Klein- und Mittelbetriebe: Eine dicke Eigenkapitaldecke schützt vor Krisen

Klein- und Mittelbetriebe: Eine dicke Eigenkapitaldecke schützt vor Krisen

Eine dicke Eigenkapitaldecke schützt vor Krisen, verschafft KMUs Unabhängigkeit und den Respekt der Banken. Dennoch ist es gerade für Klein- und Mittelbetriebe nicht immer ganz einfach, erfolgreich zu wirtschaften.

Von Ruth Reitmeier

Ein Mann in Arbeitskleidung schiebt zwei Bons durch den Spalt unterhalb des verglasten Schalters und bekommt dafür 70 Euro in Scheinen und ein paar Münzen. Bei Altmetalle Kranner, im Gewerbegebiet von Stetten bei Korneuburg in Niederösterreich, werden alte Rohre, Radiatoren, Alu-Fensterprofile und Autofelgen, riesige Rollen dicker Stahldrahtseile, ausgedientes Kochgeschirr und auch ganze Küchen aus Nirosta zu Geld gemacht. Wer dem Altmetallhändler Rohstoff liefert, bekommt dafür sofort Bargeld. Es ist ein Cash-Business.

„Ohne liquide Mittel ist man in dieser Branche tot“, sagt der Eigentümer Felix Kranner (Foto). Er führt das Unternehmen in dritter Generation, zusammen mit Gattin Brigitte. Gegründet wurde es 1947 vom Großvater als Einmannbetrieb, der vom Kaffeehaus aus mit Kriegsschrott handelte. Seither ist so einiges passiert. Das Unternehmen hat zwei Standorte – den Wiener Stammsitz und den großen Sammelplatz in Stetten –, beschäftigt 23 Mitarbeiter und macht Jahresumsätze zwischen zehn und 15 Millionen Euro, je nach den Metallpreisen an den Börsen. Die Metalle werden sortenrein sowie nach Legierung getrennt, der Rohstoff sodann an die Industrie und an Metallhütten weiterverkauft.

Allein in Stetten liegen „Aktiva“ im Wert von rund einer halben Million Euro auf diversen Schrotthaufen. In den Büchern des Unternehmens findet sich zudem, was vielen Betrieben fehlt: eine sehr hohe Eigenkapitalausstattung. Altmetalle Kranner gliedert sich in eine Eigentümer- und eine Betriebsgesellschaft. Letztere, die Kranner GmbH, weist fürs Geschäftsjahr 2013 eine Eigenkapitalquote von 91,8 Prozent aus. Beide Gesellschaften haben eine kumulierte Quote von 78 Prozent. Die Eigenkapitalquote ist eine Kennzahl in der Bilanz, die der Bewertung des Unternehmens dient. Sie beschreibt den Anteil der eigenen Mittel am gesamten Betriebsvermögen. Je höher die Eigenkapitalquote, desto stabiler und kreditwürdiger das Unternehmen. Soweit die Theorie. Altmetalle Kranner hat laut Felix Kranner derzeit einen geförderten Kredit für Investitionen in die Betriebsanlagen laufen. „Wir haben jedoch einen Positivsaldo bei der Bank“, betont er. In der Praxis bedeutet das, auch in Zeiten restriktiver Kreditvergabe von Geldgebern umworben zu werden. Das trifft sich gut, zumal die Kranners eine weitere Großinvestition planen. „Drei Banken sind bereits auf uns zugekommen und haben eine Finanzierung angeboten“, sagt Felix Kranner.
Eine Servicequalität, die überschuldete österreichische Klein- und Mittelunternehmen (KMU) freilich nicht kennen. Denn kein oder gar negatives Eigenkapital ist der wunde Punkt vieler Betriebe. Obgleich sich die Situation insgesamt in den vergangenen Jahren deutlich gebessert hat: Lag die durchschnittliche Eigenkapitalquote aller KMU im Bilanzjahr 2001/02 bei 17 Prozent, so waren es im Geschäftsjahr 2011/12 bereits 29 Prozent. Bei Betrieben mit weniger als 100 Beschäftigten lag die Eigenmittelquote 2011/12 immerhin bei 27 Prozent. Doch hinter Durchschnittswerten und positiven Trends verstecken sich auch viele Problemfälle. Denn zugleich wiesen 28 Prozent der Unternehmen dieser Größenordnung eine negative Eigenkapitalquote aus.

Kein Fremdkapital ohne Eigenmittel
In der Mittelstandsfinanzierung vollzieht sich indessen ein Paradigmenwechsel: Kein Fremdkapital ohne Eigenmittel. Das betrifft das laufende Geschäft und insbesondere Neuinvestitionen. Reinhard Kainz von der Bundessparte Gewerbe und Handwerk der Wirtschaftskammer Österreich geht davon aus, dass der Trend bleibend ist. Nicht zuletzt deshalb sei die Stärkung der Eigenkapitaldecke auch für kleine Unternehmen so wichtig. „Allerdings ist Eigenkapital gegenüber Fremdkapital steuerlich diskriminiert“, unterstreicht Kainz. Als wirtschaftspolitische Motivationsmaßnahmen zur Eigenkapitalstärkung regt er deshalb an, dass die nicht entnommenen Gewinne steuerlich begünstigt oder überhaupt steuerbefreit werden und für bereits investiertes Eigenkapital ein fiktiver Zins als Betriebsausgabe – ähnlich wie Kreditzinsen – abschreibbar sein sollte.

Die Eigenkapitalquote ist ein wichtiger Parameter für Bonitätsbewertungen und hat entscheidenden Einfluss darauf, ob das Unternehmen überhaupt einen Kredit bekommt und wie teuer die Finanzierung ist. Beim Rating des Kreditschutzverbands von 1870 (KSV) fallen aktuelle, dynamische Unternehmenskennzahlen wie Umsatz und Ertrag zwar etwas stärker ins Gewicht. „Unter den statischen Bilanzgrößen ist die Eigenkapitalquote jedoch die wichtigste“, betont KSV-Experte Hans-Georg Kantner. Eigenmittel halten als Puffer gegen unvorhersehbare Verluste her und schützen Unternehmen in Krisen vor Insolvenzgefahr und hohen Risikoaufschlägen seitens der Banken.

Ein Beispiel vom Kreditmarkt: Ein KMU hat einen Investitionskredit mit zehnjähriger Laufzeit, der zur Hälfte durch eine Hypothek besichert ist. Das Unternehmen hat eine Eigenkapitalquote von 40 Prozent. Ein wichtiger Kunde wird insolvent und das Unternehmen macht deshalb einen Verlust. Nach dem Jahresverlust beträgt die Eigenkapitaldecke noch 20 Prozent. Hätte das Unternehmen jedoch vor der Krise eine Eigenkapitalquote von nur 20 Prozent gehabt und der Verlust den Polster aufgebraucht, fiele der Risikoaufschlag auf die Kreditzinsen aktuell um mindestens eineinhalb Prozent höher aus. „Bei Unternehmen, die kein Eigenkapital haben oder gar eine negative Quote, wird es mit der Finanzierung schwierig“, betont Gregor Deix von der Erste Bank.

Wer zahlt, schafft an. Ein Unternehmer, dessen Eigenkapital von Verlusten aufgefressen wurde, wird seinem Bankier eine Fortbestandsprognose sowie ein überzeugendes Programm vorlegen müssen, wie er denn wieder in die Gewinnzone zu kommen gedenkt. Auch ein genauer Liquiditätsplan über sämtliche offene Forderungen und anstehende Zahlungsverpflichtungen wird, regelmäßig aktualisiert, abzuliefern sein. „Ist das Eigenkapital aufgebraucht, intensiviert sich der Kontakt mit der Bank. Das kostet nicht zuletzt viel Zeit“, sagt Erich Lehner, Mittelstandsexperte bei Ernst & Young. Was machen nun Unternehmen mit hoher Eigenkapitaldecke besser, anders? „Sie machen Gewinne“, bringt es Unternehmensberater Werner Seebacher auf den Punkt. Das zeigen jedenfalls Österreichs Vorzeige-KMUs, die Hidden Champions, vor. Das sind Unternehmen, die die Weltmarktführerschaft in einer Nische übernommen haben. Sie sind zumeist hochprofitabel, Gewinne werden großteils re-investiert. „Die hohe Eigenkapitalausstattung von im Schnitt 42 Prozent ist ein Resultat dieser Art des Wirtschaftens“, sagt Georg Jungwirth, Professor an der Grazer Fachhochschule Campus 02. „Und das macht die Unternehmen von externen Geldgebern unabhängig“, so der Experte.

„Das Lager soll sich drehen“
Zurück auf den Schrottplatz. Altmetalle Kranner besetzt zwar keine Nische, beherzigt jedoch ähnliche wirtschaftliche Prinzipien wie die Exportweltmeister. „Wir sind bei Investitionen konservativ und bei Gewinnentnahmen sehr zurückhaltend“, fasst Felix Kranner zusammen. Als Brigitte Kranner vor 24 Jahren ihren Beruf als Hauptschullehrerin an den Nagel hing, um ins Unternehmen einzutreten, tat sie dies mit dem Vorsatz, wie gewohnt von einem Lehrergehalt zu leben. Bis heute hält sie daran fest. Bei großen Investitionen spielt das Unternehmer-Ehepaar ein Worst-Case-Szenario durch – wie etwa einen starken Preisverfall an den Metallbörsen. „Wenn wir uns das Vorhaben dann noch immer leisten können, investieren wir“, sagt die Geschäftsführerin. Anders als in der Branche üblich, spekulieren die Kranners nicht, Metalle verbleiben also nicht über Monate im Lager, unter der Annahme, dass die Preise steigen könnten. „Wir sind nicht an hohen Beständen interessiert, das Lager soll sich drehen“, sagt Brigitte Kranner.

Der von Experten empfohlene 30-Prozent-Richtwert für einen gesunden Eigenkapitalpolster ist im Übrigen eine Hausnummer, zumal die Größenordnung stark branchenabhängig ist. Je höher der Investitionsbedarf der Branche in Betriebsanlagen, desto höher die Eigenkapitalquote. „Der Vergleich mit den Mitbewerbern gibt die Benchmark vor“, betont Kantner vom KSV. Eigenkapital allein wird einem Unternehmen aber nicht durch eine schwierige Phase helfen. „Liquidität ist noch wichtiger, damit das Unternehmen weiter arbeiten kann“, betont der auf Sanierungen spezialisierte Wirtschaftstreuhänder Manfred Scherz. Das sind einerseits Vermögenswerte, die schnell zu Geld gemacht werden können, aber vor allem unausgeschöpfte Kreditlinien bei der Bank oder besser – den Banken. Spätestens, wenn ein KMU in Schwierigkeiten gerät, ist es wichtig, nicht nur einen Finanzier zu haben. Denn dreht der den Geldhahn zu, ist es aus. Treue zur Hausbank erweist sich immer wieder als unternehmerischer Kapitalfehler.

Foto: Monika Saulich für profil