Wolff-Christoph Fuss

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Gesellschaft

Ballsaison: Der Erwecker

Peter Stöger beherrscht die Folklore ebenso wie die sportliche Expertise.

Köln ist das Epizentrum des Frohsinns. In Köln feiern sie schon, bevor sich auch nur ansatzweise ein Grund erschließt, und wenn es dann endlich einen Grund gibt, dann feiern sie einfach weiter. Der Kölner liebt seine Stadt, den Dom, den Rhein und seinen ersten Fußballclub. "Kölle is e jeföhl": ein Gefühl, eine Lebenseinstellung -wobei das Verhältnis zum 1. FC immer ein eher ambivalentes gewesen ist. Es waren auch früher heitere Zeiten in Köln im Rhein-Energiestadion. Nur die 90 Minuten störten. In Köln war Fußball über zwei Jahrzehnte Fahrstuhlgeschäft: Stadion voll, Stimmung ekstatisch, dann war Anpfiff. Irgendwann nach spätestens 34 Abpfiffen war Köln wieder zweitklassig, und man feierte mit spitzer Ironie, unter Berücksichtigung der guten alten Zeit, und freute sich, dass man in den folgenden ein bis zwei Jahren in Liga zwei mal wieder Spiele gewann, um dann erneut aufzusteigen, ehe die ganze Litanei von vorne begann.

Der Aufstieg von Lukas Podolski startete in Köln. Er zog aus, die Welt zu erobern. Das funktionierte mäßig, er kehrte zurück, war allerdings viel zu gut und viel zu teuer für die restliche Kölner Mannschaft. Wolfgang Overath, der Weltmeister, wurde Präsident. Auch dieses Kölner Orginal war ein viel zu guter Fußballer gewesen, um akzeptieren zu können, welche Sportart da gerade am Geißbockheim dargeboten wurde. Christoph Daum wurde noch einmal Trainer. Als letzter Erfolgscoach dieses Vereins Ende der 1980er-Jahre gab er im Krankenhaus seinerzeit eine aufsehenerregende Pressekonferenz. Im Hintergrund boten Patienten, in Ballonseide gewandet, ihren Tropf neben sich herziehend, die Kulisse. Er sollte der Erlöser sein, der Erwecker.

Viel Pathos, viel Populismus, zu wenig sportlich Substanzielles. Dann kam der Sommer 2013, und die sich gerade neu formierende sportliche Leitung in Köln hatte eine Idee: Peter Stöger! Peter Stöger? Peter wer? Gegen Ablöse! Gegen Ablöse? Gerade mit Austria Wien Meister geworden -mit neuem Punkterekord! Och komm?! Der lässt die Champions League sausen für einen hypernervösen deutschen Zweitligisten?!


Die einzige Frage, die sich jetzt noch stellt, ist: Kehrt der FC zurück auf die europäische Bühne, Herr Stöger?

Seit drei Jahren stellt keiner mehr diese Fragen. Gemeinsam mit Sportdirektor Jörg Schmadtke sind die wesentlichen Punkte geklärt: Aufstieg im ersten Jahr, Klassenerhalt im zweiten Jahr, etablierter Bundesligist in der dritten Saison. Plötzlich ist Köln wieder Fortschritt, Entwicklung und Nachhaltigkeit. Die Vision Erste Liga ist plötzlich von Dauer. Die einzige Frage, die sich jetzt noch stellt, ist: Kehrt der FC zurück auf die europäische Bühne, Herr Stöger? Köln würde ihn per städtischem Dekret per sofort ins Dreigestirn aufnehmen. Er begegnet dem kölschem Enthusiasmus mit feinstem Wiener Schmäh. Also, wenn man sich für Europa qualifizieren würde, dann würde er auch teilnehmen, sagt er. Wenn er auf Barcelona oder Madrid angesprochen wird, antwortet er: Erst mal Baku.

Er beherrscht die Folklore ebenso wie die sportliche Expertise. In Köln unerlässlich. Neulich platzte er bei einem Streifzug durch das Kölner Nachtleben mit Freunden zufällig in eine Hochzeitsgesellschaft und half bei der Kölschverkostung. Das Hochzeitspaar überraschte ihn kurze Zeit später bei einer Live-Fernsehsendung. Inoffiziell ist er bereits Ehrenkölner. Rückschlägen wird er, wie schon in den vorangegangenen Spielzeiten, mit buddhistischer Ausgeglichenheit begegnen. Er weiß, was seine Mannschaften zu leisten imstande ist. Er lässt sie an der längeren Leine. Mir erzählte er einmal, dass er die Mannschaft so führt, wie er als Spieler gerne geführt worden wäre. In normalen Ligawochen gibt er den Tag nach Spielen frei. So haben die Stammspieler einen Tag zur persönlichen Zerstreuung und die Reservisten einen Tag, um ihren Ärger über die Nichtberücksichtigung abzukühlen. Es herrscht ein Zusammenhalt in der Mannschaft, wie es ihn in Köln lange nicht gab.

Kein Populismus, kein Aktionismus. Nicht auf Teufel komm raus. Wohin das führt? Erst mal auf Tabellenplatz zwei und auf jeden Fall wieder einen Schritt in Richtung Baku. Und Köln feiert.

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