Christian Rainer: Nachrede zu Vorrednern
Meinung

Christian Rainer: Nachrede zu Vorrednern

Was klugen Kommentatoren jetzt bei Griss dämmert, wie uns Rot-Schwarz als Lügenpresse denunziert und was die Bankomatgebühr damit zu tun hat. Gedanken an eine denkwürdige Woche.

Josef Ostermayer vergleicht die Bürgermeisterwahl in St. Pölten mit der Bundespräsidentenwahl. Mal ginge es mit der SPÖ hinauf und dann halt wieder hinunter. Wendig wie eine Wand, gesprächig wie ein Grammophon, realitätsnah wie der Reaktorwart in Tschernobyl – der Auftritt des Ministers in der „ZIB 2“ am Montag war mein persönlicher Höhepunkt in der vergangenen Woche, jener Woche, die wir niemals vergessen werden und die uns niemals vergessen wird. Norbert Hofer wird Bundespräsident, zur Eingewöhnung sollten wir uns das Unvorstellbare jetzt vorstellen.


Wendig wie eine Wand, gesprächig wie ein Grammophon, realitätsnah wie der Reaktorwart in Tschernobyl

Entsprechende prätraumatische Vorsichtsmaßnahmen für posttraumatische Belastungen haben aber noch nicht alle ergriffen. Der Bundeskanzler etwa entwarnte uns, für die „ZIB 1“ demonstrativ neben dem Wiener Bürgermeister in einem harten Sessel versinkend, bezüglich seiner eigenen Zukunft sportlich: „In einem Tennisclub wird ja auch über Tennis gestritten. In der Politik wird eben über die Ausrichtung der Politik gestritten.“

In diesem Moment erinnerte ich mich an die Interviews nach dem CL-Semifinale vom Tag zuvor, denn da hatte jeder Spieler der Bayern, der Österreicher Alaba eingeschlossen, verständlicher gesprochen, strukturierter analysiert als Werner Faymann, freilich auch als alle anderen Politiker der Regierungsparteien seit der Wahl. Faymann hatte ja bereits kommuniziert, er wolle dem Super-GAU forsch entgegentreten, indem er „jene Themen in den Vordergrund stellt, um die es der Bevölkerung geht“. Vizekanzler Reinhold Mitterlehner war ihm in Saft und Kraft nicht nachgestanden und hatte einen „Relaunch der Regierungsarbeit“ angekündigt betreffend „Stil, Streit als auch Inhalte“.

Der Kolumnist Sascha Lobo zitierte am Mittwoch auf „Spiegel Online“ meinen Kommentar vom Sonntag – zu finden auf profil.at –, weil auch er angemessene Kommunikation als Hinweis auf die Funktionsfähigkeit von Politik wertet. Nämlich: „Ein Hinweis auf das, was Christian Rainer im ,profil‘ so verdichtet: ,Die Regierungsparteien haben die Fähigkeit verloren, menschenwürdig zu kommunizieren.‘ Rainers Schlüsselbegriff ist dabei ,menschenwürdig‘, denn er markiert das Gefühl des Publikums, irgendwie ernst genommen zu werden. Unabhängig vom Bildungsgrad.“

Und das geht eben nicht mit hohlen Phrasen, mit leeren Bildern, mit einer Grammatik, die Elementarschülern mit Migrationshintergrund zur Unehre gereichen würde.


Das ist taktisches Gewäsch mit Blick auf eine noch nicht näher definierte Griss’sche politische Zukunft

Dass diese unwürdige Kommunikation kein abgestecktes Terrain der Regierung ist, mussten zwei hochgeschätzte profil-Kommentatoren inzwischen erfahren. Elfriede Hammerl in dieser Ausgabe und Peter Michael Lingens auf profil.at beklagen, dass Irmgard Griss, die von beiden eben noch bis zur Wahlempfehlung hochgelobt worden war, selbst nun keine Wahlempfehlung für Alexander Van der Bellen und gegen Hofer abgeben will. Tatsächlich redet sich Griss hanebüchen auf ihr „Wahlgeheimnis“ aus, spricht naseweis davon, dass sie „nicht polarisieren“ wolle. Ja, Elfriede und Michael, was habt ihr denn gedacht? Dass hier aus dem Nichts eine Lichtgestalt geboren wurde, jungfräulich empfangen durch den Geist der Juristerei? Mitnichten, das ist taktisches Gewäsch mit Blick auf eine noch nicht näher definierte Griss’sche politische Zukunft.

Zurück zu den Opfern der eigenen Taten, zu den kommunikativen Selbstverstümmlern. Ich durfte in diesen letzten Tagen der Menschheit, wie wir sie kennen, auch erfahren, dass nicht deren Kommunikation schuld war an dem finalen Missverstehen, sondern die unsrige. Da stand der Vorwurf der Lügenpresse im Raum, den man dem Herausgeber gegenüber bloß nicht verwenden wollte. Eine Spitzenkraft der Volkspartei wies mich darauf hin, dass die Medien doch das Ihre, also das Unsere, zum Base-Jump der Herren Khol und Hundstorfer beigetragen hätten, „weil ihr unsere Politik runtergemacht habt“. Ohne auf den möglichen Wahrheitsgehalt einer derartigen möglichen Berichterstattung einzugehen, erklärte ich ihm, er solle sich doch das für die Regierung kostenpflichtige Apportieren jedes eines Hauptsatzes entkleideten Halbsatzes in den Massenblättern der Republik vor Augen führen, vielleicht auch den einen oder anderen Beitrag der ORF-Landesstudios. Ein Wiener Sozialdemokrat wiederum erboste sich darüber, dass wir die Medienfähigkeit seines Kandidaten in Abrede gestellt hätten. Ich ersparte mir eine Gegenrede.


Eine Spitzenkraft der Volkspartei wies mich darauf hin, dass die Medien doch das Ihre, also das Unsere, zum Base-Jump der Herren Khol und Hundstorfer beigetragen hätten

Im weltläufigen Niederösterreich schließlich wurde die Auslandspresse gescholten, die gewiss vergleichsweise provinzielle „Süddeutsche Zeitung“ der Niedertracht durch Niederschreiben geziehen. Ich habe mir die konkret abgemahnte „SZ“-Überschrift dann angesehen. Sie lautet ganz, ganz perfid: „Land ohne Mitte. In Österreich wird womöglich bald ein sehr, sehr Rechter der neue Bundespräsident werden.“ Was muss sich da „Die Presse“ denken, die Hofer für einen „gemäßigten Rechten“ hält! Aber als ausgleichende Gerechtigkeit hat deren Chefredakteur gekonnt ziseliert und sehr verständlich den Faymann-Rücktritt gefordert.

Ich habe Ihnen bereits verraten, der Höhepunkt meiner Woche war die Gleichsetzung der Bundespräsidenten-Wahl mit der Bürgermeister-Wahl in St. Pölten durch Minister Ostermayer. Zum Abschluss ergänze ich das Ranking um Platz zwei: Minister Alois Stöger teilte uns am Donnerstag mit, er wolle Bankomaten-Gebühren per Gesetz verbieten, weil diese „nicht statthaft sind“. Wer aktuell keine anderen Sorgen hat, diesem Tölpelpopulismus dient und sich dabei solcher Worte bedient, der braucht keine Feinde.

Kommentar verfassen