Wie berichtet, wirft die Staatsanwaltschaft Wien Ott unter anderem vor, ohne dienstlichen Auftrag Daten zu zahlreichen Personen mit Russlandbezug gesammelt zu haben. Er fragte Namen in diversen Behördendatenbanken ab und soll quasi unter der Hand Amtshilfeersuchen an andere Behörden – teilweise sogar im Ausland – gestellt haben. Dies alles im Sinne des russischen Nachrichtendienstes, vermutet die Staatsanwaltschaft.
Ott bestreitet das. Er sagt, er habe die Abfragen im Rahmen einer streng geheimen BVT-Operation mit dem Codenamen „Doktor“ getätigt – so geheim, dass kaum jemand darüber Bescheid gewusst habe. Es sei darum gegangen, einem befreundeten ausländischen Nachrichtendienst dabei zu helfen, einen desertierten russischen Geheimdienstoffizier anzuwerben. Eingefädelt habe das der damalige stellvertretende Direktor.
„Schau mir in die Augen“
Am vergangenen Mittwoch saß dieser dann Ott im Gerichtssaal gegenüber. „Egisto, es tut mir leid. Das war nicht so“, erklärt der Zeuge nicht ganz ohne Theatralik. „Schau mir in die Augen“, fordert er Ott auf: „Was ist dir da eingefallen?“ Ott schenkt seinem ehemaligen Vorgesetzten einen ganz, ganz tiefen Blick. Dann kneift er die Augen zu Schlitzen zusammen. Man merkt: Zwischen den beiden steht einiges im Raum. Und die Geschworenen erleben hier nicht nur ein Gerichtsverfahren, sondern ganz nebenbei auch einen Alpha-Kampf erster Güte. Die beiden dürften einander wohl schon früher nicht ganz grün gewesen sein.
Danach bringt der Vertreter der Staatsanwaltschaft Wien die große internationale Spionage-Ebene, die über dem Ott-Verfahren schwebt, ins Spiel: Er verweist auf Chatnachrichten des früheren Wirecard-Vorstands und mutmaßlichen Russland-Spions Jan Marsalek. Dieser soll sich laut Anklage intensiv mit dem Anführer einer von London aus operierenden Bande ausgetauscht haben – einer Gruppe von Bulgaren, die auch in Wien aktiv geworden sein soll. In von britischen Ermittlern sichergestellten Chats ging es demnach auch um den früheren stellvertretenden Behördenleiter. Laut dem Staatsanwalt hätte Marsalek diesen im Jahr 2022 als Ziel für Taschendiebe auserkoren. Möglicher Hintergrund: Gezielte Diebstähle – zum Beispiel von Handys – können Agenten höchst wertvolle Informationen verschaffen.
„Liebesgrüße aus Dubai“
„Wir sind ja hier im Spionagebereich“, hielt der betroffene Ex-BVT-Vize als Zeuge fest: „Vielleicht waren es Liebesgrüße aus Dubai.“ „Was meinen Sie damit?“, wollte der Staatsanwalt wissen. Die Antwort: Ein ehemaliger BVT-Abteilungsleiter habe es ja vorgezogen, sich dem Verfahren zu entziehen und sich nach Dubai abzusetzen.
Gemeint ist Martin Weiss, früherer Nachrichtendienst-Chef des BVT. Er soll laut Anklage als eine Art Mittelsmann zwischen Marsalek und Ott fungiert haben. Aufträge zur Informationssammlung seien demnach vom mutmaßlichen Kreml-Spion Marsalek an Weiss und dann von Weiss an Ott gegangen. Zwischen Ott und Weiss soll ein Vertrauensverhältnis bestanden haben. Ott sagte zum Prozessstart, er habe Weiss als Abteilungsleiter seinerzeit über die angebliche „Operation Doktor“ informiert. Und Otts Verteidigung kündigte damals auch an, im Verfahren einen Beleg für die Existenz der Operation zu präsentieren.
Das Schreiben aus den Emiraten
Am Mittwoch war es so weit: Otts Anwältin Anna Mair legte eine eidesstattliche Erklärung vor – und zwar von Martin Weiss. Dieser bestätige in dem per E-Mail eingegangenen Schreiben vom 20. Jänner 2026, dass es die „Operation Doktor“ gegeben habe, erklärte die Anwältin. Nachsatz: „Wir können ihn ja leider nicht fragen.“
Auch die Staatsanwaltschaft Wien ließ sich an den beiden Prozesstagen mit Beweisanträgen und neuen Akten nicht lumpen. Ein Vertreter der Anklagebehörde präsentierte unter anderem einen Aktenvermerk der BVT-Nachfolgebehörde DSN (Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst). Darin seien Fotos enthalten, die auf dem Computer beziehungsweise auf dem Handy von Orlin Roussev, dem Chef der Londoner Bulgaren, gespeichert gewesen seien. „Kennen Sie die Dame?“, fragte der Staatsanwalt Egisto Ott. Der wollte keine Antwort geben.
Neue Fotos
Es handle sich um ein Selfie von Otts erwachsener Tochter, erklärte der Staatsanwalt. Laut Anklage soll Ott dafür gesorgt haben, dass drei abgezweigte Handys hochrangiger Innenministeriums-Mitarbeiter an einen der Londoner Handlanger Marsaleks ausgehändigt wurden – und zwar an der Wohnadresse von Otts Tochter. In diesem Foto sieht der Staatsanwalt einen weiteren Beweis dafür. Nochmals sei betont: Ott hat sämtliche Vorwürfe immer bestritten.
Viele der bisher einvernommenen Zeugen waren seinerzeit im BVT tätig. Bald kristallisierten sich zentrale Fragen heraus: Stimmt es, wenn Ott – sinngemäß – sagt, man hätte in der Behörde aus Geheimhaltungsgründen mitunter gezielt andere Aktenzahlen bei Datenbank-Abfragen angegeben? Das bestätigte bisher niemand. Ähnliches gilt auch für die Verwendung eines privaten E-Mail-Accounts zur Übermittlung oder Speicherung heikler Informationen.
Zeuge: Ott hatte „Sonderstellung“
Differenzierte Reaktionen gab es auf die Frage, ob es sein könnte, dass Ott quasi nebenher an einer „Operation Doktor“ arbeitete, ohne dass andere davon Kenntnis gehabt hätten. „Denkbar wäre es“, meinte sein früherer unmittelbarer Chef. Falls Ott von einem höheren Vorgesetzten einen Auftrag bekommen hätte, hätte er das nicht unbedingt wissen müssen. Ott habe eine „Sonderstellung“ gehabt, weil er aus einer früheren Tätigkeit als Verbindungsbeamter im Ausland gut vernetzt gewesen sei.
Ganz anders der seinerzeit für Spionageabwehr zuständige Referatsleiter, der ebenfalls als Zeuge befragt wurde: Er sei „zutiefst überzeugt“, dass es eine solche Operation „nie gegeben“ habe. Auch diese Befragung hatte einen gewissen Showdown-Charakter und verlief durchaus emotional: Der ehemalige Referatsleiter verlor 2018 im Zuge der BVT-Affäre seinen Job, nachdem er in einem anonymen Sudel-Konvolut angepatzt worden war.
Letztlich wurden sämtliche Ermittlungen gegen ihn eingestellt. Bis heute ist jedoch nicht klar, wer das Konvolut erstellt hat. Mutmaßungen, dass Weiss oder Ott involviert gewesen sein könnten, gab es – beide haben das aber immer bestritten.
Man wird sehen, wie das Gericht das alles einordnet. Kommende Woche geht der Zeugen-Marathon weiter.