Wohn-Apps: Neue Service-Kanäle

Virtuelle Küchenplanung bei Ikea

Virtuelle Küchenplanung bei Ikea

Zögerlich reagiert die heimische Wohnbranche auf die steigende Zahl von Einrichtungs-Apps. Dabei dürfte etwas mehr Tempo kaum schaden. Die Gestaltungsprogramme könnten den Absatz fest ankurbeln.

Manchmal zieht ein gewisser Unmut ins traute Heim ein. Etwa wenn das trendige Pink an der Wand der neuen Wohnung vielleicht doch etwas zu strapaziös wirkt. Oder der Designer-Tisch so gut in die Küche passt wie Steaks beim Veganer-Treffen. Erst der Praxistest macht oft sichtbar, wie heikel Wohnungs-Einrichten sein kann - dabei könnte alles so einfach sein: Prophylaxe gegen den Frust im Lebensbiotop kommt jetzt schon aus der Datenleitung. Denn mit diversen Apps kann der Konsument schon vor der Tat abchecken, was er sich und seinen Räumlichkeiten antut.

In den weltweiten App-Stores stehen jedenfalls eine ganze Menge Elektrohelfer parat, die kreative Anregungen liefern oder stilistische Enttäuschungen abfedern. Das Grundprinzip hinter all diesen Programmen erfordert keine Techno-Artistik: Der Interessent lädt eine Software für wenige Euro oder gar gratis auf sein mobiles Endgerät und sieht vor dem Möbelkauf oder einer Renovierung, was Sinn machen könnte oder nur in Richtung Heulkrampf tendiert.

Weit abseits von Spezialisten wie globalen Möbelketten, Designern und Einrichtungshäusern ist ein ansehnlicher Cyber-Markt entstanden. Die Palette jener von privaten Entwicklern oder Software-Schmieden online gestellten Objekten ist groß, vielfältig und wächst weiter. So ermöglicht etwa "Paint My Wall" virtuelles Ausmalen, während "Sweet Home 3D" die E-Planung der Einrichtung unterstützt. Mit "Roomle" wird der User ebenso zum Innenarchitektur-Lehrling wie mit "SnapShop Showroom", einer weiteren Option, die anschauliche Bilder der Wohnzukunft liefert.

"Ausprobieren und direkt realisieren"

Auch manche Händler bieten digitale Unterstützung zum Nulltarif. Über 1000 Möbel wie Sofas, Kommoden oder Teppiche in Form von 3D-Objekten umfasst der "Room Designer" von Kare. Mittels iPhone oder iPad lassen sich Gegenstände per Kamerabild in die eigenen vier Wände projizieren und dann drehen, verrücken oder auch mit anderen Objekten kombinieren. Der User gibt dafür die Maße von Raum, Türen sowie Fenster ein, sucht Boden sowie Farben aus und darf dann das Resultat begutachten. Sollte der Testlauf gefallen, lassen sich die zugehörigen Screenshots gleich speichern und nach Social-Media-Hausbrauch auf Facebook teilen. Kare-Geschäftsführer Peter Schönhofen verspricht sich viel vom digitalen Engagement: "Programme mit reinen Katalog-Seiten waren gestern. Mit der App lassen sich Wohnträume ausprobieren und direkt realisieren". Mit einem Klick stellt die Software bei Bedarf die Verbindung zur Filiale her, verschickt Anfragen und unterstützt die Terminvereinbarung mit dem Fachpersonal.

Obwohl die Einrichtungs-Industrie deutliche Zeichen setzt, den Zeitgeist-Zug nicht zu verpassen, stellen fachspezifische Apps weiterhin ein Randphänomen in der Branche dar. Konsumenten auf der Suche nach Orientierungshilfen müssen sich weiter im Dschungel des Webs bei externen Gestaltern bedienen. Nur sehr zögerlich reagieren die Austro-Akteure auf den mobilen Boom. Der Tenor in vielen Firmen macht die Einstellung deutlich: Pläne sind vorhanden, und es wird nachgedacht - aber vorerst behält man die Situation einfach nur im Auge.

Diese abwartende Haltung kommt keineswegs überraschend. "Die Einrichtungsbranche ist neuen Technologien und Apps gegenüber nicht sonderlich aufgeschlossen. Darüber hinaus hat die Branche generell mit niedrigen Margen zu kämpfen. Brauchbare Applikationen gibt es jedoch nicht mehr zum Billigtarif. Heute sind das Tools, die immer komplexer werden. Das kostet eben Geld. Dazu kommt, dass viele Entscheider mit den neuen technischen Entwicklungen etwas überfordert sind und sehr oft auch keinen echten Mehrwert zu erkennen glauben", unterstreicht Unternehmensberaterin Karoline Simonitsch.

Auch im Hause XXXLutz scheinen die Verantwortlichen noch anderweitig beschäftigt. "Aktuell liegt die Konzentration darauf, das bestehende Sortiment online verfügbar zu machen. Zusätzliche Apps machen erst Sinn, wenn sie mit realen Produkten befüllbar sind", sagt Marketingleiter Thomas Saliger. Außerdem sei das Thema Einrichtung bei Verbrauchern stationär geprägt durch den Kontakt mit Beratern -"sonst bleibt jeder Kunde trotz Smartphone doch wieder alleine mit seinen Problemstellungen", so Saliger weiter.

Virtual Reality-Ikea

Andere Mitspieler signalisieren, dass sie das Feld nicht gänzlich Fremdentwicklern überlassen wollen. Während das Möbelhaus Interio derzeit an einer App werkt, hat Ikea auf der Spieleplattform Steam ein Objekt veröffentlicht, mit der User durch eine Küchenwelt spazieren können - Voraussetzung dazu ist, dass man das Virtual Reality-Headset des Softwarekonzerns HTC besitzt. An die Kunden von morgen denken die Schweden jedenfalls schon jetzt: Das Programm zeigt ebenso, wie die geplante Küche aus der Sicht von Kindern wirken würde. Schließlich ist längst bekannt, dass Kids die elterlichen Kaufentscheidungen nachhaltig beeinflussen.

Generell scheint die Heimstätte von Töpfen, Herden und Pfannen auf Strategen Anziehungskraft auszuüben. Die Elektronikkette Saturn hat in zwei Märkten in Berlin sowie Ingolstadt eigene Virtual-Reality-Showrooms eröffnet, wo der Besucher unter anderem eine Küchenplanung anhand dreier vorgegebener Szenarien testen kann - bald auch in Form einer App, lassen die Verantwortlichen mitteilen.

Solche Bemühungen könnten sich finanziell rentieren. Vor allem fortgeschrittene Apps, die mittels Virtual Reality dreidimensionale Effekte ermöglichen, stellen eine Ankurbelung des Absatzes in Aussicht. Eine Umfrage des Technologiekonzerns Zeiss bei deutschen Entscheidern liefert Signale: Die wirtschaftliche Verbreitung von Virtual-Reality-Anwendungen soll sich besonders in den Bereichen Entertainment und Kommunikation niederschlagen. Dass bald Kaufentscheidungen auf der Basis solcher Werkzeuge getroffen werden, erwarten die Befragten mehrheitlich bei Reisen und Einrichtung.

Unternehmensberaterin Karoline Simonitsch warnt aber davor, sich mit erstbesten Lösungen, die nach dem Motto "Hauptsache man spielt mit" gestaltet wurden, zufriedenzugeben: "Eine App alleine genügt keineswegs zur Kundenbindung, auch nicht in der Einrichtungsbranche. Erforderlich ist vielmehr eine breit angelegte digitale Strategie. Der Aufwand lohnt sich nur, wenn die Systeme konkreten Nutzen und Mehrwert für die Endnutzer bieten."

Skepsis in der heimischen Industrie

Kritische Stimmen zu Self-Service-Apps für Verbraucher finden sich auch innerhalb der heimischen Industrie: "Ein maßgefertigtes Produkt ist wegen seiner vielen Details äußerst komplex. Selbst eine vereinfachte Version unserer Software ist von Laien nur schwer zu bedienen, hat die Erfahrung gezeigt. Es reicht nicht, mit einer simplen App Schränke oder Tische zu kombinieren. Das bietet Kunden wenig Mehrwert und weckt vielleicht auch noch falsche Erwartungen", betont etwa Margit Max, Werbechefin von P.Max. Der Wiener Maßmöbel-Hersteller, der schon Virtual Reality auf Messen getestet hat, verwendet lieber interne Bits &Bytes, wenn es darum geht, für den Kunden zu visualisieren, was ihn letztlich erwartet. Zum Einsatz kommt eine in Eigenregie entwickelte Software zur Darstellung in 3D. Durch das Programm sieht der Verbraucher quasi in Echtzeit, wie das gewählte Möbelstück bei ihm daheim zur Geltung kommt. Und ob die Farben in letzter Konsequenz halten, was sie im Schauraum versprechen.

Wenn auch bei den meisten österreichischen Händlern die App-Abstinenz noch ziemlich ausgeprägt ist, zeigen sich hingegen die Produzenten von Bau-Hardware deutlich anfällig für die neue Software. So plant Lacke-Hersteller Adler fürs kommende Jahr eine App, mit der User Innenräume oder Fassaden, unter Einbeziehung der Produktpalette des Farb-Spezialisten, virtuell gestalten können. Bei Tapeten bildet wiederum das Programm der Kleistermarke Metylan eine Alternative, die via 3D-Raumplaner das Festkleben von Frust verhindern möchte.

Der Technologiekonzern Bosch will mit seiner App "Mein Bauprojekt" das gesamte Prozedere von Bauvorhaben vereinfachen. Wer etwa als Laie seine formidable Villa plant, kann Termine samt Erinnerungsfunktion speichern, Handwerkerofferte vergleichen, Budgets erstellen und Rechnungen archivieren. Ein Tagebuch mit Fotos vom Ort des Geschehens lässt sich außerdem installieren. Sollte das Geld knapp werden: Der Startscreen zeigt auf einen Blick, ob das Budget überzogen wird oder der Zeitplan wackelt.

Wer nach genauer Prüfung noch Geld besitzt und sein Wohnzimmer mit Kunst befüllen will, dürfte bei der kürzlich gegründeten Plattform Kleeee.com, die ab September online geht und dann auch als App downloadbar ist, gut aufgehoben sein. Denn jene Kunstplattform ist auf das Vermieten von Gemälden und Werken bekannter Künstler spezialisiert.

Eine neue Software soll dabei helfen, die Wohnung geschmackvoll zu veredeln. Dazu fotografiert der User mit dem Smartphone die Wand, an der sein künftiger Schatz hängen soll und stellt die gewünschte Entfernung ein. Danach lässt sich das Objekt aus der Kleeee-Orginalkollektion direkt in jenes Foto ziehen. Der Betrachter kann das Gemälde verschieben, wie es ihm gefällt. Wer seinen Versuch etwa mit einem Werk des Pop- Art-Künstlers Steve Kaufman beglückend findet, kann dieses Objekt für 1500 Euro im Jahr sofort via App und Handy anmieten. Sollte das Haushaltsbudget dafür gerade nicht reichen - auch Kreditinstitute haben so manche App parat.