Wien-Wahl: Der Blumentopf macht ernst

Am Sonntag ging es im Rathaus nur um Eines: Die Wurst.

Am Sonntag ging es im Rathaus nur um Eines: Die Wurst.

Ein Wahlsonntag in Wien: Zwischen Würsteln, Grabenkämpfen und kollektiver Erleichterung.

Am 11. Oktober wählten die Wiener ihren Bürgermeister. Das angekündigte Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Michael Häupl und Heinz-Christian Strache konnte von Journalisten im Rathaus verfolgt werden. profil online war vor Ort.

16:15 Uhr: Ankunft im Rathaus.

Laut APA ist das Medienzentrum bereits gut gefüllt, bei der Ankunft im Festsaal des Wiener Rathauses stellt sich heraus, dass Fernsehteams und Journalisten zwar bereits vor Ort sind, die Stimmung jedoch entspannt ist. Pressemappen und Radioempfänger mit Kopfhörern werden verteilt.

Für das leibliche Wohl der Medienvertreter war im Rathaus gesorgt.

Für das leibliche Wohl der Medienvertreter war im Rathaus gesorgt.

Die Arbeitsplätze für Journalisten befinden sich im Aufbau, das Buffet vor dem Festsaal ist noch gut gefüllt. Es gibt Frankfurter, Debreziner dazu Semmeln und große Töpfe mit Ketchup, zwei Sorten Senf und Kren zur freien Entnahme. Das Süßspeisenbuffet bietet Apfeltaschen, Nussschnecken und Croissants im Kleinformat. Dazu werden wahlweise Kaffee und Tee, sowie Apfel- und Orangensaft und Mineralwasser geboten. Spritzwein sucht man im Rathaus vergeblich.

17:00 Uhr: Fragliche Werte

Die Journalisten scharen sich um die Bildschirme. Nach wenigen Minuten stellt sich heraus, dass es sich bei den angezeigten Statistiken um Umfragewerte handelt, und nicht um die erste Hochrechnung. Laut Umfrage liegt die SPÖ knapp in Führung, die FPÖ an zweiter Stelle. Die Differenz zwischen den beiden Parteien ist jedoch so gering, dass es tatsächlich nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen aussieht. Die umstehenden Journalisten lassen sich davon jedoch wenig beeindrucken und applaudieren.

17:30 Uhr: Ankunft Johann Gudenus

In den mittlerweile tatsächlich gut gefüllten Festsaal kommt mit einem Mal Bewegung: Johann Gudenus hat den Saal betreten und wird sogleich von Journalisten umringt. Es wird geschubst, gedrängt und um die Wette geschrien.

"Herr Gudenus, ein Foto bitte!"

"Herr Gudenus, ein Foto bitte!"

18:00 Uhr: Erste Hochrechnung

Endlich ist es so weit, die erste Hochrechnung ist da. Wieder scharen sich die Journalisten vor den Bildschirmen. Die Stimmung im Festsaal ist gespannt. Nach wenigen Sekunden ist klar, dass das gefürchtete Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Häupl und Strache gar nicht stattgefunden hat. Tosender Applaus, Jubelschreie und Erleichterung machen sich breit: Häupl bleibt.

18:15 Uhr: Strache ist da

Eine Welle aus Journalisten, Fotographen und Kamerateams schiebt sich von einem Ende des Festsaals zum anderen. Ohne Rücksicht auf Verluste wird mit Ellenbogen gestoßen, auf den Schultern des Vordermannes gelehnt, und erneut um die Wette geschrien.

Der Kampf um Straches Aufmerksamkeit.

Der Kampf um Straches Aufmerksamkeit.

18:30 Uhr: Ursula Stenzel kommt an

Während die meisten Journalisten noch erbittert um Heinz-Christian Straches Aufmerksamkeit kämpfen, betritt Ursula Stenzel fast unbemerkt den Festsaal. Trotz ihres in der Farbe Eigelb gehaltenen Auftritts, geht ihre Ankunft im Rathaus im Trubel um Strache fast unter.

Ursula Stenzel wird interviewt.

Ursula Stenzel wird interviewt.

Während Ursula Stenzel über „die neue Partei FPÖ“ spricht, treffen auch Häupl, Juraczka, Meinl-Reisinger und Vasilakou im Festsaal an. Wieder schiebt sich die Masse der Journalisten durch den Festsaal.

18:50 Uhr: Grabenkampf um Michael Häupl

Das erste gemeinschaftliche Interview der Spitzenkandidaten ist vorbei. Vor der Absperrung, die den „Wahl 2015“–Drehort des ORF gegen die übrigen Journalisten abriegelt, wird bereits ungeduldig gerufen: „Kann der ORF sich endlich auf die Seite bewegen?“


Von Michael Häupl trennt sie jetzt nur noch ein Blumentopf.

Es wird immer gedrängter, die Menge drückt nach vorne, Häupl droht zu entwischen. Dann wagt sich Wiens Bürgermeister doch noch näher an die Absperrung. Die Sicherheitsbeauftragten des Rathauses schaffen es kaum die Journalisten zurückzuhalten. Durch das Drängen und einen gezielten Stoß in die Rippen werden die Journalisten in der erste Reihe direkt in die Arme des Sicherheitsbeauftragten befördert. Dieser zeigt sich freundlich und hilft ihnen das Gleichgewicht wieder zu finden. Von Michael Häupl trennt sie jetzt nur noch ein Blumentopf.

18:56 Uhr: Der Blumentopf macht ernst

Ein ungeduldiger Fotograf beginnt zu schimpfen und zu fluchen. Die erste Reihe solle sich weiter nach vorne bewegen. Dass die erwähnten Journalisten dann in besagtem Blumentopf säßen, scheint er zu wörtlich zu nehmen. Nach erneutem Geschubse und Gedränge stellt sich heraus, dass Häupl auch kniend gut fotografiert werden kann und der Blumentopf bequemer ist als angenommen.

Michael Häupl bei seiner ersten Stellungnahme.

Michael Häupl bei seiner ersten Stellungnahme.

19:15 Uhr: Auch ein Wahlsonntag geht vorüber

Häupl wandert von ORF über Puls 4 zu ATV, gibt ein Interview nach dem anderen und wird zwischenzeitlich von Journalisten überfallen. Dann ist plötzlich alles vorbei. Häupl ist dahin, Journalisten, Fotografen und Kamerateams verlassen das Rathaus mit dem Wiener Bürgermeister. Ruhe kehrt ein, die verbleibenden Journalisten ziehen sich an ihre „Arbeitsplätze für Journalisten“ zurück und hämmern wie wild in die Tasten. Letzte Updates werden an die Redaktionen geschickt, gefolgt von einem letzten Paar Frankfurter. Der Wahlsonntag im Rathaus ist vorbei.