"Nur die Mama macht sich Sorgen"

Richard Windbichler: "Nur die Mama macht sich Sorgen"

Richard Windbichler ist der erste österreichische Fußballprofi, der in Südkorea sein Geld verdient.

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profil: Wie viel kriegen Sie von den Olympischen Spielen mit? Richard Windbichler: Ganz ehrlich: nullkommanull. Wenn ich meine Mitspieler wegen Olympia frage, interessiert sich niemand dafür. Hier bei mir in Ulsan sehe ich auch kaum Werbung dafür. Die Stadt liegt allerdings im Süden und recht weit weg von den Spielen. Aber Euphorie bekomme ich hier keine mit. Vielleicht liegt es daran, dass Südkorea kein Wintersportland ist.

profil: Werden Sie sich etwas anschauen? Windbichler: Ich wäre gerne live dabei, aber bei mir geht die Saison am Wochenende los und es wird sich leider nicht ausgehen. Aber im Fernsehen schaue ich mir sicher etwas an. Am meisten interessiert mich Eishockey, aber Österreich ist leider nicht dabei und Kanada spielt ohne NHL-Spieler. Das ist schade. Ich werde mir also am ehesten die Skirennen anschauen.

profil: Sie spielen seit einem Jahr in Südkorea. Was hat Sie am meisten überrascht? Windbichler: Überrascht hat mich die Art und Weise wie die Leute miteinander umgehen. Respekt spielt eine wahnsinnig wichtige Rolle. Wenn du nur einen Tag älter bist als der andere wird dir automatisch Respekt gezollt. Wenn der Trainer etwas sagt, dann wird das gemacht. Ohne Ausreißer. In Österreich schickt die Mannschaft schon mal den Kapitän vor, um etwas anzusprechen. Das gibt es in Südkorea nicht. Ich bin alles andere als ein Rebell, aber immer ist mir das nicht koscher.

profil: Was hat Ihnen bisher besonders getaugt? Windbichler: Der Fußball an sich. Nach meiner schwierigen Zeit bei Austria Wien war es super zu sehen, dass ich es noch kann. Ich habe gleich im ersten Gespräch gemerkt, dass mich der Trainer will. Er hat mir auch gesagt, dass ich Verantwortung übernehmen soll und es auch kein Problem sei, wenn ich den einen oder anderen Fehlpass spiele. Da habe ich mich gefühlt, als ob ich von Ketten freigesprengt worden bin. Nach einer Eingewöhnungszeit habe ich auch den Sprung in die Mannschaft geschafft und seither gibt es keinen Weg mehr an mir vorbei. Für mich war immer klar, dass ich mich durchkämpfen werde.

profil: Sie spielen nun Asien-Champions-League in Australien, China und Japan. Was kommt da auf Sie zu? Windbichler: Das wird leiwand. In Australien reisen wir schon fünf Tage vor dem Match nach Melbourne, da werden wir sicher auch etwas von der Stadt sehen. Gegen Shanghai sind auch die beiden Brasilianer Hulk und Oscar dabei. Gegen diese Weltstars zu spielen ist etwas Besonderes. Champions League zu spielen ist natürlich immer super. Und welcher österreichische Spieler kann schon von sich sagen, dass er sich in diesen Ländern mit Topspielern messen kann.

profil: Denken Sie trotzdem hin und wieder daran, wie es wäre in Europa in einem internationalen Bewerb zu spielen? Windbichler: Momentan konzentriere ich mich ganz auf Ulsan. Ich hätte mir auch nie gedacht, dass ich einmal in Südkorea spielen werde. Wenn man Pläne hat, kommt es ohnehin anders. Mir ist schon klar, dass es von hier aus noch schwer wird, in die Deutsche Bundesliga zu kommen. Ich bin mit 26 Jahren im Fußball auch nicht mehr der jüngste. Daher nutze ich den Beruf Fußballprofi auch dafür, um die Welt zu sehen. Für die nächsten drei bis vier Jahre habe ich jedenfalls nicht vor, nach Österreich zurück zu kommen.

profil: Südkorea ist seit 32 Jahren bei jeder Fußball-WM dabei. Österreich hat sich das letzte Mal 1998 qualifiziert. Wie fällt der Vergleich für Sie aus? Windbichler: Ich würde Österreich und Südkorea auf Augenhöhe sehen. Wir haben zum Beispiel in der Vorbereitung 2:2 gegen Mattersburg gespielt, waren aber überlegen. Ulsan hat ungefähr das Niveau von Sturm, Austria oder Rapid. In unserer Liga gibt es eine Mannschaft, die ist ungefähr so stark wie Red Bull Salzburg. Die beiden Nationalmannschaften sehe ich auch auf einem Level.

Der Konflikt mit Nordkorea ist kein Thema

profil: Seit der WM 2000 gibt es in Südkorea neue Stadien mit bis zu 60.000 Plätzen. Die Spiele sind aber eher spärlich besucht. Windbichler: Zu unseren Spielen kommen im Schnitt 8.000. Da ist die Stimmung dann so wie bei den Austria-Spielen im Happel-Stadion Wenn Seoul gegen Suwon spielt kommen 28.000 und die Stimmung ist ähnlich wie bei Austria gegen Rapid. Unser Verein hat aber nicht so ein klassisches Derby.

profil: Nordkorea ist immer wieder in den Schlagzeilen. Ist das auch Gesprächsthema bei Ihnen? Windbichler: Das ist nur ein Gesprächsthema zwischen meiner Mutter und mir. Sie macht sich Sorgen. In Südkorea spricht aber niemand darüber. Wenn ich hier mal nachfrage, um was es bei dem Konflikt überhaupt geht, winken die Leute ab und sagen: ‚Was soll da schon sein.’

profil: Südkorea hat die höchste Selbstmordrate weltweit. Haben Sie dafür eine Erklärung? Windbichler: Ich höre das zum ersten Mal. profil: Vor allem Jugendliche sind aufgrund des hohen Konkurrenzdrucks in der Schule stark betroffen. Windbichler: Da tue ich mir schwer, was zu sagen. Aber Hierarchie spielt in Südkorea eine starke Rolle. Das zeigt sich wahrscheinlich auch im Schulsystem.

Zur Person: Richard Windbichler (26) spielte von Juni 2015 bis Jänner 2017 bei Austria Wien und wechselte danach nach Südkorea zu Ulsan Hyundai. Im Dezember 2017 gewann der Verteidiger mit Ulsan den Cup und verlängerte um ein Jahr. In der Asien-Champions-League spielt er derzeit gegen Melbourne Victory, Shanghai SIPG und Kawasaki Frontale.