Überraschungseier
Kultur

Wie lief das erste Jahr von Christophe Slagmuylder bei den Wiener Festwochen?

Der Belgier Christophe Slagmuylder übernahm die Wiener Festwochen sehr kurzfristig. Wie lief sein erstes Jahr? Eine Bilanz in sechs Kapiteln.

Wofür steht der neue Intendant?

Eine Frau, die wie eine Mischung aus moderner Kriegerin und 1980er-Jahre-Punk aussieht, baut ein gigantisches Kartonhaus. Sie holt die Motorsäge heraus, schneidet unter Höllenlärm Fenster in den Rohbau. Doch kaum steht die Behausung, beginnt es heftig zu regnen. Langsam kracht das Haus unter den Wassermassen zusammen, begleitet von Techno-Soundflächen und Nebelschwaden. Was war das denn? Phia Ménards „Contes Immoraux Partie 1: Maison Mère“ in der Halle G war der Überraschungshit und Geheimtipp der gerade zu Ende gehenden Wiener Festwochen. Bei keiner anderen Arbeit hat man mehr mitgefiebert, kein Ende war wuchtiger – als hätte man eine griechische Tragödie erlebt. War es eine Installation? Eine Performance? Oder gar Musiktheater?

Gespür für Theaterräume

Der Belgier Christophe Slagmuylder, 52, der im Vorjahr sehr kurzfristig auf den nicht ganz freiwillig zurückgetretenen Tomas Zierhofer-Kin als Festwochen-Intendant folgte, gilt als Experte für Produktionen, die sich, formal radikal und inhaltlich bewegend, jeder Einordnung widersetzen. Der kleinen Form gilt seine Liebe, sei es ein poetisches Zwei-Personen-Stück aus Thailand, bei dem nur geredet wird („This Song Father Used to Sing“), sei es Toshiki Okadas Wiederaufnahme seiner legendären japanischen Teenie-Inszenierung „Five Days in March“ oder eine feine iranische Theater-Reflexion über die menschliche Stimme und einen Mordfall, der aus der Zukunft noch einmal aufgerollt wird („Voicelessness“). Manchmal war es vielleicht auch zu kleinteilig: 45 Minuten entzückendes, aber nicht gerade abendfüllendes Puppentheater ohne Puppen von Benjamin Verdonck, „Liedlein für Gigi“, erschien mit 20 Euro Eintrittskosten etwas überteuert.

Slagmuylder hat ein Gespür für Theaterräume, obwohl er Wien nicht kennt. Seine ersten Festwochen haben Diskurse in Gang gesetzt. Man konnte über die formal faszinierende, in feministischer Hinsicht aber recht fragwürdige Arbeit „The Scarlet Letter“ der radikalen Spanierin Angélica Liddell anregend streiten, war aber zugleich froh, dass sie flankiert wurde von Mónica Calles Emanzipationsballett „Ensaio para uma Cartografia“ und Markus Öhrns bizarrer Filmreihe „3 Episodes of Life“, die einen genialischen Künstler zeigte, der mit Missbrauchsvorwürfen konfrontiert wird. Es waren anregende Festwochen, deren Programm sogar ein wenig zu dicht gesetzt wirkte.

Braucht es wirklich kaum Sprechtheater und keine Oper?

Ersan Mondtag wurde von Zierhofer-Kin im Vorjahr erstmals nach Wien geholt; den diesjährigen Auftritt von Isabelle Huppert fädelte ebenfalls er noch ein. Und „Deponie Highfield“ von René Pollesch hätte das Burgtheater wahrscheinlich auch ohne die Festwochen-Beteiligung gezeigt. Was (deutschsprachiges) Sprechtheater betrifft, war die Ausbeute heuer gering. Am ehesten passte noch „Orest in Mossul“, Milo Raus Realitätsforschung im Irak, in diese Schiene. Slagmuylder fehlten große, überzeugende Produktionen: Krystian Lupas „Proces“ war altmodisch und langatmig, Mariano Pensottis künstliche Dschungelstadt „Diamante“ nicht nur schauspielerisch enttäuschend. Slagmuylder hat weder ausgesuchte Opern- noch Sprech-
theater-Experten in seinem Team.

Dabei gäbe es in diesem Feld zurzeit einiges zu entdecken: Der Antikenmarathon „Dionysos Stadt“ vom jungen Regisseur Christopher Rüping hätte den Festwochen gut gestanden; Claudia Bauer arbeitete noch nie in Wien, und Sebastian Hartmann legt gerade ein spannendes Alterswerk vor. Man kann Slagmuylder nicht zum Sprechtheater zwingen, aber überzeugender könnten seine Großprojekte schon sein. Sonst muss er sich die Frage gefallen lassen, warum er in diesem Bereich derart schmalspurig programmiert. Die Festwochen haben ihr hohes Budget doch auch, um ein wenig auf die Pauke zu hauen. Zudem verfügt Wien über ein treues Opern- und Theaterpublikum, das in den vergangenen Jahren an der Burg und in der Staatsoper mit Innovationen eher schlecht bedient wurde.

Wie viel Tanz ist nötig?

Die Geschichte des Sommerfestivals ImPulsTanz ist ohne die belgische Choreografin Anne Teresa De Keersmaeker, die heuer mit ihrem Stück „Die sechs Brandenburgischen Konzerte“ zu den Festwochen reiste, undenkbar; François Chaignaud war ebenfalls schon oft im Rahmen von ImPulsTanz in Wien, und auch Marlene Monteiro Freitas’ Show „Bacantes“ würde ideal ins Tanzfestival-Programm passen. Müssen die Festwochen wirklich ImPulsTanz das Wasser abgraben? Ist es nötig, dass alle künstlerisch im selben Teich fischen? Die zentrale Aufgabe der Festwochen wäre doch, nach Wien zu bringen, was sonst nicht zu sehen ist. Freilich kommt es zwangsläufig zu Überschneidungen (Paradefall: Jan Fabre). Aber heuer war es zu viel des Guten.

Wie vollzog sich die geplante „Eroberung der Peripherie“?

Eher trist. Das Eröffnungswochenende in der Donaustadt hatte zu wenige Programmpunkte. Die Eishockeyarena liegt in einer entlegenen Ecke, in die sich kein Grätzelbewohner verirrte. Sonderlich nachhaltig war das Projekt auch nicht: Die Bobos blieben unter sich. Das Essen ging schnell aus, und die tolle DJ-Line hat kaum jemand von den Theaterbesuchern mitbekommen. Der erste Versuch blieb zu lieblos in der Ausführung.

Wie waren die Events und Partys?

Die Festwochen waren unter Zierhofer-Kin definitiv cooler. Das lag nicht nur an der herausragenden experimentellen Club-Schiene „Hyperreality“, die Slagmuylder absetzte. Die Gösserhallen hingegen hat er behalten: Seinem Vorgänger war es dort gelungen, das hippe, queere Party-Publikum der Stadt in die Performances einzubinden. Die Gösserhallen waren in den vergangenen beiden Jahren the place to be. Klassische Festwochen-Gäste und junges Publikum feierten die lauen
Sommernächte miteinander. Es war eine Frischzellenkur für das Traditionsfestival, dem ein funktionierendes Festivalzentrum und jüngeres Publikum bestens stehen. Slagmuylder war heuer bei den Vorstellungen ständig anwesend, wohl auch, um sein Publikum kennenzulernen. Gleichzeitig scheint ihm das Arbeiten näher zu liegen als das Feiern. In den
Gösserhallen gab es schlicht zu wenig Programm, zu viele und zu lange Durchhänger. Bei der Eröffnung entstand
dadurch eine absurde Situation: Die Festwochen-Besucher gingen nach der letzten Vorstellung heim, die Party-Gäste
kamen. Für ein Festival ist das fatal, das Publikum muss sich durchmischen.

Die Festwochen sind nach Zierhofer-Kins Experimenten zu sehr um Seriosität bemüht. Dabei wirken die aktuellen Festwochen-Fotos in den sozialen Medien so glatt wie die Summer Stage: Junge kulturaffine Menschen fühlen sich dadurch wohl nur bedingt angesprochen. Gerade das aber war Zierhofer-Kins Talent: Er hat dem Festival tatsächlich einen Hipness-Schub verpasst, den man nicht mehr missen möchte. Die Festwochen dürfen in Zukunft also wieder lustvoller und weniger puritanisch sein. Besser, es gibt ein funktionierendes Festivalzentrum als viele, die quer über die Stadt verstreut sind. So war die Lax Bar, eine Nachbildung der Loos Bar, eine tolle Idee. Aber sie hätte ruhig öfter Betrieb machen können, nicht nur jeden Freitag.

Hat die Wiener Kulturstadträtin richtig entschieden, Slagmuylder zu holen?

Ja. Slagmuylder legte angesichts des kurzen Zeitraums, der ihm zur Verfügung stand, ein beeindruckendes erstes Programm vor. Es gab kaum Totalabstürze und viele interessante künstlerische Positionen zu entdecken. Der neue Intendant hat seine Charmeoffensive erfolgreich gestartet, sich in kurzer Zeit gut in Wien vernetzt. Das Kunstenfestivaldesarts, das Slagmuylder zuvor in Brüssel leitete und aus dessen Programm heuer auch einige Arbeiten stammen, ist ein Treffpunkt für Produzenten aus aller Welt, die Performances einkaufen. Die Wiener Festwochen dagegen sind ein Publikumsfestival, das ist ein grundlegender Unterschied. Slagmuylder muss größer und breiter denken als nur in Performance-Formaten mit maximal 90 Minuten.

Grundsätzlich sind die Festwochen auf einem guten Weg. Es wird nur nötig sein, auf der Bühne nicht zu kleinteilig zu werden und abseits der Bühne nicht zu bieder. Dann muss auch Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler, die Slagmuylder berufen hat, nicht mehr dauernd sein Programm erklären und verteidigen.

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