Interview mit Pierre Jochem, dem Direktor des "besten Hotels der Welt"

Interview mit Pierre Jochem, dem Direktor des "besten Hotels der Welt"

Pierre Jochem, Direktor des La Mamounia in Marrakesch, das vor einem Jahr zum besten Hotel der Welt gekürt wurde, über "Hemingway“-Gäste, Hochstapler-Gäste, schwierige Gäste - und den Schlüsselreiz, der Luxusoasen ausmacht: das perfekte Service.

profil: Welche Eigenschaft ist es, die Sie zum Manager des besten Hotels der Welt macht?
Pierre Jochem: Begeisterung für meinen Job und Fokus auf die Qualität.

profil: Was begeistert Sie genau?
Jochem: Schon in sehr jungen Jahren habe ich gewusst, dass ich in einem Hotel arbeiten möchte. Mit meinen Eltern bin ich viel gereist. Wir haben immer auf den schönsten Plätzen gewohnt. Schon mit 14 Jahren wusste ich, dass ich mich sehr wohl fühle in so einer "La-Mamounia-Umgebung“. Da wusste ich bereits, dass ich eine Hotelfachausbildung und eine Karriere in so einer luxuriösen Umgebung machen will. Ich liebe meine Arbeit, und die Leidenschaft dafür hat mich nie verlassen. Es macht mir sogar Spaß, an Zahlen oder Budgets zu arbeiten oder mit Architekten das Casino hier zu planen. Die beste Qualität zu liefern, ist eine Herausforderung für mich - auch in kleinen Dingen wie der Frage, ob der Eiswürfel eines Gin Tonic jetzt rechts von der Zitrone liegt. Mit Menschen zu sein, macht mir Spaß. Ja - und ich liebe Luxus.

profil: La Mamounia und das Hotel Raffles in Singapur werden immer wieder zu den besten Hotels der Welt gewählt. Was ist der Unterschied zu anderen Luxushotels?
Jochem: Das Service.

profil: Warum steigen Gäste in Hotels wie La Mamounia ab? Geht es um Prestige, sind das angegraute, reiche Porschefahrer?
Jochem: Hotels wie das La Mamounia oder das Raffles sind sehr bekannt, die gibt es schon sehr lange. Sie haben ihre eigene Geschichte, sind bekannt als Luxusoasen, und die Leute wollen das sehen und erleben. Aber sie kommen auch wegen des Service.

profil: Gibt es noch den Stil der "Hemingway-Reise“? Ich meine damit Leute, die lieber in Hotels leben, um so kompromisslos ihre Freiheit zu bewahren und ein bürgerliches Leben zu vermeiden?
Jochem: Ja, ja. Das gibt es. Es gibt diese Typen, die monatelang hierbleiben. Die lassen sich hier inspirieren. Sie schreiben, malen. Einige davon sind da. Sie kommen und gehen. Bei uns gibt es Suiten mit Jahrespreis.

profil: Wer sind die schwierigsten Gäste? Sind das die unersättlichen Reichen oder die Package-Touristen, die einmal im Leben kommen?
Jochem: Es gibt keinen schwierigen Gast. Jeder Gast hat seine Erwartungen, die auf den Preisen oder sonstigen Vorstellungen beruhen. Wir müssen das Service bringen, das die Gäste erwarten. Jene, die schwieriger sind, sind die Neureichen, die gelegentlich überheblich und unhöflich werden können.

profil: Worüber beschweren sich die Gäste am meisten. Über das Service?
Jochem: Ja, das Service. Wenn es nicht schnell genug geht oder gut genug ist. Das beste Service sollte schon gestellt sein, bevor der Gast etwas wünscht. In dem Moment, indem ein Gast seine Hand hebt, hat das Service schon versagt.

profil: Haben Sie in Ihrer Karriere jemals so Typen wie in dem Film "Catch me if you can“ erlebt, wo Leonardo DiCaprio einen Hochstapler spielt?
Jochem: Ja, einige Male. Alles gibt es. Aber das ist auch das Großartige an einem Hotel. Es kommen so viele unterschiedliche Leute, und man begegnet allen unterschiedlichen Typen und Charakteren, mit denen man dann auch auskommen muss. Wir haben schon alle möglichen Szenarien erlebt.

profil: Ich will Sie jetzt gar nicht fragen, wie oft Sie schon die Polizei gerufen haben.
Jochem: Ja, das haben wir natürlich auch.

profil: In Filmen sind Hotels die Schauplätze der Liebe und der Romantik. Ist das auch in der Realität so? Oder ist es in Wirklichkeit eher der Platz der Business-Leute oder für urlaubende Familien?
Jochem: Das hängt sicher davon ab, wo man arbeitet, in welchem Hotel. Hierher oder ins Raffles in Singapur kommen viele Paare, die wegen der Romantik reisen. Leute bestellen sich hier einen speziell schönen Tisch für ein Abendessen oder eine besonders schöne Suite mit Balkon. Es gibt auch Paare, die immer wieder kommen, um hier ihren gemeinsamen ersten, fünften oder zehnten Jahrestag zu feiern.

profil: Oder sie kehren mit einem anderen Partner zurück …
Jochem: Auch das ist möglich. Oder sie kommen mit Frau und Freundin. Man muss sehr diskret und vorsichtig sein.

profil: Was war Ihre gefährlichste, was die spannendste Erfahrung, an die Sie sich erinnern können?
Jochem: In Mauritius habe ich 1993 einen Hurrikan erlebt. Damals war ich Hoteldirektor. Wir haben alle Maßnahmen getroffen, damit niemandem und dem Hotel nichts passiert. Aber bei einem Wind mit 250 km/h - da hilft nichts mehr, da kann man nicht gehen, keine Türe öffnen. Wir hatten Glück. Der Wind blies am Hotel parallel vorbei.

profil: Was ist Ihr Geheimnis als Familienvater? Wie schaffen Sie das ohne richtiges Zuhause? Sie müssen als Hoteldirektor ja alle paar Jahre übersiedeln.
Jochem: Das Geheimnis ist, sich möglichst schnell Freunde zu suchen. Ich habe zwei Kinder, die immer mit uns kommen. Auch sie haben sich entschlossen, das Hotelfach zu studieren. Wichtig ist auch, nie zu vergessen, woher man kommt. Ich komme aus dem Elsass. Wir haben einen Besitz dort, ein eigenes Haus. Meine Familie kommt zwei Mal im Jahr zusammen. Das ist wichtig.

profil: Ist es schwierig für Sie, als Manager eines Top-Hotels, selbst ein Prominenter zu sein und gleichzeitig zu dienen?
Jochem: Ja, natürlich. Da gilt es, die richtige Balance zu finden. Ich sage immer, als öffentliche Personen leben wir eine Art Show. Wir repräsentieren ein eigenes Image - und dem müssen wir treu bleiben. Man darf niemals vergessen, wohin man gehört und woher man kommt. Die Gefahr besteht darin, dass wir in einem goldenen Käfig leben. Wir treffen berühmte Persönlichkeiten, Weltstars. Das ist aber nicht unsere Realität. Das sollte man sich täglich bewusst machen.

profil: Wenn Sie sich für Ihre Rente ein Hotel aussuchen könnten, welches Hotel würde das sein?
Jochem: Wenn man so wie wir immer im Ausland lebt, hängt man sehr an Frankreich und Straßburg. Aber wir hassen kaltes Wetter. Es gibt zwei Plätze auf der Welt, die ich sehr liebe. Einer ist auf Mauritius - an dieser Insel hänge ich sehr. Der andere ist auf Korsika, das "Casa del Mar“ nahe einem der schönsten Strände der Welt. Und ehrlich gesagt: Dort war ich noch nie.

Zur Person

Pierre Jochem, der zu den etabliertesten Hoteldirektoren der Welt zählt, leitet das La Mamounia in Marrakesch/Marokko seit September 2013. Die Karriere des Elsässers mit dem untrüglichen Sinn für Perfektion begann in London, später siedelte er nach Bangkok um, dann nach Hongkong. Nach Jahren als "Food & Beverage“-Direktor wurde er Resident Manager (also zweiter Mann im Haus) im Le Saint Géran auf Mauritius, zwei Jahre später avancierte er zur Nummer eins im Peninsula in Peking. Weitere Stationen des Spitzenhoteliers waren das Oberoi Hotel sowie das The Imperial in New Delhi und das legendäre The Pierre in New York. Vor seinem Amtsantritt im La Mamounia, das im Vorjahr seinen 90. Geburtstag feierte und vom Fachmagazin "Condé Nast Traveller“ zum besten Hotel der Welt gekürt wurde, positionierte er sich als "leader of excellence“ in der Fünf-Sterne-Hotelkette Raffles. Dort leitete Jochem unter anderem das weltberühmte, bald 130 Jahre alte, im Kolonialstil errichtete Haus in Singapur; außerdem fungierte er als Vizepräsident von Raffles für die Geschäfte im asiatisch-pazifischen Raum.