Mein Heinz: 45 Jahre mit Heinz Fischer

Herbert Lackner und Heinz Fischer

Herbert Lackner und Heinz Fischer

Herbert Lackner über 45 Jahre mit Heinz Fischer: ein bemerkenswertes Lehrstück im Fach Politik.

1968, im Jahr, in dem ich maturierte, nahm ich ihn zum ersten Mal wahr, wenn auch nicht nachhaltig. Im Gefolge des neuen SPÖ-Vorsitzenden Bruno Kreisky waren damals mehrere jüngere Herren aufgetaucht – alle knapp unter oder knapp über 30 –, die heftig vermarktet wurden. Von einem gewissen Hannes Androsch gab es sogar eine kleine Schallplatte, auf welcher der Feschak Politik erklärte. Der bereits etwas ältere Karl Blecha betrieb ein Meinungsforschungsinstitut und fiel mit markigen Sprüchen gegen den Kapitalismus auf.

Heinz Fischer, ein junger Mann mit dicker Brille, war der Unauffälligste auf diesen Wahlpartys. Er schien sich ausgiebig mit Verfassungsfragen und Parlamentarismusproblemen zu beschäftigen.

Als Politologiestudent stieß ich 1971 wieder auf ihn. Er war Mitautor des viel beachteten Buches „Rote Markierungen“, eines Sammelbands mit acht Beiträgen zu „Ideologie und Praxis der österreichischen Sozialdemokratie“. Bruno Kreisky, seit einem Jahr Bundeskanzler, hatte im Vorwort geschrieben, die SPÖ werde als Regierungspartei nur dann ihren „historischen, ihren gesellschaftsverändernden Charakter bewahren“ können, wenn sie die Menschen „aus der Enge der Selbstbeschränkung, der Selbstgenügsamkeit oder gar der Selbstgefälligkeit herauszuführen vermag“. Dies wollte Kreisky durch die Förderung der Bildung, der Wissenschaften, der Künste und der Intellektualität insgesamt erreichen.

Im Beitrag Karl Blechas strich ich mir die Stelle an, in der er Österreich als „kleinbürgerlich-autoritäres, in den meisten Bereichen lediglich formaldemokratisch aufgebautes System“ bezeichnete, in dem „das Nachwirken faschistischer Nebenideologien aus der Zeit des Ständestaats und des Nationalsozialismus“ spürbar sei. Das Buch steht heute noch in meinem Regal.

Heinz Fischer griff in seinem Beitrag „Probleme des Regierungssozialismus“ ausgiebig auf den damals hochaktuellen Philosophen Herbert Marcuse zurück und stellte dem Text ein Zitat des polnischen Historikers Leszek Kolakowski voran: „Das Bestehen der Utopie als Utopie ist eine unerlässliche Bedingung dafür, dass sie einmal aufhört, Utopie zu sein.“
Das beeindruckte mich.

Zwei Jahre später gab Heinz Fischer, nun schon Nationalratsabgeordneter, selbst einen opulenten Sammelband mit mehr als 800 Seiten heraus („Das politische System Österreichs“), für den namhafte Historiker, Politologen und Juristen Beiträge geschrieben hatten, darunter auch der von Fischer bis heute hochgeschätzte Heinrich Neisser, der immerhin einer der engsten Mitarbeiter von ÖVP-Kanzler Josef Klaus gewesen war.

Auch das gefiel mir irgendwie.

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Heinz Fischers Familiengeschichte kannte ich zu diesem Zeitpunkt nicht zur Gänze. Ich wusste wohl, dass sein Vater ab 1954 Staatssekretär im Handelsministerium gewesen war und Otto Sagmeister, sein Onkel, in den Nachkriegsjahren dem Kabinett Figl als Ernährungsminister angehört hatte. Dass Fischers jüdischer Großvater väterlicherseits von der Wiener Universität geworfen worden war, weil er im Hörsaal „Pfui Lueger“ gerufen hatte, dass also das Politische in der Familie noch weiter zurückreicht – das hat er mir erst unlängst erzählt.

Logisch, dass sich der junge Mann mit einschlägiger Familienhistorie schon mit 16 bei den Sozialistischen Mittelschülern (VSM) in Hietzing engagiert. 1954 trifft er dort den um fünf Jahre älteren Karl Blecha, der mit markigen Referaten durch die Bezirksgruppen zieht. Fischer ist von Blechas Eloquenz, dessen Elvis-Frisur und von seinen „Milanos“ beeindruckt: hochmoderne spitze Schuhe aus Italien. Im VSM lernt er 1960 auch die 17-jährige Margit Binder kennen, die er 1968 heiraten wird.

Bei den Sozialistischen Studenten (VSStÖ) ist Fischer bei den Linken, zu denen auch der spätere ÖIAG-Chef Oskar Grünwald, der nachmalige Nationalbank-Vorstand Thomas Lachs und Johanna Broda, die Tochter des Justizministers, zählen. Ihnen steht der rechte Flügel gegenüber, angeführt von Hannes Androsch. Der in Leoben studierende Rudolf Streicher gehört zur Androsch-Fraktion. Fischer gewinnt als Spitzenkandidat bei den ÖH-Wahlen hinzu, neuer VSStÖ- Chef wird aber Androsch. Es sei leichter, Bundespräsident zu werden als VSStÖ-Vorsitzender, soll Fischer damals gegrummelt haben.

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Im Vorjahr hatte ich meinen Geburtstag in Israel verbracht. Ich war eben mit einem Mietwagen in der Negev-Wüste unterwegs, als mich Heinz Fischer anrief, um mir zu gratulieren. Als ich ihm berichtete, wo ich mich befand, erzählte er mir, er habe diese Tour auch schon einmal gemacht. 1963 sei er mit einem Freund in einem alten Auto nach Italien gefahren, dort hätten sie sich auf einer Fähre nach Haifa eingeschifft und danach zwei Monate lang im Kibbuz Sarid gearbeitet.
Israel war bis in die 1970er-Jahre ein von der europäischen Linken bewunderter Modellstaat: Das egalitäre Leben in den Kibbuzim; das blühende Land, das die vor Pogromen und Nazi-Terror aus Europa geflüchteten Juden dem Wüstenboden abgerungen hatten; die Heldengeneration um David Ben-Gurion und seinen Heerführer Jitzchak Rabin – das beeindruckte.

Die jüngere politische Geschichte Israels verlief auch für Heinz Fischer, den einst glühenden Bewunderer des Judenstaats, „enttäuschend“.

Konstitutiv für Heinz Fischers politische Einstellung war neben der Ablehnung des Nationalsozialismus die Absage an den Sowjet-Kommunismus. Das älteste „politische“ Foto, das sich unter dem Schlagwort „Heinz Fischer“ in den Zeitungsarchiven findet, zeigt den 18-Jährigen im November 1956 bei einer Demonstration gegen die Niederschlagung des Ungarn-Aufstands. Arthur Koestlers „Sonnenfinsternis“, eine Abrechnung des Ex-Kommunisten mit Stalins „Säuberungen“, wurde für ihn zum Schlüsselroman.

Mitarbeiter des Bundespräsidenten bargen kürzlich ein bisher unbekanntes Dokument aus der Feder Fischers, das 54 Jahre lang in der Parlamentsbibliothek vergraben gewesen war. Der eben promovierte Jurist (im SPÖ-Parlamentsklub trat er gerade seine erste Anstellung an) hatte den Text anonym im Nationalratswahlkampf 1962 verfasst. Unter dem Titel „Sagt den Arbeitern endlich die Wahrheit! Eine Kampfschrift“ stellte der „Anonymus“ auf 22 Seiten das Wüten von Stalins Häschern dar und begründete mit Zitaten der linken Vorväter Karl Marx und Friedrich Engels, warum der „reale Sozialismus“ keiner sei. Der Text – als Herausgeberin firmierte im Impressum eine nicht existierende „Arbeiteropposition“ – wurde in Betrieben verteilt und richtete sich an Werktätige, die KPÖ wählen wollten. Anonymus/Fischers Rat: „Entweder Stimmenthaltung oder Stimmabgabe für die Sozialistische Partei.“

Noch im selben Jahr, 1962, wurde der Parlamentsangestellte in eine Affäre zeithistorischen Ausmaßes verwickelt. Der spätere Finanzminister Ferdinand Lacina hatte als Student in den Vorlesungen des antisemitisch ausfälligen Welthandelsprofessors Taras Borodajkewycz mitgeschrieben und die Zitatensammlung seinem Freund Heinz Fischer gegeben. Dieser veröffentlichte sie im SPÖ-Theorieorgan „Zukunft“ und in der „Arbeiter Zeitung“. Borodajkewycz klagte. Da Fischer den Namen des Informanten nicht nennen wollte – Lacina war ja noch Student –, wurde er verurteilt: 4000 Schilling oder 20 Tage Haft (das Urteil wurde später revidiert). Fischer steckte Lacinas Mitschrift seinem Freund Oscar Bronner zu, der gab sie seinem Vater. Die Verlesung der Zitate in Gerhard Bronners TV-Sendung „Zeitventil“ führte zu großen Pro- und Contra-Boro-Demonstrationen, bei denen ein Neonazi einen ehemaligen Widerstandskämpfer erschlug. Borodajkewycz wurde pensioniert.

1963 ist Heinz Fischer 25 und Parlamentssekretär der SPÖ, die operative Nummer zwei hinter dem Klubobmann. Nicht ohne Stolz zählt der Bundespräsident noch heute die Namen seiner nur drei Vorgänger in dieser Funktion auf: Adolf Schärf, Bruno Pittermann, Leopold Gratz. Auch Fischers Karriere kam in Gang. Ende der 1960er-Jahre traten er und die anderen SPÖ-Jungs auf den eingangs erwähnten Wahlpartys auf. Ab 1971 saß er im Nationalrat.

Schon eine Legislaturperiode später, 1975, machte ihn Bruno Kreisky zu seinem Klubobmann. Mein Freund Bruno Aigner – wir lebten beide in einer Wohngemeinschaft in der Wiener Leopoldstadt – wurde sein Pressesprecher, er ist es bis heute. Im Juli erlischt die Funktion in ihrem 41. Jahr. Das ist wahrscheinlich Weltrekord.

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Er mag wohl noch nicht seine Umzugskisten ausgepackt gehabt haben, als der junge Klubobmann mit einem gewaltigen Problem konfrontiert wurde. Kreisky hatte mit FPÖ-Chef Friedrich Peter vor den Wahlen 1975 über eine mögliche Koalition gesprochen, Wiesenthal publizierte daraufhin Material über Peters SS-Vergangenheit. Kreisky konterte auf der Basis windiger Geheimdienstmaterialien aus dem Ostblock, Wiesenthal habe ein ungeklärtes Verhältnis zur Gestapo gehabt. Wiesenthal klagte. Der schäumende Kreisky verlangte von seiner Fraktion ultimativ die Aufhebung seiner Immunität, um sich Wiesenthal vor Gericht stellen zu können.

Als Chefredakteur der Zeitung der SJ war ich bei einer dieser internen Besprechungen dabei. Niemand teilte Kreiskys Ansicht. Fischer bestürmte ihn, ja nicht vor Gericht zu gehen, da er im Fall einer Niederlage auch als Bundeskanzler zurücktreten müsse. Kreisky blieb hart. Als die Entscheidung nicht mehr aufzuschieben war, griff Fischer verzweifelt zu einer Finte, die ihm bis heute oft nachgetragen wird: Er schlug einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss vor, um Kreisky zu einem Verzicht auf die Konfrontation vor Gericht zu bewegen. Ein Untersuchungsausschuss gegen Simon Wiesenthal?

Die Causa wurde schließlich besiegelt, als Kreisky auf Anraten seines Freundes Karl Kahane eine Ehrenerklärung für Wiesenthal abgab.

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Hat diese Entscheidung unter höchstem Druck Fischer später zu vorsichtig gemacht? „Aufs Klo“ habe er sich verzogen, wenn es brenzlig wurde, sagt der Volksmund. Fischer selbst glaubt nicht an dieses angebliche Kreisky-Zitat: Das sei eine Erfindung von ihm nicht Wohlgesonnenen. Möglich, dass der Vorwurf, er gehe Heiklem aus dem Weg, auf dem Konflikt zwischen Bruno Kreisky und Hannes Androsch fußt. Fast jeder in der SPÖ-Spitze hatte sich damals auf eine der beiden Seiten geschlagen: Fischers alte Freunde Ferdinand Lacina und Karl Blecha auf jene Bruno Kreiskys, der von Fischer hochverehrte ÖGB- und Nationalratspräsident Anton Benya unterstützte Androsch. Fischer engagierte sich nicht. „Es war schädlich. Mir war die Heftigkeit dieser Auseinandersetzung unerklärlich“, sagt er heute.

Wenig später waren sowohl Kreisky als auch Androsch nicht mehr in der Politik.

Die Regierung Sinowatz, der Fischer daraufhin als Wissenschaftsminister angehörte, versank, als SPÖ-Kandidat Kurt Steyrer 1986 die Präsidentschaftswahl gegen Kurt Waldheim verlor. Fred Sinowatz war für diesen Fall seit Monaten zum Rücktritt entschlossen und stand vor einer schwierigen Entscheidung: Seine engsten Freunde und logischen Nachfolger Leopold Gratz, Karl Blecha und Heinz Fischer lagen in Beliebtheitsumfragen einigermaßen klar hinter Finanzminister Franz Vranitzky. Das entsprach der Stimmung im Land: Man wollte wirtschaftskundige Macher.

Während Sinowatz Vranitzky schon mit dem Gedanken vertraut gemacht hatte, er müsse bald das Kanzleramt übernehmen, wurden Gratz, Blecha und Fischer bis zuletzt im Unklaren gelassen. Sie haben es dem Burgenländer nie nachgetragen. Fischer hält Sinowatz bis heute für einen schwer unterschätzten Politiker.

Vranitzky passte besser in die 1980er-Jahre als die drei alten Parteihasen. Er war nie in einer SPÖ-Jugendorganisation gewesen, sein Vater war Kommunist, er selbst spielte bei einem Verein der schwarzen Sportunion Basketball und hatte als Generaldirektor eine Bank geleitet.

Bald kursierte ein Witz. „Wir brauchen Visionen“, sagte Fischer. „Wer Visionen hat, braucht einen Arzt,“ entgegnete Vranitzky. Die Unterhaltung hat so nie stattgefunden, aber sie illustriert, wie das Verhältnis zwischen dem Nationalrats-
präsidenten und dem Kanzler gesehen wurde. „Wir hatten einfach andere Interessenschwerpunkte, aber wir sind einander mit Respekt begegnet“, sagt Fischer: „Unser zuerst nur professionelles Verhältnis ist später sehr gut geworden.“
Bevor er im Jänner 1997 selbst seinen Rücktritt bekanntgab, kam Vranitzky in Fischers Parlamentsbüro, um ihn zu informieren, dass er Viktor Klima als Nachfolger vorgesehen habe. „Es war ein sehr nobles Gespräch“, schreibt Fischer in seinem Buch „Reflexionen“.

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Als Wolfgang Schüssel 2000 die Seiten wechselte und mit Jörg Haider koalierte, war Fischer in einer unbequemen Position: Wohl hatte auch er als Mitglied des SPÖ-Verhandlungsteams versucht, Schüssels Kanzlerschaft zu verhindern, aber die blanke Verachtung vieler Parteifreunde konnte er nicht teilen. Er kennt Schüssel seit der Zeit, als sie beide junge Parlamentssekretäre waren. Manchmal waren sie damals mit ihren Frauen abendessen gegangen. Als Fischer 2004 Thomas Klestil als Bundespräsident ablöste, entspannte sich die Situation an der Staatsspitze deutlich.

Seine engeren Freunde und die Mitarbeiter der Präsidentschaftskanzlei lädt Fischer einmal im Jahr zu einem nachmittäglichen Imbiss nach Mürzsteg: das Ehepaar Rudolf und Agnes Buchbinder, Krebsspezialist Christoph Zielinski und Ricarda Reinisch, Operndirektor Dominique Meyer, Peter Turrini, Nationalbank-Gouverneur Ewald Nowotny.

Seine ältesten privaten Freunde sind, wie seine Frau Margit, ehemalige Flüchtlingskinder: Thomas Lachs und John Sailer, der Besitzer der Galerie Ulysses in Wien, waren mit ihren Eltern schon als Kleinkinder vor den Nazis nach New York geflohen und einige Jahre nach dem Ende des Krieges zurückgekehrt. Englisch sprachen sie weit besser als deutsch. Margit Fischer wäre vielleicht wieder in ihr Geburtsland Schweden zurückgekehrt, hätte sie nicht ihren Heinz getroffen, der ganz unzeitgeistig meint: „Willkommenskultur ist für mich kein Schimpfwort, sondern etwas Wertvolles.“ So sagte er es vielleicht auch der Regierung, als er sie vor einigen Wochen nach der fragwürdigen „Westbalkan-Konferenz“ ohne Griechenland zu sich zitierte.

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Nach seiner Wahl 2004 erzählte Heinz Fischer, der 1957 zum Bundespräsidenten gewählte SPÖ-Vorsitzende Adolf Schärf habe oft über die Einsamkeit in den Weiten der Hofburg geklagt. Er hoffe, dass es ihm nicht auch so gehe.

Vielleicht war er auch deshalb ein ruheloser Präsident: 75 Länder hat der früher von Flugangst Geplagte bereist, Staatschefs aus 76 Ländern kamen nach Wien. 180 Grußworte, 200 Reden und geschätzte 2500 Selfies pro Jahr absolviert, 1000 Interviews während der zwölfjährigen Amtszeit gegeben, 1548 Bundesgesetze beurkundet, drei Regierungen angelobt – die Mitarbeiter ziehen schon Schlussbilanz.

Margit hat ihm einen neuen Schreibtisch gekauft. Das Haus auf der Hohen Wand muss nach zwölf Jahren Leerstand saniert werden. Es durfte nicht benutzt werden, weil es für die Beherbergung der Bewacher zu klein war.

Im Wintersemester tritt der Ex-Präsident dann seinen Lehrauftrag an der Universität Innsbruck an. Die Vorlesungsreihe wird die Fächer Politikwissenschaft, Zeitgeschichte und Verfassungsrecht umfassen.

Da kennt er sich aus.