Ingrid Brodnig

Ingrid Brodnig

Meinung

#brodnig: "Brandbeschleuniger"

Nicht nur Flugverkehr und traditionelle Industrie heizen die Klimakrise an: Auch die Digitalisierung treibt den CO2-Ausstoß in die Höhe.

Wenn wir über die Klimakrise sprechen, müssen wir auch die Frage beantworten: Welche Rolle spielt das Internet dabei? Auf den ersten Blick ist die Digitalisierung dazu geeignet, Emissionen zu verringern. Nehmen wir Smart Citys, in denen Sensoren das aktuelle Verkehrsaufkommen messen. Intelligente Ampeln können Rot-und Grünphasen so umstellen, dass weniger Staus entstehen und weniger Abgase anfallen. Kluge Technologie kann also darauf ausgerichtet sein, Emissionen zu vermeiden und Energie sparsam einzusetzen.

Jedoch - und das ist der große Haken: Wir leben bisher nicht in einer (digitalen) Wirtschaft, deren oberstes Ziel Umweltschonung ist. Im Gegenteil: Die Digitalisierung läuft derzeit eher Gefahr, die Klimakrise anzuheizen. Wie die Fachzeitschrift "Nature" berichtet, machen Informations-und Kommunikationstechnologien mehr als zwei Prozent der CO2-Emissionen aus. Das inkludiert Smartphones, Rechenzentren der Digitalwirtschaft, aber auch Telefonnetzwerke und Fernseher. Jede Google-Suche, jedes abgerufene Netflix-Video führt zu Stromverbrauch in den großen Datenzentren. Ein Teil des Stroms kommt nicht aus Wind-oder Wasserkraft, sondern aus dem allgemeinen Energiemix inklusive Strom aus Kohlekraftwerken. Unternehmen wie Apple oder Google arbeiten zwar ernsthaft daran, ihre Datenzentren auf erneuerbare Energie umzustellen -in Hochphasen der Internetnutzung wird aber sehr wohl Nichtökostrom bezogen.

Die Datenzentren sind nicht das einzige Problem: Viele Menschen, darunter ich selbst, bestellen Waren online. Zwar entfällt dadurch manche Autofahrt ins Einkaufszentrum, aber das Online-Shopping kurbelt auch Paket-Zustellungen (und Retoursendungen) an. Zwei Prozent des globalen CO2-Ausstoßes bedeuten: Schon jetzt befinden sich die Emissionen, die die Digitalisierung verursacht, in einer ähnlichen Höhe wie jene des Flugverkehrs (siehe dazu Cover-Story). Besonders bedenklich sind Trends wie Bitcoin-Mining: Die digitale Währung Bitcoin wird mittels aufwendiger Rechenleistung hergestellt, was wiederum große Mengen Energie verbraucht. Die Herstellung von Bitcoins produziert jährlich bis zu 22,9 Millionen Tonnen Kohlendioxid, wie Forscher der Technischen Universität München berechneten.


Mehr als zwei Prozent der CO2-Emissionen werden von Informationstechnologien verursacht.

Das heißt, jährlich verursachen Rechner, die Bitcoin schürfen, mehr CO2 als das Land Jordanien. Für manche Bitcoin-Goldgräber mag die digitale Währung ein Spitzengeschäft sein, der Umwelt kommt sie teuer zu stehen. Es "muss nüchtern festgestellt werden, dass die Digitalisierung von Wirtschaft und Alltag sich bislang nur marginal an Nachhaltigkeitsaspekten orientiert", heißt es in einem Gutachten für die deutsche Bundesregierung unter dem Titel "Unsere gemeinsame digitale Zukunft". Darin steht außerdem: "Sinn und Zweck des digitalen Fortschritts ( ) ist nicht in erster Linie die Nachhaltigkeit; Aspekte wie Unterhaltung, Bequemlichkeit, Sicherheit und nicht zuletzt kurzfristige finanzielle Gewinne dominieren. Im Großen wirken Digitalisierungsprozesse heute eher als Brandbeschleuniger bestehender, nicht nachhaltiger Trends, also der Übernutzung natürlicher Ressourcen und wachsender sozialer Ungleichheit in vielen Ländern."

Das klingt trist, aber die Forscher meinen auch: Es geht anders. Sie fordern, nicht auf die "Selbstzähmung von Technologieentwicklern" zu hoffen, sondern mit Gesetzen und anderen Maßnahmen einzuschreiten. Ich denke, wir sollten viel strenger mit klimagefährlichen Technologien wie Bitcoin umgehen. Wenn diese für enorme Mengen an Abgasen verantwortlich sind, könnten Staaten mit Auflagen oder Steuern einschreiten. Denn derzeit ist es oftmals allzu profitabel, klimaschädlich zu wirtschaften.

Es gibt nicht die eine simple Lösung - im Gegenteil: Es wird ein mühsamer Prozess, das Internet nicht zu einem Brandbeschleuniger der Klimakrise zu machen. Einige interessante Ansätze existieren bereits. Ein nachhaltiges Projekt ist die Suchmaschine Ecosia. Mit den Einnahmen, die das Unternehmen erzielt, pflanzt es Bäume auf der ganzen Welt. Zudem laufen technische Pilotprojekte, die Emissionen verringern sollen. Etwa wird versucht, Datenzentren im Ozean zu versenken, wo sie weniger Energie fressen, weil die stromintensive Kühlung wegfällt. in Zukunft nicht weniger googeln oder Netflix-Filme schauen, im Gegenteil. Wir müssen damit rechnen, dass die weltweite Internetnutzung massiv wachsen wird.

Dementsprechend Ich halte es jedenfalls für unrealistisch, dass wir das Problem über eine analoge Wende lösen werden. Wir werden müssen wir das Netz an sich neu gestalten und bei jedem technologischen Produkt die ernste Frage stellen: Ist es nachhaltig? Diese Frage spielte in den ersten 30 Jahren des Webs keine tragende Rolle - und genau das muss sich jetzt ändern.

Kommentar verfassen
  • Friedrich Fuhs Mi., 17. Juli. 2019 09:34

    Wieder schlecht recherchierter Artikel. Obwohl die Angaben stimmen fehlen die wesentlichen Punkte: Konsumverhalten, Hausbrand, Klimageräte. Braucht eine junge Frau monatlich 2 neue Schuhe und 4 Fetzen und ein Kerl eine Karre mit 150 PS? Die Menschen verdienen anscheinen zu viel. Also: Ausgaben reduzieren nützt der Umwelt.

    Melden