"Paterson", der neue Film von Jim Jarmusch

"Paterson", der neue Film von Jim Jarmusch

Kultur

Cannes-Tagebuch (IV): Filme von Jim Jarmusch und Jeff Nichols

Menschenfreundliches, menschenverachtendes Amerika: Neue Filme von Jim Jarmusch und Jeff Nichols im Wettbewerb um die Goldene Palme.

Zur Festivalmitte hin werden die Stars, die zu Cannes bekanntlich gehören wie das Sinnbild in den Gedichtband, nun von den Stripes ergänzt: Die Festspiele stehen derzeit unter dem Sternenbanner, genuin amerikanische Geschichten prägen das Wettbewerbsprogramm. Gleich drei Cannes-Einträge befassten sich, fernab von Hollywood, dieser Tage mit US-Wirklichkeiten. Die darunter sinnloseste (und bei weitem längste) verantwortet die Britin Andrea Arnold („Wuthering Heights“). Sie stellt sich in „American Honey“ das jugendliche White-Trash-Prekariat, angeführt von einem wenig charismatischen Shia LaBeouf, als lärmende Teenager-Gang auf großer Spaß- und Posing-Reise durch den Mittleren Westen vor – ein Roadtrip der unerheblichen Art.

Poetisch leben

Erstaunlich zart legt dagegen Jim Jarmusch, 63, der ewige Hipster-King des Indie-Kinos („Stranger Than Paradise“, „Ghost Dog“) , seinen neuen Film an: „Paterson“, so heißt sowohl seine jüngste Komödie als auch sein sanftmütiger Protagonist als auch sein Schauplatz; in Paterson, New Jersey, gehen die Uhren, wenn man Jarmusch glauben mag, anders. Sein Kleinstadt-Amerika ist ein harmloser Ort, an dem die Menschen sehr geregelten Tagesabläufen folgen und gleichsam poetisch leben. Ein tagträumerisch veranlagter junger Busfahrer (tatsächlich passt auch hier der Name des Darstellers perfekt: Adam Driver) geht mit kreativer Frau und lakonischer Bulldogge seinem Tagwerk nach, findet sein Glück im Kleinen, in der Harmonie seiner Existenz – und im Verfassen amateurlyrischer Schriften. Die Form, die Jarmusch dieser so simplen Story verleiht, nimmt durch ihre Originalität und ihre Detailfreude ein. Ein Höhepunkt in diesem Programm.

"Loving" von Jeff Nichols

Vertriebene Helden

Ein jüngerer Held des US-Independent-Kinos schrieb sich darin gleich danach ein. Auch Jeff Nichols, 37 („Take Shelter“, „Midnight Special“), hat seinen Film schlicht mit einem Nachnamen betitelt, dabei aber Wert auf dessen Doppelbedeutung gelegt: „Loving“ handelt von einer Liebesbeziehung, einem historischen Justizfall, der 1967 die amerikanische Verfassung änderte. Mildred und Richard Loving, die nur aufgrund ihrer Ehe strafrechtlich verfolgten, bedrohten und aus ihrem Bundesstaat vertriebenen Helden dieses Films – sie ist schwarz, er weiß –, nehmen zögernd und mit Hilfe einer Bürgerrechtsorganisation den Kampf gegen das rassistische Amerika auf. Ruth Negga und Joel Edgerton spielen das zentrale Paar ganz virtuos, während Nichols, genau wie sie, auf Understatement setzt; ganz entkommt aber auch er den ehernen Gesetzen des Genres nicht: Das leise Pathos, das nicht nur die Musik forciert, unterminiert seine noble, aber auch konventionelle Inszenierung erheblich.

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