Waldviertel: Neues Leben für altes Handwerk

Waldviertel: Neues Leben für altes Handwerk

Mit einer bemerkenswerten Initiative wollen die "Waldviertler Handwerker“ einer strukturschwachen Region neues Leben einhauchen und für eine "Renaissance des Handwerks“ sorgen.

Kleine Fliesenkunde, Kapitel eins: historische Fliesen. Das ist das Spezialgebiet von Ulrike Brandner-Lauter, 35, Geschäftsführerin der Fliesenlegerfirma Lauter aus Waidhofen an der Thaya. "Fast eine eigene Wissenschaft“, schwärmt sie. "Da gibt es die Zementfliesen, die sind gepresst und farbbeschichtet. Wunderschön. Und erst die gebrannten Steinzeugfliesen, die geben einem Haus seine wahre Identität.“ Dann berichtet sie, dass die Fliesenflächen insgesamt zwar zurückgehen, das Qualitätsbewusstsein für die Teile aber wächst, besonders die Nachfrage nach alten Fliesen. Wie eine Detektivin grast Brandner-Lauter daher das Land nach diesen historischen Fliesen ab. Sie wühlt sich durch Schutthalden von Abrissfirmen, kramt in staubigen Lagern von Baustoffhändlern, stöbert in ganz Europa kleine Manufakturen auf, die noch historische Fliesen erzeugen.

Wegen dieser Spezialisierung ist ihr Waldviertler Handwerksbetrieb, den sie gemeinsam mit ihrer Schwester Marlene 2007 vom Vater übernommen hat und der etwa 20 Mitarbeiter beschäftigt, inzwischen eine der ersten Adressen Österreichs für die Renovierung historischer, oft denkmalgeschützter Gebäude. Beispielsweise im "Goldenen Quartier“ in der Wiener Innenstadt, dem Luxus-Entwicklungsprojekt des Immobilien-Tycoons René Benko: Vier Stiegenhäuser und zwei Musterwohnungen wurden dort kürzlich von ihr bis ins kleinste historische Detail saniert oder mit edelsten, teils goldbeschichteten Mosaikfliesen ausgestattet. Obendrein hat sich Benko auch eines seiner Privatappartements von Brandner-Lauter verfliesen lassen.

Mit einer ähnlichen Leidenschaft verfolgt Brandner-Lauter auch ein weitaus größeres Projekt, das nicht mehr und nicht weniger als eine "Renaissance des Handwerks“ anstrebt - und zwar durch die "Waldviertler Handwerker“ oder, lässig abgekürzt, W4HW. Vor ziemlich genau zwei Jahren, im Juli 2013, hat sie diese Initiative gemeinsam mit Stefan Schrenk, 35, dem in Vitis bei Gmünd ein Holztreppen- und Türenbetrieb mit etwa 65 Mitarbeitern gehört, ins Leben gerufen.

Rund 1000 Fachkräfte

Inzwischen haben sich 54 kleine und mittlere Handwerksfirmen aus allen Gewerken des Bau- und Baunebengewerbes - vom Installateur bis zum Maurer, vom Zimmerer bis zum Elektriker - unter dem Dach der W4HW zusammengefunden. Insgesamt beschäftigen sie rund 1000 Fachkräfte und bilden jährlich mehr als 100 Lehrlinge im Waldviertel aus. Ihr Ziel, nachzulesen unter waldviertlerhandwerker.at: "Leistungen im Bereich Bauen, Renovieren und Sanieren gemeinsam vermarkten, neue Formen der Zusammenarbeit entwickeln, Qualitätsstandards setzen und den Standort Waldviertel wirtschaftlich festigen.“

Mit diesem konzertierten Auftritt wollen die Waldviertler Handwerker nicht nur den rückgängigen Aufträgen in der Krise trotzen. Die W4HW versuchen vielmehr, mit einer kräftigen Portion Eigeninitiative einer der strukturschwächsten Regionen Österreichs neues Leben einzuhauchen. Nach wie vor dominiert im Waldviertel die Landwirtschaft, lediglich rund um Gmünd hat sich eine überschaubare Zahl von Industriebetrieben angesiedelt. Viele der knapp 200.000 Einwohner in den nur fünf Bezirken sind 65 oder älter. Die Auspendlerquote ist überdurchschnittlich hoch, wer von den Jüngeren kann, wandert ab. Das Bruttoregionalprodukt pro Einwohner liegt bei lediglich etwa 24.800 Euro, also mehr als 30 Prozent unter dem österreichischen Schnitt von 35.700 Euro oder nur auf Rang 29 aller 35 heimischen Regionen. Produktivität und Wertschöpfung grundeln ähnlich tief herum, die Arbeitslosenrate ist in Niederösterreich nur im Weinviertel höher. "Kurzum“, sagt Brandner-Lauter, "es muss etwas getan werden, vor allem für das Handwerk im Waldviertel.“

Vor etwa drei Jahren traf sie mit Schrenk auf einen Gesinnungsgenossen - bei einer Tagung des Wirtschaftsforums Waldviertel, einer Plattform für etwa 180 regionale Klein- und Mittelunternehmen mit Stoßrichtung Gesundheit, Bio und Nachhaltigkeit. Monatelang haben die beiden dann den Markt sondiert, Businesspläne gewälzt und zwischen Krems, Horn und Zwettl jedes Kaff abgegrast, um Mitstreiter an Bord zu holen. Die ersten 50 Mitgliedsbetriebe der W4HW ließen sich schnell überzeugen, denn alle hatten mit ähnlich schwierigen Rahmenbedingungen zu kämpfen. Für die meisten ist ihr lokaler Markt zu klein und sie müssen deswegen ihr Geschäft in den größeren Städten suchen, vorwiegend in Wien. Dort aber agieren sie großteils als Einzelkämpfer und sehen sich überdies einem mitunter brutalen Preiskampf ausgesetzt. "Und wenn bei einem Projekt etwas schiefgeht“, so Brandner-Lauter, "dann schiebt jeder die Schuld auf den anderen. Wer da schlecht vernetzt ist, bleibt übrig.“

Gegenentwurf zu "chaotischen Abläufen"

Deswegen kristallisierte sich bald eine "Strategie der koordinierten Projekte mit ausgeklügeltem Beziehungsmanagement“ heraus. Entwickelt hat diese nahezu wegweisende Baulogistik für den Innenausbau und für Hotelprojekte federführend Stefan Schrenk. Erstmals in der Realität umgesetzt wurde sie beim Bau des Smart-Hotels in Gars am Kampf im Mai 2014. Dieses Projekt war sozusagen der Gegenentwurf zu den Niederungen der zermürbenden Realität im Bauwesen, wo mangelhafte Planung und schlechte Ausführung schon vielen Auftraggebern den letzten Nerv geraubt haben. "Diese chaotischen Abläufe sind der eigentliche Grund, warum Handwerker in Österreich oft so teuer sind“, schimpft Brandner-Lauter.

Zuerst wurde gemeinsam mit allen neun Gewerken der komplette Bauablauf in einem Schulungsraum bis ins Kleinste simuliert, damit er später so reibungslos "wie ein perfekter Boxenstopp in der Formel 1 funktioniert“ (Schrenk). "Entscheidend ist, dass störende Arbeiten ausgelagert oder minimiert werden“, sagt der Projektleiter. "So erfolgt der Materialtransport für alle Gewerke durch ein eigenes Team. Auf der Baustelle selbst lagert immer nur das Material, das binnen drei Stunden verbaut wird. Es gibt keine Kabel am Boden, keine Rampen, und kein Material liegt in den einzelnen Räumen herum. Damit bleibt die Baustelle übersichtlich, die Handwerker konzentrieren sich auf ihre Kernkompetenzen und die Arbeitssicherheit wird großgeschrieben.“

Fazit: Durch den getakteten Ausbau konnten die 24 Zimmer des Smart-Hotels in nur 15 Tagen fertiggestellt werden, also fast zwei Zimmer pro Tag. Üblicherweise dauere das mindestens sechs Wochen, meinen Experten. "Die perfekte Zusammenarbeit der Gewerke untereinander ist ein wesentlicher Faktor bei komplexen Bauvorhaben“, sagt Schrenk. "So gelingt es den Waldviertler Handwerkern, die hohe Qualität der Einzelbetriebe in einen Gewinn für die Bauherren zu übersetzen.“ Inzwischen konnten sich etliche Großauftraggeber davon überzeugen, dass dies kein großspuriges, leeres Gerede ist, sondern ein handfestes Konzept. So haben die Waldviertler Handwerker im Schloss Schönbrunn für die Renovierung und den Nachbau der historischen Fenster und Türen gesorgt, im dortigen Tiergarten die Fliesen für das neue Eisbärgehege verlegt und gemeinsam mit dem Fertigteilhaus-Unternehmen Elk ein cleveres, Zeit und Geld sparendes Innenausbau-Programm entwickelt. Und in Sachen flinker, hochwertiger Wohnungssanierung ist der Ruf der W4HW sogar bis zu privaten Bauherren in Erding bei München vorgedrungen.

"Weg vom Konkurrenzdenken, hin zur alten Handschlagqualität"

Durch Projekte wie diese hat sich die Kooperation der Waldviertler Handwerker inzwischen fast institutionalisiert. Ein Mal im Quartal trifft sich die zu beachtlicher Größe angewachsene Truppe zu Strategiekonferenzen an behaglichen Orten, etwa in der "Waldschenke“ in Vitis, beim "Bergwirt“ in Zwettl oder bei der urigen "Graslwirtin“ in Mörtersdorf bei Horn. "Wir wollen Strukturen schaffen, wie es sie früher einmal gegeben hat“, meint Brandner-Lauter. "Weg vom Konkurrenzdenken, hin zur alten Handschlagqualität. Denn in diesem rauen Umfeld überleben wir nur gemeinsam.“

Das alles dominierende Thema dabei heißt Spezialisierung, und das wird neuerdings auch in verschiedenen Workshops vertieft. Etwa in einem Seminar für Schnittstellen, wodurch die Verzahnung der einzelnen Gewerke verbessert werden soll. Ein andermal halten Mitglieder kleine Tutorials über ihre Fachgebiete, bei denen oft Erstaunliches zutage gefördert wird. "Der eine erzählt dir, dass er eigentlich ein Lehmputz-Experte ist, was nur noch wenige Maurer können. Der andere weiß als Einziger, bei welchen Abbrüchen man noch alte, verwendbare Heizkessel und Öltanks finden kann“, erinnert sich Schrenk. "Viele haben wirklich unglaubliche Spezialkenntnisse, ohne zu wissen, dass diese Nischen heute wieder gefragt sind.“

Allein: Noch ist die Initiative Waldviertler Handwerker zu jung, um eine vernünftige Erfolgsrechnung anstellen zu können. Bei manchen, so die beiden Projektleiter, würden die Aufträge im Rahmen der W4HW-Mitgliedschaft bereits bis zu 50 Prozent des Geschäftes ausmachen, bei anderen gerade mal fünf Prozent. "Es hängt eben von der Größe der Betriebe ab“, meint Brandner-Lauter. "Bei uns geht in manchen Monaten, wie etwa im Juni dieses Jahres, fast ein Drittel des Umsatzes darauf zurück.“ Allerdings: Laut eigenen Berechnungen sei seit Projektstart eine Wertschöpfung von mehr als 1,2 Millionen Euro, immerhin 13 regionale Arbeitsplätze pro Jahr, erzielt worden.

Doch abgesehen davon sei das primäre W4HW-Ziel nicht Expansion, sondern nachhaltige Beschäftigung. "Die Menschen sehnen sich wieder nach diesem traditionellen Vertrauensverhältnis zu einem verlässlichen, guten Handwerker. Schlechte Erfahrungen hat ja fast jeder schon gemacht“, sagt die Projektleiterin. "Deswegen ist unsere Plattform auch nicht Marketing-getrieben, sondern wir setzen auf generisches Wachstum und eine Bewusstseinsveränderung der Leute in Richtung Qualität im Handwerk.“ So fließen die Mitgliedsbeiträge, die sich je nach Größe des Betriebs zwischen 300 und 1500 Euro pro Jahr bewegen, etwa in die Administration der Website, die Produktion eines umfangreichen Leistungskataloges, ein bisschen Online-Marketing und diverse Messeauftritte, allen voran die traditionell gut besuchte Waldviertler Jobmesse, die heuer am 25. und 26. September in der Sporthalle Horn über die Bühne gehen wird.

Bis dahin wollen Brandner-Lauter, Schrenk und ihre Leute endlich eine Hausaufgabe erledigen, für die ihnen seit der Gründung der W4HW bei allem Kopfzerbrechen einfach noch keine Lösung eingefallen ist: endlich einen griffigen Slogan, einen Claim, für die Waldviertler Handwerker zu finden. Vorschläge werden dankend entgegengenommen. Wie man hört, winkt der Preis eines W4HW-Gutscheins im Wert von 500 Euro.

Die Waldviertler Handwerker auf einen Blick

Projektstart: Juli 2013

Mitglieder: 54 Betriebe

Mitarbeiter in den Betrieben: ca. 1000

Lehrlinge in Ausbildung: ca. 100

Budget 2013/2014: ca. 142.000 €

Beitrag pro Mitgliedsbetrieb: 300-1500 €

Förderung: 49.000 €

Wertschöpfung* seit Projektstart: ca. 1,2 Mio. €

Wertschöpfung** in Projektphase: ca. 1 Mio. €

*Berechnungsbasis: Arbeitsplatz für ca. 13 Personen für ein Jahr

**Berechnungsbasis: Arbeitsplatz für ca. 12 Personen für ein Jahr