"Erstaunlich, erschreckend oder eben faszinierend“
Kultur

Germanist Penke: "Erstaunlich, erschreckend oder eben faszinierend“

Anlässlich des 20. Todestags von Ernst Jünger (Foto) hat profil mit dem Germanisten Niels Penke über sein soeben bei Metzler erschienenes Buch „Jünger und die Folgen“ gesprochen, das sich mit der wechselvollen Rezeptions- und Wirkungsgeschichte des Jahrhundertautors auseinandersetzt.

INTERVIEW: ALBERT C. EIBL

profil: Lieber Herr Dr. Penke, Sie sind als Germanist an der Universität Siegen tätig und haben soeben ein Buch über die Rezeptions- und Wirkungsgeschichte des wohl umstrittensten deutschen Autors des 20. Jahrhunderts vorgelegt. Wieso erregt Ernst Jünger zwanzig Jahre nach seinem Tod noch immer derart die Gemüter? Oder anders gefragt, wieso besitzt Jünger im Gegensatz zu anderen weit bekannteren Autoren einen so hohen Diskurswert?
Penke: Zunächst durch seine Biographie. Kein anderer Autor des 20. Jahrhunderts hat so viel deutsche Geschichte miterlebt wie Jünger – und teils aktiv, immer aber protokollierend daran Anteil genommen. Dazu kommt, dass es von Jünger viele Versionen gibt: den abenteuerlustigen Soldaten, den rechtsrevolutionären Agitator, den christlich-geläuterten Friedensstifter, den Drogen erkundenden Philosophen, der dystopische Zukunftsvisionen und Käferbücher schreibt, ohne dass ihm selbst dies allzu widersprüchlich erscheint. Das sind noch längst nicht alle Erscheinungsformen Jüngers, doch ist eben für die meisten was dabei. Das macht es für Apologeten wie Kritiker einfach, ihn als Stellvertreter für – vermeintliche oder tatsächliche – politische und ästhetische Haltungen zu reklamieren. Durch diese hohe Aufladung Jüngers taugt er auch erst recht als Symbolfigur, die dort aufgerufen werden kann, wo es schlichtweg an Alternativen mangelt. Carl Schmitt in der Textzeile eines Pop-Songs, das würde nicht funktionieren, glaube ich.

profil: Was macht für Sie persönlich das besondere Faszinosum Jüngers aus?
Penke: Mein Zugang zu Jünger ist ein wissenschaftlicher, daher liegt die Faszination vor allem in den bereits skizzierten Gegensätzen – sowohl der literarischen Verfahren und Selbstentwürfe Jüngers, die er im Laufe der Jahrzehnte entwickelt hat, aber vor allem auch der Interpretationen, die diese erfahren haben. Dass sich Jünger trotz seiner Fans und Kritiker so lange behaupten konnte, und sogar mehrere Revivals erlebt hat, die sich an vielen Stätten der Kultur produktiv niedergeschlagen haben, das ist, je nach Perspektivierung, erstaunlich, erschreckend oder eben faszinierend.

profil: Sie zitieren in ihrem Buch den profilierten Jünger-Experten Steffen Martus, der in seiner 2001 erschienenen Einführung ins Werk des Jahrhundertautors den Satz fallen lässt: „Wer sich mit Jünger beschäftigt, befindet sich mit gutem Grund in der Defensive.“ Gilt das heute immer noch? Was hat Sie persönlich zur Erforschung des Jüngerschen Werks bewogen?
Penke: Seitdem ist viel geschehen, die Jünger-Forschung hat sich zum Positiven entwickelt und der Rechtfertigungsdruck ist sicher nicht mehr so groß, wie gerade ältere Kollegen immer wieder bestätigen. Allerdings sind in den letzten Jahren auch einige publizistisch aktive Jünger-Fans auf der Bildfläche erschienen, mit denen ich – nicht nur was den uneingeschränkt affirmativen Zugang angeht – ungerne verwechselt würde.
Zur Jünger-Forschung kam ich erst im Verlauf meines Studiums. In den ersten Semestern hatte Jünger eigentlich keine Rolle gespielt, bis mein späterer Doktorvater Heinrich Detering in einer Vorlesung zur Literatur im Dritten Reich ausführlich über Ernst und Friedrich Georg Jünger gesprochen hat, was der Ausgangspunkt einer eigenen systematischen Jünger-Lektüre war. Als es dann später um geeignete Themen für Examen und die anschließende Dissertation ging, schien ihm Jünger aus einer komparatistischen Perspektive vielversprechender als eine weitere Arbeit zu Thomas Mann oder Walter Benjamin, die ich ebenso auf der Liste hatte.

profil: Wo sehen Sie noch Forschungslücken?
Penke: Da gibt es viele. Zum einen gibt es einige kaum beachtete Texte Jüngers - und von manchen sogar mehrere Fassungen-, zum anderen liegen auch noch ungehobene Schätze im Archiv, die neue Kontexte oder auch veränderte Perspektiven auf bekannte Konstellationen eröffnen können. Zudem ist im Bereich der Rezeption und der Adaptionen, von denen Jünger und die Folgen einen Ausschnitt in gebotener Prägnanz abzubilden versucht, noch vieles unerforscht.


Wenn man alleine auf die Resonanz schaut, dann kommt Thomas Bernhard Jünger in Punkto Erregungsgeschichte vielleicht am nächsten, freilich aus anderen Gründen.

profil: Stimmt es, dass Jünger im Ausland größeres Ansehen besitzt als in seinem Heimatland? Und wenn ja, was könnten die Gründe dafür sein?
Penke: Ansehen ist schwer messbar, da es dafür ausnahmsweise keine objektiven Rankings gibt. Allerdings hat Jünger selbst behauptet, dass er in Frankreich beliebter sei als in Deutschland. Dafür gibt es einige Anhaltspunkte, die aber rein quantitativ nicht der Resonanz nahekommen, die Jünger in Deutschland erhalten hat. Vor allem die harsche Kritik hat in Frankreich nicht den Umfang angenommen; daher konnte auch das Bild des Ästheten leichter elaboriert werden, weil der literarische vor den politischen Jünger gestellt wurde – mit dem Resultat, dass Jünger dort mit der Aufnahme in die Bibliothèque de la Pléiade auf höchster Ebene kanonisiert wurde.

profil: Gibt es einen vergleichbar problematischen Autor in Österreich?
Penke: Das mit den Vergleichen ist bei Jünger so eine Sache. Verglichen wird er gerne und oft, vor allem mit anderen Autoren, die sich ebenfalls durch eine Nähe zum Faschismus diskreditiert haben. Aber egal ob Martin Heidegger, Gottfried Benn oder Knut Hamsun – Jünger ist ein singulärer Fall, der sich publizistisch vehement um eine nationalistische Revolution bemühte, aber von den Angeboten der erfolgreicheren NSDAP nichts wissen wollte und auf Distanz ging. In Österreich wäre da ein vergleichbarer Autor vielleicht Heimito von Doderer, dessen Reizwirkung ich jedoch nicht so gut einschätzen kann, der aber nicht ansatzweise die Reichweite und Strahlkraft Jüngers besessen hat.
Wenn man alleine auf die Resonanz schaut, dann kommt Thomas Bernhard Jünger in Punkto Erregungsgeschichte vielleicht am nächsten, freilich aus anderen Gründen.

profil: Sie behaupten in Ihrem Buch, Jünger wäre ein Medienprofi ersten Ranges gewesen. Stand Jünger ab den späten 30er Jahren der technischen Moderne und ihren Errungenschaften nicht zusehends skeptisch gegenüber?
Penke: Das ohne Frage. Dennoch hat Jünger sein Medienspektrum – Manuskripte, Tagebücher, Briefe, aber auch die Buchveröffentlichungen, Portraitfotos und Büsten – sehr bewusst eingesetzt. Ohne ein Ineinandergreifen der verschiedenen Selbstdarstellungs-, aber auch Konservierungspraktiken wäre Jünger sicher nicht so gut überliefert. Mit dem Medienprofi meine ich vor allem, dass Jünger ein gutes Gespür dafür hatte, mit welchen Mitteln welche Effekte zu erreichen sind, und dass er dabei eben sehr wenig dem Zufall überlassen hat. Daher waren die zufallsänfälligeren Tonband- und Videoaufnahmen vielleicht nicht gerade seine liebsten Medien, dennoch gibt es auch da von ihm vergleichsweise viel Material – viel mehr als etwa von Carl Schmitt.


Der Erste Weltkrieg und die Weimarer Republik, bei denen es oft scheint, als wären sie schon aus dem Bewusstsein vieler verschwunden, lassen sich mit Jünger gut schneisenartig erschließen.

profil: Nur als kleines Kuriosum: Als eifriger Jünger-Leser überrascht mich immer wieder, welch untergeordnete Rolle sowohl der Humor als auch die Erotik in einem Lebenswerk spielen, das nahezu 75 Jahre umspannt und auf 11.700 Seiten die „Fieberkurve des Säkulums“ (Heimo Schwilk) nachzeichnet. Dabei war ja der Autor in seinem Privatleben auf beiden Gebieten durchaus kein Kind von Traurigkeit. Wie erklären Sie sich diese Ambivalenz?
Penke: Da ich kein Psychologe bin, kann ich das nur werkseitig mit Jüngers Selbstentwürfen, seinen Autofiktionen erklären. Die Lockerheit des Humors passt nicht zum Ernst und zur Strenge seiner Konzepte. Er hat in den meisten seiner zentralen Schriften keinen Platz, weil er nicht mit den Selbstentwürfen als Krieger und Waldgänger vertrüge, die beide von einer unbedingten Ernsthaftigkeit bestimmt sind. Erotik, das lässt sich ja bereits mit der Transformation der Kriegstagebücher zu In Stahlgewittern feststellen, scheint da auch nicht hineinzupassen. Jüngers Tendenz zu allgemeiner, planetarischer Bedeutung verträgt sich nicht mit dem Privaten, Allzumenschlichen.
Entsprechend irritierend ist es daher auch, wenn man in Jüngers Bibliothek die Ars Erotica im Großformat oder Das Buch der Witze findet – die passen in kein Bild, das Jünger von sich geprägt hat.

profil: In ihrem Buch dokumentieren Sie unter anderem auch Jüngers Eingang in die moderne Popkultur. Welche Adaption der Jünger-Figur hat Sie am meisten überrascht? In welchem Bereich ist Jünger besonders populär?
Penke: In der Breite ist es schon erstaunlich, wie häufig Jünger in der deutschen Popliteratur aufgerufen wird. Oder auch die vielen Songs, die ‚Stahlgewitter’ und ‚Waldgang’ zu vertonen versuchen. Das waren nicht alles neue Entdeckungen, aber wenn man die Liste dann vor sich hat, kommen da nur wenige Autoren auf eine ähnliche Präsenz. Wirklich überrascht hat mich Sophie Dorothee Podewils’ Roman Die geflügelte Orchidee, in dem Jünger als Figur die deutlichsten Konturen gewonnen hat – eine literarische Verlebendigung, allerdings noch zu Jüngers Lebzeiten. Oder auch die vielen Jünger-Bezüge bei Roberto Bolaño.

profil: Wieso lohnt es sich, auch heute noch Jünger zu lesen? Was können wir von Jünger lernen?
Penke: Es gibt nur wenige Figuren, an und mit denen sich die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts so prägnant nachvollziehen lässt, politisch wie ästhetisch. Insofern bringt die Jünger-Lektüre immer Kontexte und Fragen mit sich, die – wie die zahlreichen Aussagen über Jünger ja bestätigen – nur wenige kalt lassen. Der Erste Weltkrieg und die Weimarer Republik, bei denen es oft scheint, als wären sie schon aus dem Bewusstsein vieler verschwunden, lassen sich mit Jünger gut schneisenartig erschließen. Gegenüber den zahlreichen verstörenden Erfahrungen, die man bei der Jünger-Lektüre zweifelsohne machen kann, lässt sich vielleicht die Neugier „lernen“ – dass man sich nie mit dem bereits Bekannten und Gesehenen zufriedengibt, sondern seine Augen und Ohren stets für das Erstaunen offenhält.

profil: Ihr persönliches Lieblingswerk?
Penke: "Das Abenteuerliche Herz" in der zweiten Fassung.

Niels Penke: Jünger und die Folgen. Soeben erschienen bei Metzler. 176 S., 19,99 Euro

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