SCHAUSPIELERIN CAROLINE PETERS: "Man muss sich keinen sexuellen Beleidigungen aussetzen, um seinen Job zu behalten."

SCHAUSPIELERIN CAROLINE PETERS: "Man muss sich keinen sexuellen Beleidigungen aussetzen, um seinen Job zu behalten."

Kultur

Burg-Star Peters: "Brüllenden Frauen hört keiner zu"

Burg-Star Caroline Peters über Kunst-Choleriker, medialen Voyeurismus und die überschätzte Figur Matthias Hartmann.

INTERVIEW: STEFAN GRISSEMANN

profil: Sie begrüßen die Debattenkultur, die nun am Burgtheater gestartet wurde. Nur um die Person Hartmann sollte es Ihrer Meinung nach nicht vordringlich gehen?
Peters: Genau, weil diese Auseinandersetzung die entscheidenden Themenfelder zu sehr verdeckt. Plötzlich denken alle nur über diesen Mann nach, setzen ihn auf Zeitungscover, rücken ihn ins Zentrum. Aber das Problem selbst ist viel größer als er - und auch krasser.

profil: Aber muss man, wenn man das Klima der Angst an der Burg beschreiben will, dieses nicht möglichst konkret beschreiben? Das bloß Abstrakte hätte vielleicht nicht diese Wirkung.
Peters: Man könnte ja konkrete Beispiele nennen, auch ohne auf einzelne Figuren hinzuschlagen. Mich stört dieses "Nennen Sie Ross und Reiter, sonst zählt die Geschichte nicht". Das wird den pornografischen Geschmack nie ganz los, mit dem man dann Auflage macht. Man zeigt mit dem Finger auf einen und verwendet pikante Wörter wie "Sperma" oder "Orgasmus", dann erst scheint es eine Meldung zu sein. Das stört mich, denn genau das will man ja eigentlich bekämpfen.

profil: Auch Zeitungen wie die "New York Times", die Harvey Weinsteins Übergriffe und Missbrauchsfälle in allen Details schilderte, bedienen diesen Voyeurismus.
Peters: Und nur dann ist es "sexy", den Artikel zu lesen. Das finde ich ganz fürchterlich. Aber ich fühle mich im Moment auf positive Weise in die 1970er-Jahre zurückversetzt: Plötzlich muss jeder sich in seiner direkten Umgebung politisch verhalten. Und die Debatte an der Burg zeigt ja, dass es möglich ist, auch innerhalb seiner Institution so miteinander zu reden, wie man es davor nie getan hat. Wir haben zu lange in einem gesellschaftlichen Klima gelebt, von dem wir alle dachten, wir müssten es eben aushalten können. Und nun haben wir gemeinsam beschlossen, dass wir das nicht mehr aushalten müssen.

profil: Sie gehen also von einer positiven Wirkung des offenen Briefs aus, obwohl Sie ihn nicht unterschrieben haben?
Peters: Ich bin, was die Wirkung betrifft, skeptisch. Aber die Idee, eine Debatte zu führen, ist richtig und unentbehrlich. Und ich würde mir von unserem Theater wünschen, dass es bald wieder so sehr zu sich findet, dass es vor allem mit künstlerischen Mitteln daran teilnehmen kann. Über Männer/Frauen-Fragen könnte man nämlich sehr gut auch anhand aktueller Inszenierungen nachdenken, statt einen Menschen medial anzuklagen, der nicht alleine für das System steht, das es anzuklagen gilt. Hartmann hat das alles ja nicht erfunden, sondern, wie wir alle, von Dutzenden vor ihm gelernt.


Wir alle müssen daran arbeiten, das soziale Klima so zu verändern, dass die alten Druckmittel nicht mehr funktionieren.

profil: Viele führen die Machtausübung am Theater darauf zurück, dass Kunst eben kein demokratischer Prozess sei, dass man an Grenzen und in extreme Emotionszonen gehen müsse.
Peters: Ja, aber das halte ich für eine Ausrede, damit das Theater so bleiben darf, wie es immer schon war. Aber es kann sich genauso wandeln wie der Rest der Gesellschaft und die Zeit auch.

profil: Der Burg-Brief wird wohl ein Warnschuss sein für all die Direktoren, die immer noch nach alter Schule regieren.
Peters: Ich hoffe, nicht nur für Theatermenschen. In Krankenhäusern, Büros oder Ämtern geht es oft auch nicht anders zu. Diese Debatte ist nicht auf den Kunst- und Unterhaltungsbetrieb begrenzt. Und wir alle müssen daran arbeiten, das soziale Klima so zu verändern, dass die alten Druckmittel nicht mehr funktionieren. Man muss sich keinen aggressiven sexuellen Beleidigungen aussetzen, um seinen Job zu behalten. Wir müssen uns gegenseitig beibringen, dass das kein Kavaliersdelikt ist. Da müssen alle im Raum - auch jene, die gerade nicht in der Schusslinie stehen - dem Aggressor klarmachen, dass gerade eine Grenze überschritten wird. Das ist gar nicht leicht.

profil: Am Theater scheinen überdurchschnittlich viele Choleriker Regie zu führen.
Peters: Manche denken auch heute noch, Durchsetzungskraft durch Herumbrüllen erwirken zu können. Frauen machen das seltener, weil einfach keiner zuhört, wenn sie brüllen. Natürlich sind cholerische Ausbrüche nicht schön, aber ich bin auch froh, dass das Theater eine Institution ist, in der man einander noch ganz direkt und persönlich begegnet. Nicht in so einer abgeschliffenen, gespielt vornehmen Art.

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