Oliver Welter (rechts) mit seinem Bandkollegen Herweig Zamernik (links)

Oliver Welter (rechts) mit seinem Bandkollegen Herweig Zamernik (links)

Kultur

Oliver Welter: „Abarbeiten ist ermüdend“

Oliver Welter (rechts am Bild) ist seit 25 Jahren Sänger der Kärntner Band

profil: Haben Sie den Wahlkampf in Kärnten verfolgt?
Oliver Welter: Ja, ich habe sogar zum ersten Mal eine Wahlempfehlung abgegeben. Die SPÖ ist auf mich zugekommen und ich glaube, dass Peter Kaiser die beste Entscheidung bei dieser Wahl ist.

profil: Sie meinten bei einem Konzert nach der letzten Wahl, dass es das erste Mal in der Geschichte der Band sei, dass Sie sich nicht für Ihr Heimatland schämen müssten. Wie war das gemeint?
Welter: Jahrelang war es für Kulturschaffende aus Kärnten so, dass man Rechenschaft ablegen musste, egal wohin man kam. Unter der ersten schwarz-blauen Regierung wurden wir bei Festivals im Ausland oft als „das andere Österreich“ präsentiert. Egal, ob wir das wollten oder nicht. Das war uns auch unangenehm. Wir betrachten uns natürlich als politische Band, aber nicht explizit politisch. Bei Interviews wurden wir ständig auf Kärnten und die Politik angesprochen. Ich habe mich damals gefragt, ob es einer Band aus dem Burgenland oder Salzburg auch so geht. Wahrscheinlich nicht.
Die harte Abwahl der FPÖ und ihrer Nachfolgeparteien - ich habe irgendwann den Überblick verloren, wer gerade blau, orange oder wie auch immer gefärbt ist - war dann sicherlich eine Befreiung für uns. Nicht nur für uns als Künstler, sondern für den Großteil der Bevölkerung. Denn es lag schon - ich bin hier gerne pathetisch - eine dunkle Glocke über dem Land.


Du kriegst vielleicht die Leute aus dem Dorf, aber das Dorf nicht aus den Leuten.

profil: Was hat sich für Sie in den letzten fünf Jahren verändert?
Welter: Es hat eine andere Kultur Einzug gehalten. Der Ton in der Politik hat sich verändert, die Gesprächskultur ist besser geworden. Dadurch ist eine Form der Menschlichkeit zurückgekommen, mit der ich mich wieder wohler fühle. Kulturvereine, obwohl sie nicht mehr Geld bekommen, agieren zudem weniger ängstlich.

profil: Naked Lunch hat sich auch immer wieder an Kärnten abgearbeitet. Welchen Einfluss hat das Land auf Ihr Schaffen?
Welter: Die Kultur und die Vergangenheit dieses Landes werde ich nicht los. Ich mag das Land und die Leute, egal wie sie sich politisch positionieren. Ich komme von hier und finde mich in diesem Land zurecht. Ich setzt mich auch an den Wirtshaustisch, trinke ein Bier und rede mit den Leuten. Es gibt diesen Spruch: Du kriegst vielleicht die Leute aus dem Dorf, aber das Dorf nicht aus den Leuten. Mein Freund und Literat Josef Winkler hat einmal gesagt: Er arbeitet sich so lange an Kärnten ab, bis das Land nicht mehr kann. Man kann durch das Abarbeiten schon etwas bewirken.

profil: Ihr Bandkollege Herwig Zamernik lebt mittlerweile in Wien. War es für Sie nie eine Option, wegzugehen?
Welter: Ich wollte es mir nicht leicht machen und diesem seltsamen Landstrich einfach den Rücken zukehren. Der Feind ist zudem in Kärnten immer offensichtlich. Das hat auch was Gutes. Aber das Abarbeiten ist auch ermüdend. Und ehrlich, sollten wir nach dieser Wahl wieder Zustände wie vor zehn Jahren haben, würde ich auch gehen und sagen: Ich kann nicht mehr.

profil: Im Dezember kam nach langer Zeit wieder ein neues Naked-Lunch-Lied mit dem Titel „So Sad“ raus. Die Stimmung ist sehr düster, es ist von gebrochenen Menschen die Rede. Ist tatsächlich alles so traurig?
Welter: Ich habe eigentlich eine gewisse Grundeuphorie in mir. Aber seit unserem letzten Album „All is Fever“ (2013) hat sich die Politik und die Gesellschaft derart verändert, dass das Fieber erlahmt ist. Statt Empathie und Enthusiasmus gibt es derzeit Apathie und Lethargie. Ich habe das Gefühl, dass sehr viele gebrochene Menschen durch die Gegend gehen. Totalitäre Geisteshaltungen werden wieder vermehrt über uns drüber gestülpt. Für viele ist das zu viel.

profil: Ist „So Sad“ ein Vorbote für ein neues Album?
Welter: Ja, wir sind gerade im Schreibprozess. Im Laufe des Jahres werden wir noch zwei neue Singles veröffentlichen und das neue Album hoffentlich Ende des Jahres im Kasten haben.

Oliver Welter (49) ist Musiker, Komponist, Autor und Schauspieler. Mit seiner Band Naked Lunch veröffentlichte er zuletzt das Album "All is Fever" (Tapete Records, 2013). Er lebt in Klagenfurt.

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