Das philosophische Handgepäck
Gesellschaft

Das philosophische Handgepäck

Sie sind ein philosophischer Laie oder Ihr letzter Philosophie-Unterricht liegt Jahrzehnte zurück? Österreichs berühmtester Philosoph, Konrad Paul Liessmann, erstellte für profil-Leser eine philosophische Grundausstattung.

Welche fünf Bücher sind Pflichtlektüre?
Man sollte mit einer guten Einführung beginnen: Etwa Herbert Schnädelbachs „Was Philosophen wissen und was man von ihnen lernen kann“. Dort bekommt man eine Vorstellung, wie Philosophen denken und arbeiten, sowie einen Eindruck von markanten philosophischen Theoriebildungen. Natürlich sollte man auch einige Philosophen, quer durch die Epochen, selbst lesen. Ich empfehle, durchaus subjektiv, folgende durchaus auch für Laien verständliche Texte: „Das Gastmahl“ von Platon. Nach der Lektüre weiß man alles über Liebe, Sex und Erotik. Dann das „Handbüchlein der Moral“ von Epiktet. Das ist vor allem unter intelligenten Managern beliebt, denn der Kernsatz dieses antiken Stoikers lautet: „Das eine steht in unserer Macht, das andere nicht.“ Weiters: Ausgewählte Essays von Michel de Montaigne – lebensnaher ist selten philosophiert worden. Nicht zu vergessen: Immanuel Kants „Was ist Aufklärung?“ Ein kurzer Text, der dennoch nur verkürzt zitiert wird und uns noch immer darauf aufmerksam macht, was es heißen könnte, wirklich vernünftig zu denken. Und schließlich ausgewählte Aphorismen aus Friedrich Nietzsches „Die fröhliche Wissenschaft“. Denn dort findet sich der Gedanke, mit dem wir moderne Menschen uns noch immer qualvoll herumschlagen: „Gott ist tot. Und wir haben ihn getötet.“

Welcher drei Philosophen waren die prägendsten für ihre jeweilige Epoche?
Das lässt sich generell nicht sagen, da es auch von der eigenen Vorstellung von Philosophie abhängt. Aber man kommt an Platon (Antike), René Descartes (Neuzeit) und Immanuel Kant (frühe Moderne) nicht vorbei. Ich würde noch G.W.F. Hegel dazunehmen, dessen Einfluss auf unsere Vorstellung von Politik, Recht und Geschichte nicht überschätzt werden kann.

Welche drei Philosophen der Gegenwart finden Sie am spannendsten und relevantesten?
Über die Gegenwart sollte man nicht urteilen, auch kommt es hier darauf an, ob man nur die akademische Philosophie im Auge hat, die sehr spezialisiert ist und mitunter extrem kleinteilig arbeitet, oder eine Philosophie, die auch noch die Öffentlichkeit erreichen will und erreicht. Wenn man Letzteres im Auge hat, finde ich im deutschen Sprachraum Peter Sloterdijk doch immer wieder interessant, in Frankreich schätze ich Jean-Luc Nancy und da vor allem seine kleinen Studien, etwa über die Trunkenheit oder den Schlaf, und in Amerika finde ich Harry Frankfurt mit „Bullshit“ und „Über die Wahrheit“ wenigstens amüsant.

Welche philosophischen Sätze haben Sie am stärksten geprägt?
Das ist schwer zu sagen, und im Rückblick ändert sich manches. In meiner Jugend zweifellos „Die Philosophen haben die Welt nur interpretiert; es kommt drauf an, sie zu verändern“ von Karl Marx. Wir wollten ja alle ein bisschen Revolution spielen, damals. Später dann: „Nur als ästhetisches Phänomen ist das Dasein und die Welt ewig gerechtfertigt“ von Friedrich Nietzsche. Es gibt keine moralischen, politischen oder religiösen Rechtfertigungen für die Welt, nur aus der Perspektive eines Künstlers ergibt alles einen Sinn – ist doch schön, oder? Und schließlich: „Philosophie ist das Allerernsteste, aber so ernst wieder auch nicht“ von Theodor W. Adorno. Der Satz ist ein bisschen zu meiner philosophisch-ironischen Maxime geworden.

Welche drei Philosophen wurden im historischen Rückblick unterschätzt und welche überschätzt?
Generell lässt sich das gar nicht sagen, aus jeder philosophischen Richtung sieht dies anders aus. Prinzipiell kann man Philosophen gar nicht überschätzen, aber sie erleben immer wieder Konjunkturen oder Phasen des Vergessens. Karl Marx gilt ja unserer Zeit als überschätzt, ich halte ihn für unterschätzt. Unterschätzt ist bis heute auch Günther Anders, der schon in den 1950er-Jahren die Philosophie zu unserem technischen Zeitalter geschrieben hat. Überschätzt war lange Zeit Karl Popper, unterschätzt ist bis heute – und dies ein Geheimtipp mit aktuellen Bezügen – Étienne de la Boétie, der jung verstorbene Freund Montaignes, der nur ein kleines Buch geschrieben hat, das es aber in sich hat: „Von der freiwilligen Knechtschaft des Menschen“. Unterschätzt finde ich trotz steigender Resonanz noch immer Hannah Arendt, und ob ihr Geliebter Martin Heidegger überschätzt oder unterschätzt ist, wird vielleicht ein anderes Jahrhundert zeigen.

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