Die Schlacht um die irakische Stadt Mossul hat begonnen.

Die Schlacht um die irakische Stadt Mossul hat begonnen.

Ausland

Es war einmal ... das Kalifat

Die Schlacht um Mossul hat begonnen. Ihre Auswirkungen werden weit über die Stadt und die Region hinaus spürbar sein.

Noch sind sie nicht an den Toren der Stadt angelangt, aber sie kommen immer näher. Seit vergangener Woche stößt eine Allianz aus irakischen und kurdischen Truppen mit westlicher Unterstützung von Norden, Osten und Süden auf Mossul vor - und damit auf die Machtbasis der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS). In den ersten Tagen der Offensive gelang es den Angreifern relativ rasch, Dutzende Dörfer im Umland der Millionenmetropole im Nordirak zu erobern.

Wie es weitergeht, wenn sie dichter verbautes Gebiet erreichen, ist ungewiss. Wird der IS erbitterten Widerstand leisten? Oder setzen sich die ultraradikalen Islamisten Richtung Westen ab: nach Syrien, wo sie mit ihrer offiziösen Hauptstadt Raqqah eine letzte Bastion haben?

Gewiss ist hingegen, dass die Schlacht um Mossul Auswirkungen haben wird, die weit über Stadt und die Region hinausreichen.

1. Fällt Mossul, ist das Kalifat am Ende

Dafür gibt es einerseits symbolische Gründe. Immerhin hat Abu Bak al-Baghdadi, der spirituelle Führer der Terrormiliz, in der großen Moschee der Stadt vor zwei Jahren sein Kalifat ausgerufen. Schwerer wiegen allerdings handfeste finanzielle Aspekte. Der Terrormiliz gehen nicht nur bedeutende Ölfelder verloren, sondern auch mehr als eine Million Steuerzahler. Beides würde es dem IS nahezu unmöglich machen, zumindest ansatzweise wie ein echter Staat zu agieren. Entsprechend hoch dürfte die Bereitschaft der ultraradikalen Islamisten sein, Mossul um jeden Preis zu verteidigen. Allerdings gibt es Anzeichen dafür, dass die Terrormiliz damit rechnet, die Stadt zu verlieren -zumindest den östlich des Tigris gelegenen Teil. Offenbar wurden wichtige Behörden bereits über den Fluss nach Westen verlegt, Kämpfer bringen ihre Familien in Sicherheit. Derzeit scheint es, dass die in Mossul verbliebenen IS-Kämpfer nur begrenzte Zeit durchhalten können. Das gilt auch für das gesamte Kalifat.

2. Fällt das Kalifat, ist der IS noch nicht am Ende

Wann der Terrorstaat des IS endgültig kollabiert, ist aber nicht abzusehen. Noch kontrollieren die ultraradikalen Islamisten große Teile Syriens. Bricht der Terrorstaat zusammen, muss sich der Rest der Welt darauf gefasst machen, dass ausländische IS-Kämpfer versuchen werden, in ihre Heimat zurückzukehren -unter anderem zahlreiche Tschetschenen, Tunesier und Bürger verschiedener EU-Staaten.

Sie sind in den Resten ihres Kalifats allerdings mehr oder weniger umzingelt. Unter den Kurden und den Irakern im Osten, den Türken im Norden, dem syrischen Assad-Regime und der schiitischen libanesischen Hisbollah im Westen sowie nicht zuletzt den Jordaniern im Süden haben sie keine Freunde. Es wird für die Truppen des IS schwierig sein, in größerer Zahl zu entkommen.

Viele der Heimkehrer stellen wohl keine Gefahr dar, weil sie desillusioniert oder traumatisiert sind. Andere macht gerade das gefährlich. Für ihre Herkunftsländer bedeutet das begrüßenswerte Ende des Kalifats also zunächst ein steigendes Radikalisierungs-und Terrorrisiko.

3. Fällt Mossul in die falschen Hände, ist der Irak am Ende

Mossul war immer multiethnisch und -religiös, bewohnt von Kurden, Assyrern, Aramäern, Turkmenen, Jesiden und zuletzt immer mehr Arabern - Sunniten, um genau zu sein. Letztere fühlten sich in den vergangenen Jahren mit gutem Grund von der schiitisch dominierten Regierung in Bagdad unterdrückt und begrüßten es daher sogar, als der IS vor zwei Jahren die Stadt im Handstreich übernahm.

Jetzt fürchten sie sich davor, was nach einer Befreiung durch die irakischen Streitkräfte folgt. Diese werden nämlich von schiitischen Milizen unterstützt, die für ihr brutales Vorgehen gegen Andersgläubige bekannt sind. Vorerst herrscht in der Anti-IS-Koalition jedoch ein Übereinkommen darüber , dass weder diese Kampfverbände nach Mossul eindringen sollen noch die kurdischen Peshmerga.

Hält sich die Regierung daran, könnten sich sunnitische Regimes wie jene in den Golfmonarchien davon überzeugen lassen, einen Beitrag zum Wiederaufbau jener irakischen Gebiete zu leisten, die mehrheitlich von ihren Glaubensbrüdern bewohnt werden. Kommt es in Mossul hingegen zu schiitischen Übergriffen, würden sich die Konflikte zwischen den Glaubensrichtungen im Irak ein weiteres Mal verschärfen -und nicht nur dort, sondern auch zwischen ihren Schutzmächten, dem sunnitischen Saudi-Arabien und dem schiitischen Iran.

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