funktionierte Wien blendend: In einer Stadt, die man nach dem Seminar auch noch lustvoll besichtigen kann, trifft man sich eben gerne zum Arbeitstermin.

Gerade rechtzeitig vor dem großen Absturz purzelten ein paar Rekorde: Im Jahr 2019 sprengten die Einnahmen aus Übernachtungen erstmals die Grenze von einer Milliarde Euro. Noch im heurigen Jänner freute sich der Wien-Tourismus über ein sensationelles Plus von 38 Prozent bei Gästen aus China. Und dann war plötzlich Schluss.

Fast die Hälfte der Wiener Hotels hat nach Angaben der Wirtschaftskammer derzeit geschlossen. Die Umstellung der Corona-Ampel auf Orange habe enormen Schaden angerichtet, sagt Markus Grießler, Spartenobmann für Tourismus und Freizeitwirtschaft. "In der Nacht von Gelb auf Orange sind Tausende Euros in Wien storniert worden. Seither sind die Stimmung und der Ausblick sehr, sehr trüb." Er befürchte Pleiten und eine Kündigungswelle.

Hotels kaum gebucht
Es gebe in Wien aktuell wohl kein Hotel, das zu mehr als 20 Prozent gebucht sei, meint Dieter Fenz, Direktor des Hotels Marriott in der Innenstadt. "Bei uns sind es derzeit 15,16 Prozent. Die Lage ist wirklich nicht rosig." Sein Haus werde normalerweise stark von Gästen aus Übersee frequentiert. "Aber den letzten ganz normal angereisten Amerikaner habe ich im März gesehen." Zusperren sei für das Marriott keine Option - außer natürlich, es komme ein zweiter Lockdown. "Die Gastronomie funktioniert mit einheimischen Gästen noch recht gut. Würde ich das Hotel zusperren, bräuchte ich immer noch eine Rezeption, Reinigungskräfte, technischen Dienst - hätte aber überhaupt keine Einnahmen mehr." Fenz plädiert dafür, beim Stichwort Tourismus nicht nur an die Hotellerie und Gastronomie zu denken. Die Krise ziehe viel weitere Kreise: "Betroffen sind auch die Bäcker, Fleischhauer, Getränkehersteller, Taxifahrer und natürlich Handwerker, weil derzeit ja kein Hotelier in einen Umbau oder eine Renovierung investiert. Da wird man die Auswirkungen erst in ein paar Monaten sehen."

Deutsche Reisewarnung als Desaster
Norbert Kettner, Geschäftsführer des Wien-Tourismus, betont im Gespräch mit profil mehrfach, dass er nicht jammern wolle. Aber die Reisewarnung aus Deutschland habe aus einer ohnehin schwierigen Situation ein Desaster gemacht, gibt er zu. "Wien ist für die Deutschen, was Venedig für uns ist. Die Deutschen waren immer unsere treuesten Gäste, im vergangenen Sommer hatten sie einen Anteil von 35 Prozent. Jetzt nähern sich die deutschen Buchungen dem Nullpunkt." Europa ruiniere derzeit mit unkoordinierten, teilweise irrationalen Reisewarnungen den eigenen Reisemarkt. "Innerhalb Chinas und auch innerhalb der USA kommt der Tourismus langsam wieder in Gang. Nur innerhalb der EU geht gar nichts mehr." Er verstehe zum Beispiel nicht, dass es keine Ideen aus Brüssel zum Umgang mit Antigen-Schnelltests gebe. Diese könnten, meint Kettner, das Reisen wieder möglich machen.

Aber ein paar kleine Freuden gibt es in all dem Jammer doch. Das britische Reisemagazin Condé Nast Traveller reihte Wien jüngst auf Platz drei unter den Top-Destinationen im Herbst. Auch wenn es für britische Touristen derzeit eher schwer ist, nach Österreich zu kommen: Kettner nimmt die Auszeichnung als Beweis für den Überlebenswillen und die Zuversicht der Branche. Außerdem habe die internationale Hotelkette Mandarin Oriental zugesagt, wie geplant 2023 ein neues Haus in Wien zu eröffnen. Die großen Ketten würden Wien also keineswegs abschreiben, meint er.

Derzeit fehlen die Touristen allerdings überall, nicht zuletzt im Handel. Die Wiener Einkaufsstraßen mögen zu manchen Zeiten wieder recht belebt wirken, aber gekauft wird derzeit wenig. Der Handelsverband revidierte jüngst seine zu optimistische Prognose vom Mai und spricht nun von mindestens einer Milliarde mehr, die dem heimischen Handel heuer fehlen wird. Am meisten treffen wird auch das natürlich die größeren Städte. Handelsverband-Geschäftsführer Rainer Will wünscht sich "ein Klima der Zuversicht", damit wenigstens die Einheimischen wieder shoppen gehen. Zu hoffen sei auch, dass sich die Konsumenten mit der Zeit an die Maskenpflicht beim Einkaufen gewöhnten.

Die Wirtschaft spielte im Wien-Wahlkampf übrigens nur eine Nebenrolle. Wahrscheinlich ist das kein gutes Zeichen.

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