Gerhard Schröder und Wladimir Putin im Jahr 2004

Gerhard Schröder und Wladimir Putin im Jahr 2004

© APA/AFP/MAXIM MARMUR

profil-Morgenpost
03/14/2022

Echte Teufelskerls

In einer Art Kampfsport vertieft sich die Welt in Putins Psyche und in Österreich tobt die Auseinandersetzung um die Neutralität.

von Angelika Hager

Guten Morgen!

Wäre die Lage nicht so dramatisch, böte das pathetische  Bild der betenden Gattin Nr. 5 Soyeon Schröder-Kim mit Fensterblick auf den Roten Platz vom vergangenen Freitag durchaus Anlass zur Erheiterung. Wahrscheinlich befand sich der Altkanzler zu dem Zeitpunkt gerade in der Kreml-Höhle des Bären. Ob der toxische Problemfall der deutschen SPD, vulgo Gerhard Schröder, außer einer Schleimspur auf dem roten Teppich, um Vizekanzler Koglers dieswöchigen Vorwurf an die Wirtschaftskammer zu variieren, bei seinen Mediationsversuchen irgendetwas weiter gebracht hat, steht zu bezweifeln. Zwar hatten die beiden alten, heißen Männer einst eine Saunafreundschaft (selbst als die Hütte einmal abbrannte, tranken diese echten Teufelkerls noch ihr Bier zu Ende), aber solche Bündnisse sind in Putins monomanischem Universum nicht mehr als Schall und Rauch wert.

Wer sich in seine Psyche (was inzwischen zu einem weltweiten Kampfsport geworden ist) und seine biografischen Eckdaten vertieft, bekommt die beklemmende Gewissheit, dass dieser Mann, je mehr er in die Enge trieben wird, umso brutaler zurück schlägt. Der deutsche Psychiater Hans-Jürgen Wirth, Autor des Standardwerks „Narzissmus und Macht”, weiß im Gegensatz zu vielen anderen wovon er spricht und konstatiert im profil-Interview über Putins Psychopathologie: „Er hat sicher in seiner Jugend auf den Straßen des damaligen Leningrads gelernt zu kämpfen. Und dort galt das Motto: Je größer die Kränkung ist, desto erbarmungsloser die Rache.”  Äußerste Brutalität gehören ebenso zu Putins Repertoire wie Täuschung, Lüge, Intrige und Verrat.”

Müsste Wirth einen Putin-Begegner am Verhandlungstisch im Vorfeld coachen, hieße sein Ratschlag: „Man darf nicht die Illusion entwickeln, man könne ihn vom moralisch Richtigen überzeugen. Letztlich muss man ihm das Gefühl geben, dass er sein Gesicht wahren kann und er seinen Ausweg selbst wählt. Niederlagen sind für ihn inakzeptabel.”

Was vor einigen Monaten noch die Impflicht in der Debattenkultur auslöste, nämlich große Emotionen, Empörung und Spaltungen bis Risse, begleitet jetzt den Diskurs der Neutralität. Unser dieswöchige Cover-Geschichte widmet sich dem Phänomen in  vielen Beiträgen und Meinungsstücken, unter anderen  mit einem Streitgespräch zwischen NEOS-Chefin Beate Meinl-Reisinger und dem Kärntner Landeshauptmann Peter Kaiser. Meinl-Reisinger fordert dort „das Ende der Naivität und die Bildung eines europäischen Heeres”, Kaiser sieht den Vergleich der „Paktfreiheit der Ukraine mit Österreichs Neutralität” als unzulässig.

Wer Erholung von der geopolitischen Wirklichkeit braucht, dem sei die wunderbare Würdigung des österreichischen Nationalheiligtums Wolfgang Ambros anlässlich seines 70. Geburtstags ans Herz gelegt. Zärtlich entblättert das Autorenduo Walter Gröbchen und Manfred Klimek die Unsicherheiten eines Mannes, der für eine Seele aus so dünnem Papier keinerlei Grund besäße. „Den Dämon der Unsicherheit”, so die Autoren, „konnte er seltsamerweise nie besiegen.”

Erhellende Momente trotz dieser Zeit der Finsternis wünscht

Angelika Hager