Hilda

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Kultur

Luke Pearsons „Hilda“-Comic: Herzensangelegenheit

Die Abenteurerin mit türkisblauen Haaren. Eine Liebeserklärung an die kleine Comic-Heldin Hilda.

„Ich geh nur kurz an die frische Luft“, sagt Hilda, das kleine Mädchen mit den türkisblauen Haaren zu ihrer Mutter, bevor sie sich in das nächste Abenteuer stürzt. In der gemütlichen Stube hocken, Hausaufgaben machen, mit der Mutter ein Brettspiel spielen? Für die fünfjährige Abenteurerin ist das keine Option. Hilda will, nein, sie muss hinaus in die Welt.

Die Welt von Hilda ist mehr als aufregend. Immerhin lebt sie mit ihrer Mutter und ihrem treuen Begleiter Hörnchen in einem nordischen Dörfchen, in dem Trolle, Wassergeister, ein melancholisches Holzmännchen und Bergriesen den Alltag prägen. Hilda liebt es, die verwunschenen Täler ihrer Heimat zu durchstreifen und Freundschaft mit skurrilen Geschöpfen zu schließen. Eine neues Abenteuer, immer nur einen Steinwurf weit entfernt.

Was also ist das besondere an den Comic-Märchen? Hilda ist zwar als Kinder-Geschichte konzipiert, traut den jungen Lesern aber mehr zu, als nur von Alltagsgeschichten wie Zähneputzen, vom ersten Schultag oder vom Einkauf im Supermarkt zu berichten. Hilda kämpft für das Recht auf Fantasie, sie ist liebevoll wild, eine richtige Draufgängerin, die sich mit viel Witz und Poesie kein Blatt vor den Mund nimmt und die Geduld ihrer alleinerziehenden Mutter jeden Tag aufs Neue herausfordert. Hinzu kommt, dass die Hilda-Welt nicht in Gut und Böse, nicht zwischen Mädchen und Buben aufgeteilt wird. Das Leben ist eben nicht nur Blau und Rosa, nicht nur in „Cars“ und „Frozen“ zu unterteilen. Die Zeichengeschichten von Hilda sind überbordend aufregend, dunkel und mystisch, aber vor allem voller Schönheit und inspirierenden Geschichten. Gern würde man an die Stelle von Hilda treten, den Alltag gegen Wälder voller Trolle und Wesen mit aufregenden Geschichten tauschen.

Der britische Hilda-Schöpfer und Comic-Zeichner Luke Pearson, der als Illustrator für das US-Magazin „The New Yorker“, für die „New York Times“ und die „Süddeutsche Zeitung“ arbeitet, hat mit der herzensguten Hilda zu Recht bereits alles gewonnen, was die Comic-Branche an Preisen (Eisner Award, Max und Moritz-Preis) zu bieten hat. Als Inspiration dienen ihm bis heute die Anime-Parabeln von Hayao Miyazaki und die Kinderfabeln des „Mumin“-Schöpfers Tove Jansson.

Beim Berliner Comic-Verlag Reprodukt sind bisher fünf Bände von Hilda erschienen. Zuletzt „Hilda und der Steinwald“, in dem die Abenteuerlust der kleinen Rebellin für immer mehr Konfliktstoff sorgt. Da hilft auch der von der Mutter ausgesprochene Stubenarrest wenig. Hilda büxt aus und landet durch Zufall im Reich der Trolle. Wenn das kein Abenteuer verspricht!

Für 2018 ist „Hilda“ als Animationsserie auf dem Streamingdienst Netflix angekündigt. Man kann nur hoffen, dass die Serienmacher verantwortungsvoll mit dem Stoff umgehen werden.

Aktuell: Luke Pearson: „Hilda und der Steinwald“. Reprodukt. 80 Seiten. 20,00 EUR.

Aktuelle Comic-Empfehlungen:

Nicolas Mahler: „Das kleine Überlebens-ABC“ (Suhrkamp)
Bastien Vivès: „Eine Schwester“ (Reprodukt)
Mathieu Sapin: „Gérard: Fünf Jahre am Rockzipfel von Depardieu“ (Reprodukt)
Reinhard Kleist: „Nick Cave & The Bad Seeds – Ein Artbook“ (Carlson)
Barbara Yelin und Thomas von Steinaecker: „Der Sommer ihres Lebens“ (Reprodukt)
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