Die Allesfresser

25 Jahre monochrom: Die Allesfresser

Seit 25 Jahren mischt die Wiener Aktionstruppe monochrom Österreichs Kunstszene mit Spaß und Spektakel auf. Und sie hat noch immer nicht genug.

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Wahnsinn. Johannes Grenzfurthner (links) verwendet oft dieses eine Wort, um sein Verhältnis zur Welt zu beschreiben. Wahnsinn war etwa die Gründung der selbst ernannten Kunst-Technologie-Philosophie-Neigungsgruppe monochrom vor 25 Jahren. Wahnsinn auch das Porno-Abenteuer anno 1988: Grenzfurthner lud via Modem sechs Stunden lang ein Nacktbild aus der Vorform des heutigen Internets auf seinen Computer. Für die exorbitante Ferngesprächsrechnung kam Vater Grenzfurthner auf. Wahnsinn schließlich auch jene Aktion, durch die monochrom 1997 über den engeren Nerd-Techno-Punk-Bezirk hinaus bekannt wurde: „Exot“ hieß der aus heutiger Sicht prähistorische Wohnungsroboter, der monatelang verwackelte Bilder aus Kniehöhe lieferte, die im World Wide Web für Furore sorgten. „Es ging immer um das Geschichtenerzählen“, sagt Grenzfurthner. „Wir agieren volksbildnerisch und berufen uns auf einen Bildungsauftrag, der natürlich bizarr ist.“

Grenzfurthner, 42, ist Gründer und Sprachrohr der Truppe. Mit Menjou-Bärtchen und Hoodie sieht er aus wie eine Mischung aus Errol Flynn und kalifornischem Programmierer. Franz Ablinger, 50, ist der Möglichmacher und Ruhepol. Neun ständige Mitglieder zählt die Gruppe, wobei Grenzfurthner und Ablinger, Franky gerufen, den Laden am Laufen halten. Seit 2002 ist die 39 Quadratmeter kleine monochrom-Zelle im Wiener Quartier 21 untergebracht. Büro und Bastelstube sind rammelvoll, ein Durcheinander, wie es schöner nicht zu haben ist: Frankys Doktorarbeit, mit einem Nagel an die Wand gehämmert, daneben ragt ein Geweih in den Raum, umrahmt von dem Erinnerungsplakat an Lioba Reddeker, jene 2011 verstorbene Kuratorin, die monochrom die erste Subvention gewährte. Krummsäbel und Hans-Dichand-Kartonmaske; das Handbuch „Pistolen und Revolver“ sowie ein bluttriefender Plastikarm; der gelbe Bauarbeiterhelm und die Erste-Weltkriegs-Gasmaske; die David-Hasselhoff-Vinyl-Scheibe und eine bandagierte E.T.-Spielfigur: Krempel und Müll, die sich zum kruden Kosmos fügen. Der wiederkehrenden Entmüllungsaktionen zum Trotz wuchert das Studio immer wieder zu. „Hier ist nicht alles Kunst“, sagt Grenzfurthner. „Wir haben stets alles dafür getan, keine Kunst zu machen.“

Ich fresse alles.

Man kann Grenzfurthner förmlich dabei zusehen, wie er Ideen und Geistesblitze während des Redens ohne Punkt und Komma entwickelt. Er ist kein Freund des argumentativen Kleinmuts und liebt es, überdrehte Albernheiten zu streuen. Nichts ist zu blöd, als dass es nicht schon wieder gescheit wäre. Die Dinge geraten zuverlässig aus der Balance. Dies könnte als eine Art Beschwörungsformel für viele Aktivitäten der Truppe gelten, von denen etliche gelungen und nicht wenige glorios gescheitert sind. Charme und Chuzpe, Unernst und profunde Respektlosigkeit, Brachialhumor, narzisstisches Overacting und rigorose Selbstironie sind die Zutaten der Kunstoperationen, die Spaß und Spektakel in Form von Musik, Filmen, Musicals, Büchern, Radiobeiträgen oder abendfüllenden Shows hervorgebracht haben. In der Selbstbeschreibung klingt das so: „monochrom. Ursprünglich Zeitschrift. Lebt jetzt als Haufen bzw. neue Unübersichtlichkeit im Wiener MuseumsQuartier. Arbeitet unter anderem als Künstlerinnen- und Künstlergruppe, linksextremistischer Partyservice, Info-Point, Archiv, Sloterdijk II, Live-Band, Gruppentherapie, Computerspiel und Konkursmasse.“ Auf seiner Visitenkarte hat Grenzfurthner als Berufsbezeichnung „Diplomheterotroph“ stehen. Heterotrophe Lebewesen sind ernährungstechnisch auf andere Lebewesen angewiesen. „Ich fresse alles“, sagt er.

Bei der Performance „Eigenblutwurst“ zapften sich die monochrom-Mitglieder Blut ab – um die Blutsbrüderschaft der historischen Wiener Aktionisten satirisch zu entlarven. Zu Allerseelen 1998 starteten Grenzfurthner und Gang ums Eck vom Wiener Stephansdom in einem Zelt mit Hinweis „geschultes Personal“ ihren „Seelenverkauf“. Um 50 Schilling konnten sich Passanten ihre zuvor via Wünschelrute ausgependelte Seele mit Brief und Siegel abkaufen lassen. 15 Stück waren es am Ende. Auf der Wiener Mariahilfer Straße, Österreichs größter Einkaufsstraße, eröffneten die Kunstrocker 2008 einen Streichelzoo, in den sie neben Kaninchen und Hasen einen „Streichelnazi“ setzten, einen Mann in SA-Uniform, der gekost und gehätschelt werden konnte. Anwesende Polizisten schritten nicht ein, ein Mann in rotem „Polska“-T-Shirt drückte den Schauspieler im Streichelzoo innig. Die Schaufel, die im Büro im Quartier 21 in den Raum ragt, findet bis heute Verwendung.

Wir haben einen Sarg. Fehlst nur noch du.

Über 500 Mal wurden seit 2005 Freiwillige in den USA, Kanada und Europa eingeladen, sich für 15 Minuten lebendig begraben zu lassen. Der Werbeslogan? „Wir haben einen Sarg. Fehlst nur noch du.“ Die Porno-Episode zeitigte übrigens Spätfolgen. 2007 gründete Grenzfurthner die „Arse Elektronika“ – Arse, englisch für Arsch –, eine seit damals regelmäßig stattfindende und in San Francisco ausgerichtete Konferenz für Sex & Technologie, eine Art Thinkpool für Cybersex und Science-Fiction-Erotik. Im kommenden Jahr ist die „Arse Elektronika“ in Berlin geplant. „Hey brainpervs!“, adressiert Grenzfurthner auf der monochrom-Website Interessenten: Hallo Hirn-Perverse!

Die Geschichte von monochrom summiert aber nicht nur Hunderte Unternehmungen, sie erzählt auch davon, wie man die fröhliche Wissenschaft des angewandten Aktionismus ausüben kann, ohne dabei zum marktgängigen Klischee zu werden. Als Heldentaten gegen das Kunstestablishment waren und sind die Performances nicht angelegt. Es geht um den Spaß an der Sache. Wie in dem Film „Glossary of Broken Dreams“, dem jüngsten Bravourstück aus der monochrom-Werkstatt, der diese Woche im Rahmen des Grazer Filmfestivals Diagonale erstmals zu sehen sein wird. Das Opus, das großen Schlagwörtern – „Kapitalismus“, „Gerechtigkeit“, „Politik“, „Freiheit“, „Erderwärmung“ oder „Privatheit“ – auf den Grund geht, ist großartig, voller skurriler Szenen und sinnbefreitem Nonsens. „Ein Wahnsinn“, sagt Grenzfurthner.