Spuk und Phantomerscheinungen: Kristen Stewart

Spuk und Phantomerscheinungen: Kristen Stewart

Kultur

Cannes-Tagebuch (V): Eine Geisterstunde mit Kristen Stewart

Spanischer Melodramenfrost, belgische Krimi-Askese.

Die Dichte an internationaler Regieprominenz steht in Cannes dem Aufmarsch der Hollywood-Models und Euro-Diven traditionell nicht nach. Hier halten die Superstars des europäischen Autorenfilms noch Hof: Allein in den vergangenen beiden Tagen brachten der Spanier Pedro Almodóvar, der Franzose Olivier Assayas und das belgische Brüderpaar Luc und Jean-Pierre Dardenne ihre lang erwarteten neuen Filme bei den 69. Filmfestspielen zur Uraufführung – auf naturgemäß hohem Niveau.


Assayas nutzt geschickt die dunklen Aspekte im Spiel seiner charismatischen Hauptdarstellerin.

Während aber Almodóvar mit seiner Alice-Munro-Hommage „Julieta“ nur ein weiteres seiner eleganten, hitchcockianisch unterkühlten Thriller-Melodramen lieferte, bescherte Assayas dem Festival Wilderes, daher auch Umstritteneres. „Personal Shopper“, seine (nach „Die Wolken von Sils Maria“, 2014) bereits zweite Arbeit mit „Twilight“-Teen-Idol Kristen Stewart, wurde nach der Pressevorführung am Montagabend mit Buhrufen bestraft, weil er es gewagt hatte, die realistisch gestaltete Erzählung von einer gestressten jungen Modeassistentin mit Elementen des Geisterfilms zu verschneiden. Ironisch und äußerst stilsicher, in Anbindung an das asiatische Genrekino und französische Kino-Serials der 1910er-Jahre, spielt Assayas in „Personal Shopper“ mit Spuk und Phantomerscheinungen – und er nutzt dabei geschickt die dunklen Aspekte im Spiel seiner charismatischen Hauptdarstellerin.

„La fille inconnue“ schließlich heißt der jüngste Sozialkrimi der Dardenne-Brüder, die als umtriebige Produzenten nicht weniger als fünf Filme in die „offizielle Auswahl“ dieses Festivals gebracht haben – ebenso viele Arbeiten übrigens wie die vielzitierten Filmproduktionsneulinge des Online-Giganten Amazon. Die Unbekannte, die nun der Titel ihrer eigenen Inszenierung nennt, ist eine junge Prostituierte, die unter ungeklärten Umständen zu Tode kam, nachdem eine junge Ärztin ihr den Zutritt in ihre Ordination verweigert hatte. Aus Schuldgefühl beschließt diese, die Identität der anonymen Frau zu klären, gerät dabei aber in gefährliche Milieus. „La fille inconnue“ erforscht, wie üblich bei den Dardennes, einen Gewissenskonflikt in Form eines asketischen, sozial präzisen Krimis.


Drei Favoritinnen für den Darstellerpreis haben sich bereits spürbar in Position gebracht.

Für die entscheidenden schauspielerischen Glanzleistungen scheinen in diesem Jahr somit vor allem Frauen verantwortlich zu zeichnen. Drei Favoritinnen für den Darstellerpreis haben sich bereits spürbar in Position gebracht: Neben Sandra Hüller, die in Maren Ades „Toni Erdmann“ ihre ungewöhnlich kontrollierte Schauspielkunst eindrucksvoll unter Beweis gestellt hat, glänzten Adèle Haenel als stur recherchierende Heldin des Dardenne-Dramas, sowie die Brasilianerin Sonia Braga. Sie, vor mehr als drei Jahrzehnten als „Spinnenfrau“ (in Hector Babencos Gefängnisfilm) weltweit gerühmt, spielt in Kleber Mendonça Filhos „Aquarius“ eine exzentrische Dame, die gegen kriminelle Immobilienspekulanten heftigen Widerstand leistet. Dabei werden Elle Fanning (Star in Nicolas Winding Refns Model-Schocker „The Neon Demon“), Charlize Theron (in Sean Penns neuer Regiearbeit) und Isabelle Huppert (in Paul Verhoevens Vergewaltigungs-Provokation „Elle“) erst noch auf dem Roten Teppich erwartet. Man darf Cannes 2016 bereits jetzt das Festival der virtuosen Frauen nennen.

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