Bloggerin DariaDaria: "Zwischen Frauen herrscht noch wenig Loyalität"
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Bloggerin DariaDaria: "Zwischen Frauen herrscht noch wenig Loyalität"

Die Wienerin Madeleine Alizadeh war eine der erfolgreichsten Bloggerinnen Österreichs, bis sie sich entschied, ihre Onlinepräsenz drastisch zu reduzieren. Im Interview mit profil spricht sie über die Abkehr von ihrem Blog, darüber was von der #metoo-Debatte bleibt und die Aktion #wirtun der Caritas.

profil: Sie haben Ihre Onlinepräsenz im vergangenen Jahr drastisch reduziert und betreiben jetzt primär eine Modelinie und einen Podcast, wie waren Ihre Erfahrungen mit der Abkehr von Ihrem Blog?
Alizadeh: Ich habe das Gefühl, dass meine Arbeit jetzt inhaltlich hochwertiger und auch intellektuell fordernder ist. Ich merke auch, dass die UserInnen es zu schätzen wissen, dass es ein Medium gibt, über das sie Inhalte konsumieren können, ohne in den Bildschirm starren zu müssen.

profil: Was hat Sie bewogen, diesen Schritt zu machen?
Alizadeh: Ich habe 2010 mit dem Bloggen angefangen und brauchte einfach eine Veränderung. Ich habe gemerkt, dass das Medium Blog einfach tot ist. Komplexe Inhalte kann man außerdem leichter über das gesprochene Wort vermitteln, als über einen Blog. Vieles was ich geschrieben habe, wurde falsch interpretiert. Mit einem Podcast kann man noch authentischer kommunizieren und Dinge werden im Kontext auch besser verstanden. Ich hatte auch einfach keine Lust mehr, mich jeden Tag selbst zu fotografieren und Outfits zu präsentieren. Das war am Ende schon eine Qual.


Social Media ist definitiv ein guter Ort

profil: Angesichts des zunehmenden Hasses im Netz und der #metoo-Debatte: Sind soziale Medien Fluch oder Segen für Frauen?
Alizadeh: Social Media ist definitiv ein guter Ort. Soziale Medien sind niederschwellig und man kann leicht selbst aktiv werden und sich mit anderen verbinden. Ich glaube, dass das "Social" in Social Media gerade durch Themen wie #metoo relevant wird.

profil: Wie haben Sie die #metoo-Debatte erlebt?
Alizadeh: Natürlich sehr emotionalisiert. Ich glaube, die Debatte hat schon erreicht, was erreicht werden musste. Aber sie hat schon auch viel Dunkles hervorgebracht wie Nina Prolls Aussagen. Da hat man gemerkt, dass auch zwischen Frauen noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten ist und sehr wenig Loyalität herrscht.

profil: Ist von der #metoo-Debatte etwas übrig geblieben?
Alizadeh: Ich denke schon. Vielen ist bewusst geworden, wie viele Frauen davon betroffen sind. Allein in meinem Freundeskreis hat jede zweite Frau schon mit sexuellem Missbrauch zu tun gehabt. #metoo hat auch auf kleine Dinge im Alltag hingewiesen, die uns selbst oft gar nicht bewusst sind. Eine Autorin der "Süddeutschen Zeitung" hat das gut ausgedrückt: Ihr ist es noch nie so bewusst aufgefallen, dass sie, wenn sie am Abend laufen geht, ihrem Mann sagt, wann sie losrennt, damit er weiß: Wenn sie nach einer Stunde nicht wieder da ist, soll er nach ihr schauen, weil ihr etwas passiert sein könnte. Oder dass man, wenn man am Abend durch eine dunkle Straße geht, schon einmal das Handy in die Hand nimmt, weil man weiß: Die Gefahr ist da. Diese Dinge sind zwar in unserem Habitus verankert, aber eigentlich nicht normal. Ein Mann muss sich damit nicht auseinandersetzen. Das war für mich die Errungenschaft von #metoo, abseits der gravierenden Schicksale, die dadurch ans Licht gekommen sind.


Genauso wie bei #metoo geht es bei #wirtun darum, dieser Dunkelziffer ein Gesicht zu geben

profil: Die Caritas startet am Weltfrauentag, sozusagen mit der #metoo-Bewegung als Rückenwind, einen Fonds für Frauen in Not unter dem Motto #wirtun. Was waren Ihre Beweggründe, diese Initiative zu unterstützen?
Alizadeh: In der Gruft der Caritas Wien liegt der Frauenanteil bei nur 20 Prozent. Wenige Frauen trauen sich, ihre Armut zu thematisieren. Sobald die Caritas dann aber eine Einrichtung nur für Frauen macht, ist diese voll. Der Bedarf ist also groß und die Dunkelziffer hoch. Genauso wie bei #metoo geht es bei #wirtun darum, dieser Dunkelziffer ein Gesicht zu geben. Und Frauen in dieser Situation zu ermutigen, sich Gehör zu verschaffen. Es ist für mich ein grundfeministisches Anliegen, andere Frauen zu unterstützen und solidarisch und loyal zu sein.

profil: Die Ministerinnen der schwarz-blauen Regierung haben angekündigt, das Frauenvolksbegehren nicht zu unterzeichnen, fehlt es hier an Solidarität?
Alizadeh: Ich finde das total schade. Mit dem Frauenvolksbegehren könnte man den Grundstein für eine neue Diskussion auf vielen Ebenen legen. Ich stimme auch nicht mit allen Punkten des Volksbegehrens überein, aber hier geht es ums Prinzip. Dass man eine Diskussion, die nicht geführt wird, im öffentlichen Raum endlich mal führen muss. Viele der Themen brennen schon. Die Frauen hinter dem Volksbegehren - einige kenne ich persönlich - leisten sehr viel und das ist beeindruckend.

profil: Was bedeutet Feminismus für Sie?
Alizadeh: Für mich bedeutet Feminismus zum einen, Frauen und Männer in ihren Vorhaben für die Gleichberechtigung zu unterstützen. Es bedeutet aber auch ganz stark, Frauen so leben zu lassen, wie sie wollen, auch wenn ich so nicht leben wollen würde. Wenn eine Frau sich aus freien Stücken entschließt, Kopftuch zu tragen, werde ich ihr nicht meine Vorstellung von Emanzipation aufdrücken. Wenn es selbstbestimmt ist, ist das OK. Feminismus hat für mich sehr viel mit Toleranz und Akzeptanz zu tun.

profil: Sie haben kürzlich die Ausbildung zu Yoga-Lehrerin absolviert. Was kann man von Yoga für den Kampf um Gleichberechtigung lernen?
Alizadeh: Ein großes Thema in der Yoga-Philosophie ist es, keine Agenda für jemand anderen zu haben. Das hat meinen Aktivismus sehr verändert. Vorher habe ich einen sehr missionarischen Aktivismus verfolgt. Durch Yoga habe ich gelernt, das zu tun, was ich für richtig halte und dafür einzustehen, ohne ständig mit dem Finger auf jemand anderen zu zeigen. Diese Toleranz finde ich auch im Feminismus total wichtig. Am Ende des Tages ist die Sache wichtig und nicht die persönlichen Differenzen oder wie jemand anderer das umsetzt.

Madeleine "Maddie" Alizadeh alias DariaDaria, 28, gründete 2010 den Blog "dariadaria". Im August 2017 entschloss sie sich schließlich das Bloggen aufzugeben und produziert nun den Podcast "a mindful mess", die Modelinie "dariadéh" und schreibt eine Kolumne für die Wienerin.

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  • Wolfgang Wick
    Wolfgang Wick Fr, 09. Mär. 2018 20:53

    Sie schreiben Feminismus bedeutet, dass eine Frau so leben kann, eine Meinung haben, wie sie will. Gleichzeitig sind sie mit der Meinung von Nina Proll nicht einverstanden.
    In dunklen Gassen fühlt man sich heutzutage, egal welches Geschlecht nicht unbedingt wohl. Ein Mann wird wohl eher nicht sexuell attackiert, aber dafür ist er eher ein gefundenes Fressen von Typen zusammengeschlagen zu werden.

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  • Elke Leser (Leserinn) Do, 08. Mär. 2018 17:05

    "Wenn es selbstbestimmt ist, ist das OK." Und der Bequemlichkeit zuliebe nehmen wir an, dass das normalerweise so ist. Und wenn nicht? Was tut ihr Solidaritätsverfechterinnen dannn für diese Frauen? Und für FGM-Opfer? Zumindest für die paar tausend hierzulande? Wart ihr schon einmal mit den Opfern solidarisch? Oder unterstützt ihr lieber die Täter?
    Selbstverliebtes, hohles Blogger-Blabla.

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  • Elisabeth Berger Do, 08. Mär. 2018 12:43

    Eine etwas einseitige Perspektive. Es gibt immer Menschen die nur nehmen wollen, aber viele - vorallem Frauen sind meist die Geber. Leider drängen sich die Nehmerinnen geren ins Rampenlicht und fordern von alleen anderen Frauen Geben ein, nur sind dazu nicht mehr so viel bereit - oder auch so dumm wie vielleicht früher. Ich kann das Wort Frauensolidarität den Rampenlichtdamen nicht mehr hören!

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