Wolfgang Ambros: Der Unendliche

Wolfgang Ambros ist der Vater des Austropop, er schrieb Protestsongs, die Hits wurden, er blieb über Jahre Lichtgestalt und überlebte das Danach seiner Karriere mit kaputtem Kreuz. Jetzt wird Österreichs erster Popstar 70. Eine Annäherung.

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Von Walter Gröbchen und Manfred Klimek

Waidring in Tirol. 2048 Einwohner, ein Skigebiet mit Dinosaurier-Freizeitpark, etliche Hotels, keines davon mit Haubenküche wie im nahen Kitzbühel oder im etwas ferneren Ischgl. Hier machen Familien Urlaub, deren Wochenbudget null Eskapaden duldet – Vollpension, nach dem Abwedeln etwas Halligalli, Obstler, kein Cognac.

Oben auf dem Berg Dinosaurier, unten im Ort der Dinosaurier der österreichischen Popmusik. Mitten in Waidring lebt seit Jahren Wolfgang Ambros, den es halb zufällig hierher verschlagen hat. Er kennt den Ort seit den 1980er-Jahren, kam her zum Skifahren – Ambros war ein Könner auf Brettern und auch Skilehrer –, und irgendwann blieb er dann hier. In den Bergen. Hinter den Bergen.

Wolfgang Ambros lebt in einem durchschnittlichen Haus mit durchschnittlicher Einrichtung. Viel helles Holz, im ersten Stock auch dunkles. Kein Prunk, keine goldenen Schallplatten an den Wänden. Dafür eine gut eingerichtete, kompakte Küche gleich neben dem Eingang und ein Kühlschrank voll Bier und Wein. Ausgesuchte Weine, Südsteiermark.

Der Hausherr grantelt. Das tut Ambros oft, sagt man. Und dass man es als Journalist nicht leicht hätte mit ihm. Wir sind nach Waidring gekommen, weil wir Ambros überreden wollen, für eine ORF-Doku zu seinem 70. Geburtstag am 19. März ein Interview zu geben. Ein langes Interview, ein schonungsloses Interview. Obwohl: Ein bisschen Schonung hat Ambros verdient, denn das Alter ist nicht gut zu ihm. Seine Wirbelsäule ist kaputt, er kann nur mit Krücken gehen – täglich Schmerz, ein Schmerzensmensch.

Er ist kein schöner Anblick. Gekrümmt geht er voran, um uns die alte, an das Haus angeschlossene Diskothek zu zeigen, die er hier mit Partnern unterhielt und die ihm und seiner Band auch als Proberaum diente. Die Gläser hinter der Theke haben Staub angesetzt, den Ambros kurz und linkisch wegzuwischen versucht. Er grummelt vor sich hin, erzählt ein wenig von seiner Gegenwart, von Konzertplänen zu seinem Geburtstag. Die Stadthalle soll’s sein. Dann kommt Familie. Wir fangen an zu stören und vereinbaren, ein andermal wiederzukommen. Mit Filmteam und vielen Fragen. „Ja ja, kommt’s ruhig, ich werd’ dann schon sehen, was ich euch beantworte.“

Zu einem zweiten Treffen kommt es nicht.

Zurück in Wien nutzen wir unsere Social-Media-Accounts und fragen, ob da wer was über Ambros gesammelt hat. Keine Platten, die haben wir selber alle, sondern Zeitungsausschnitte, private Fotos, eventuell Autogrammkarten und sonstige Devotionalien, die für den Film von Wert sein könnten. Diesen harmlosen und nie als Hintergehung geplanten Aufruf versteht Ambros als unverschämten Eingriff in sein Privatleben, als Suche nach Dreck unterm Teppich. Er tobt, meldet sich tagelang nicht und sagt dann das Interview ab. Immerhin wissen wir jetzt, wo Waidring liegt.

"Ja, so ist er", sagt ein Journalistenkollege: "Trotz seines Status, trotz seiner unglaublichen Erfolge als Mensch scheinbar immer noch so unsicher wie vor 50 Jahren."

Wer ist dieser Wolfgang Ambros? Außer ein Mann mit einer Haut aus dünnem Papier? Spürt er sich, spürt er, wie groß und wie gigantisch wichtig sein Werk war? Ist er ein guter Verwalter seines Gestern? Sieht er, wie junge Popstars ihn bewundern? Der Nino aus Wien zum Beispiel. Oder die Megaseller Seiler und Speer. Nicht zu vergessen Marco Wanda, der Intellektuelle der auch nicht mehr so neuen Bandszene Österreichs. Atmet er deren Applaus?

Wolfgang Ambros, Sohn eines Lehrerpaares, wurde zwar in Wien geboren, ging auch in Wien zur Schule, wuchs aber in Wolfsgraben und später in Pressbaum auf - stadtnahe, kleinbürgerliche Dörfer, nett anzusehen, damals jedoch ohne Leben nach den Abendnachrichten. Wolfsgraben oder Pressbaum, das bedeutete für Ambros, nach Wien zu flüchten, wo er, so sein Jugendfreund Josef Langecker, der mit Ambros zwei Jahre in einem Wohnheim für Jugendliche zusammenlebte, sehr bald die besten Plätze kannte - für Mädchen und Musik. Obwohl Ambros in Wien zur Schule ging und später in Favoriten lebte, ist sein Verhältnis zu Wien bis heute gespalten. "Wien ist die Stadt zum Sterben", sang Ambros vor mehr als 40 Jahren. Ambros hat nicht vor, in Wien zu sterben.

Wolfgang Ambros besuchte die Höhere Graphische Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt - damals noch in der Westbahnstraße in Wien-Neubau - und wollte den schon damals von Arbeitslosigkeit bedrohten Beruf des Siebdruckers erlernen. An der Graphischen traf er auf Joesi Prokopetz, der hier Schriftsetzer lernte - auch ein Beruf ohne Zukunft. Prokopetz nennt die Graphische der 1970er-Jahre "das Gut Aiderbichl für gescheiterte Gymnasiasten". Prokopetz sah sich 18-jährig als Dichter, als Poet, als Autor von zukünftigem Weltrang. Und so schrieb er einen Text über einen Mann, dessen Blut in den Kanal rinnt - ein Mann namens Hofer. Ambros, der sich das Gitarrenspiel und Komponieren beigebracht hatte, lieferte die Musik. Beide waren 19, als die Single "Da Hofa" beim österreichischen Label Atom erschien; acht Wochen blieb sie an der Spitze der Verkaufscharts. Prokopetz sagt: "Als wir das erste Mal in den Büros der Plattenfirma auftauchten, haben sie uns noch abgeschasselt. Nach dem 'Hofa' spazierten wir dann am roten Teppich hinein."

Die Zeit der Berufssuche, Ambros arbeitete als Schreibmaschinenmechaniker, Auslagendekorateur und als Plattenverkäufer in Wien und in London, war vorbei. Wo andere viel zu berichten gehabt hätten (immerhin war London damals das globale Zentrum der Popmusik), findet sich bei Ambros kaum ein Satz. Er hat an der Themse keinen Koffer stehen lassen.

Der Lauf des Duos Ambros/Prokopetz zur Weltberühmtheit in Österreich setzte sich rasant fort, beschleunigte sich gar - twens on speed. Die unschuldig-ungeheure Produktivität der beiden, beflügelt durch den Erfolg des Debütalbums "Alles andere zählt net mehr" und durch Singles wie "Kagran", "Tagwache" oder "A Mensch möcht i bleiben", führte zu vielen Auftragsarbeiten. Darunter ein Musical für die Wiener Festwochen 1973 namens "Fäustling" und ein noch heute gern gespieltes, gemeinsam mit Manfred Tauchen erdachtes, brachial holzschnittartiges Bühnendramolett und Konzeptalbum namens "Der Watzmann ruft" - später gefolgt vom ähnlich gestalteten Album "Schaffnerlos". Zwei Alleskönner, beide ausgebucht. Geldsorgen? Keine!

Als Höhepunkt des frühen Schaffens, gar als "Meisterwerk", wie es Wolfgang Kos, der ehemalige Chef der Ö3-Nische "Musicbox" und langjährige Direktor des Wien Museums heute bezeichnet, darf das 1975 erschienene Album "Es lebe der Zentralfriedhof" gelten. In seiner lustvollen Morbidität und präzise gezeichneten Atmosphärik, durchsetzt von Nummer-1-Hits wie "Zwickt's mi", ist es ein prototypisches Opus des Austropop. Eventuell das allerbeste von insgesamt über 40 Alben mit dem verschlungenen Ambros-Signet - dem ersten Markenlogo eines österreichischen Popstars.

In Deutschland wurde Ambros als ernst zu nehmende Bühnengröße erst 1977 entdeckt - mit seinen unter dem Titel "Wie im Schlaf" veröffentlichten Bob-Dylan-Transkriptionen. Knapp vor dem Aufkommen von Punk und New Wave standen damals vor allem jene Singer-Songwriter hoch im Kurs, die moralische Botschaften formulierten - was Kritiker irritierte, die den oft spitzbübischen Moritaten und offensiven Blödeleien von Ambros, Georg Danzer, Ludwig Hirsch & Co. Bedeutsamkeit abzuringen versuchten. "Zu seinem gehätschelten Landsmann André Heller", konstatierte etwa der Literaturwissenschafter Thomas Rothschild, "verhält sich Ambros wie ein Rocker zu einem dandyhaften Bourgeois, in etwa so wie Mick Jagger zu Oscar Wilde".

Mit dem Ende der 1970er-Jahre erreichte die Karriere der "No. 1 vom Wienerwald", so der Name von Ambros' Band, einerseits kommerzielle Höhepunkte - Deutschlandtourneen, Live-Doppelalbum, Stadionkonzerte, eine mehrfach ausverkaufte Wiener Stadthalle - ,andererseits konstatierten frühe Fans eine langsame Verflachung des Repertoires. Der widerspenstige Gestus der ersten Jahre war opulenten Arrangements des Produzenten Christian Kolonovits gewichen, der irrlichternde Witz des von Bord gegangenen Co-Autors Prokopetz der saturierten Routine des Lokalkaisers Ambros.

Hatte Georg Danzer noch wenige Jahre zuvor gemeint, "in Österreich Ambros kritisieren ist wie 'Rapid is oasch!' mitten am Rapid-Platz schreien", setzte Mitte der 1980er-Jahre eine im Pop-Geschäft fast unvermeidliche, von modischen Brüchen gespeiste Demontage des Austro-Idols ein, befeuert von einem im profil erschienenen Artikel des damaligen Chefredakteurs der Zeitgeist-Ilustrierten "Wiener", Michael Hopp. Er diagnostizierte "Patzigkeit", zunehmende Fadesse und etabliertes Mittelmaß und wollte Ambros kurzerhand in Pension schicken - was zwar Kratzspuren am Denkmal des "Austropop-Kaisers" hinterließ, aber kaum mehr.

Die 1990er-Jahre und der Beginn des neuen Jahrtausends waren für Wolfgang Ambros geprägt von ungebremster Produktivität und einer zunehmenden Ikonisierung als Pate, ja Übervater der hiesigen Musikszene. Eine Rolle, mit der sich der sieben Jahre nach Kriegsende Geborene zu keinem Zeitpunkt abfinden wollte. Die Mythologisierung der frühen Jahre erwies sich im ausgehenden Jahrtausend jedoch als lukrative Fixgröße des Spätwerks. Gemeinsam mit seinen alten Mitstreitern und Rivalen Georg Danzer und Rainhard Fendrich entstand 1997 das Projekt "Austria 3". Es wurde kommerziell zum Mega-Überraschungserfolg (weil ursprünglich nur als Benefiz-Einzelereignis geplant), zugleich war es - nicht zuletzt durch den frühen Krebstod von Danzer - der Höhe- und Schlusspunkt einer Ära.

Schnitt.

Boom-Boom-Tschack. Boom-Boom-Tschack. Ein Stampfen wie von einer Maschine in einem stahlverarbeitenden Kombinat. Auf der Bühne: Franz Adrian Wenzl. Hinter ihm prangt in beleuchteter, meterhoher gelber Schrift, so gelb wie Wenzls Bühnenjacke, sein Pseudonym: Austrofred - eine Hommage, gering nur Parodie, an Freddie Mercury, den Sänger der britischen Rockband Queen. Das Boom-Boom-Tschack, das ist der Rhythmus von Queens Hymne "We will rock you". Wenzl singt dazu, erstaunlich stimmig, den Ambros-Text vom Schifoan - noch so eine Pophymne, die halt nur in Österreich und Teilen Deutschlands die hymnischen Himmel erreicht. "Am Freitog auf'd Nocht montier i die Schi, auf mei' Auto und dann begib i mi in's Stubaital oder noch Zell am See, weil durt auf die Berg ob'm ham's immer an leiwaund'n Schnee." Selbst André Heller, der kurzfristige, aber dafür umso auffälligere Wegbegleiter von Ambros, konnte sich dem Sog dieses Songs nicht entziehen. Aber weil Heller das Skifahren verachtet und den Skizirkus erst recht, sang er, als das Lied auf Ö3 auf und ab gespielt wurde, für sich und die um ihn Anwesenden: "Schuubert, Schuubert, denn Schubert ist das Leiwandste, was man sich nur vorstellen kann" - der wohl einzige hochkulturelle Moment, den das Stampflied je erfuhr.

Franz Adrian Wenzl ist nicht der einzige der neuen Pop-Interpreten Österreichs, der Ambros verehrt; er verheiratet auch die Texte anderer Ambros-Songs, etwa "Die Blume aus dem Gemeindebau" oder "A Mensch möcht I bleibn", mit Queen-Kompositionen - selbst Ambros-Puristen grölen hier mit. Viele der im Jetzt erfolgreichen Popinterpreten Österreichs pflegen zu Ambros und seinem Werk ein die Historie achtendes Verhältnis. War Ambros in der Falco-Ära und für die Generation danach nur ein Sänger und Komponist, den man am liebsten in die Frühpension geschickt hätte, so spüren aktuelle Bands und Künstler wie Seiler und Speer oder Wanda, dass in den Ambros-Songs nicht nur die Geschichte der gesellschaftlichen Liberalisierung Österreichs mitschwingt - diese wurde von Ambros-Liedern auch massiv befördert -,sondern auch, dass sie die ganz spezielle, einfache und einnehmende Poesie der Ambros-Texte bewegt: Sätze und Wörter, die man in der coolen Gel- und Neon-Epoche nur schwer ertragen konnte. Ambros hat diese Zeit ausgesessen. Und ist heute mehr da denn je.

Donauinselfest 2019, der Samstagabend. Das Hauptabendprogramm dieser musikalischen Wiesengaudi. Wolfgang Ambros erklimmt ächzend die Hinterbühne, er quält sich die wenigen Stufen hinauf. Als er oben ankommt, ballt er die rechte Hand zur Faust, winkelt den Arm an und stöhnt einen Kraftseufzer. Geschafft! Acht Stufen wie ein Gipfelsieg. Als Sekunden später das Licht angeht und Ambros in Gold eintaucht, als die Zigtausenden Fans vor der Bühne nach ihm schreien, da ist ihm die bange Frage überdeutlich ins Gesicht geschrieben: Wird er das Konzert stemmen können? Er kann. Und wie er kann. Am Ende, als die Menge nach der Zugabe "Schifoan" schreit, lässt Ambros das Publikum den Text singen. Er dirigiert die Menge nur. Das Lied, der Text: Damit ist er durch. Da, in diesem Moment, weiß Ambros wohl, dass sein Werk ihn überdauern wird, dass man seine Lieder noch singen wird, wenn er längst in Frieden ruht. Und dass es mehr Lieder sein werden als nur der "Hofa" und "Schifoan". Seltsam, dass dieser Mann, der so viel geleistet hat, der für so viel steht, der das Land auch verändert hat; seltsam, dass dieser Mann seinen letzten Dämon nicht besiegen kann: seine Unsicherheit.