Dämonen der Vergangenheit
Kultur

„Manchester by the Sea“: Dämonen der Vergangenheit

Familiendrama von großer emotionaler Direktheit: Kenneth Lonergans „Manchester by the Sea“.

Derzeit wird kein anderer neuer Film weltweit mit größeren Lobeshymnen überhäuft; dabei ist „Manchester by the Sea“ durchaus kein selbstgefälliges, spektakuläres Werk, sondern ein schlichter, überaus bodenständiger Film; ein realistisch inszeniertes Melodram, das über hochdifferenziertes Schauspiel und ein bezwingendes Drehbuch verfügt. Der aus der Bronx stammende Regisseur und Autor Kenneth Lonergan, 54, fasst mit seiner erst dritten Inszenierung (er schreibt seit den 1980er-Jahren auch Theaterstücke und Drehbücher für andere, etwa jenes für Martin Scorseses „Gangs of New York“, 2002) ein Familiendrama ins Auge, ein Alltagsszenario: Nach dem jähen Tod seines Bruders sieht sich der einzelgängerische, selbst seit Jahren schwer traumatisierte Lee (Casey Affleck) mit der moralischen Notwendigkeit konfrontiert, für seinen halbwüchsigen Neffen (Lucas Hedges) zu sorgen. Widerwillig fügt er sich in die Aufgabe, kehrt zurück in seine Heimatstadt – und wird von den Dämonen seiner Vergangenheit eingeholt: vor allem von dem Grauen, das er, auch selbstverschuldet, an der Seite seiner Ex-Frau (Michelle Williams) einst erlebt hat.

MANCHESTER BY THE SEA Trailer German Deutsch (2017)

„Manchester by the Sea“ hält sich an alle Regeln des konventionellen Erzählens, aber eben auf fast makellose Weise. Lonergan weiß das Tragische seines Plots mit abgebrühtem Humor zu balancieren. Afflecks Porträt des gebrochenen Helden zieht den Betrachter in diese Erzählung, deren Sogwirkung durch die sichere Besetzung jeder Nebenrolle gefestigt wird.

Nur an einem Punkt wirft einen Kenneth Lonergan dann doch aus der Kurve. Den an der dramatischsten Rückblende seines Films weit über die Pathosgrenzen hinaus agierenden Soundtrack muss man hier in Kauf nehmen.

Am Ende ist es aber etwas ganz anderes, das „Manchester by the Sea“ so mehrheitsfähig macht: eine immense emotionale Direktheit, eine filmische Aufrichtigkeit, die im Gegenwartskino kaum noch zu finden ist.

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