Fleischeslast
Wissenschaft

Fleischeslast: Wie lebt es sich als Veganer in Österreich?

Wie lebt es sich als Veganer in Österreich? Stephan Wabl hat vor fast 20 Jahren seine Ernährung umgestellt, ließ zwischendurch jedoch ein Spanferkel grillen und ist mittlerweile bei Käsespätzle angekommen.

Sommer 1998. Ich war seit wenigen Wochen beim Bundesheer und stand nach ein paar Übungen verschwitzt in meiner Uniform in einem Wald in der Südsteiermark, als ich zum diensthabenden Unteroffizier zitiert wurde. Es war Feldwoche, und ich hatte mich an diesem Abend wie die Tage zuvor nur von Salat ernährt, die täglichen Portionen Fleisch, Nudeln oder Auflauf ließ ich an mir vorübergehen. Der Grund: Zwei Jahre zuvor hatte ich entschieden, mich vegetarisch zu ernähren. Ein Jahr später stieg ich von Vegetarismus auf Veganismus um. Kein Fleisch, keine Milchprodukte, keine Eier. „Aus religiösen Gründen?“, fragte mich der Unteroffizier. „Nein, aus ethischen“, antwortete ich. „Melden Sie sich beim Militärarzt!“, legte mir mein Vorgesetzter daraufhin nahe und entließ mich wieder in den Wald. Den Arzttermin ließ ich ebenso wie das Fleisch an mir vorübergehen. Mit einem Militärarzt über Tierrechte zu diskutieren, erschien mir so sinnvoll wie mit einem Pfarrer über Sex zu sprechen.

Wer sich vor 20 Jahren vegetarisch oder sogar vegan ernährte, wurde von seinem Umfeld häufig behandelt, als ob er an einer mittelschweren Krankheit leidet. Kein Familientreffen ohne die Frage, ob alles in Ordnung sei. Kaum ein Restaurantbesuch ohne das fragende Gesicht der Kellnerin, welche Beilagen sie überhaupt anbieten könne. Selten Besuche am elterlichen Mittagstisch, die einem nicht das Gefühl gaben, man schwanke zwischen jugendlichem Trotz und sektenhaftem Fundamentalismus. Der Höhepunkt dieser Zeit: Als die Polizei in meiner steirischen Kleinstadt einen Freund kontrollierte und ihn mit den Worten „Wir hobn eam!“ festnehmen wollte. Die zwei Polizisten hielten das glitschige Stück Tofu in seinem Rucksack fälschlicherweise für einen großen Drogenfund.


Wer sich heute vegetarisch oder vegan ernährt, gilt nicht mehr als exotischer Eigenbrötler.

Zwei Jahrzehnte später hat sich vieles geändert. Ich kenne keinen Menschen mehr, dem Massentierhaltung gleichgültig ist, und das Wissen über geschredderte Küken, mit Medikamenten aufgeblähte Milchkühe und erhöhte Umweltbelastung durch Fleischkonsum ist weit verbreitet. Doch fast noch wichtiger ist die Wandlung, dass sich Vegetarismus zu einem akzeptierten Lebensstil entwickelt hat, der mitunter sogar soziale Anerkennung mit sich bringt. Menschen sind faul, inkonsequent und nicht gerne Außenseiter. Das steigende Angebot an fleischlosen Nahrungsalternativen hat es leichter gemacht, das eigene Gewissen in den Alltag hinüberzuretten. Wer sich heute vegetarisch oder vegan ernährt, gilt nicht mehr als exotischer Eigenbrötler, sondern häufig als bewusst lebender Trendsetter.

Go Vegan! 1998 brachten mein Schulkollege Erich Steiner (der Mann mit dem Tofu) und ich ein Heft namens Neoteriker heraus, in dem wir nicht zimperlich für Veganismus eintraten.

Mich hat meine eigene Inkonsequenz und Faulheit jedoch bereits wenige Jahre nach meinem Bundesheerausflug in den Wald eingeholt. Im Sommer 2002 übersiedelte ich von Wien nach Paris, um in Frankreich zu studieren. Ich hatte keine Küche, wenig Geld, und Frankreich war für Veganer ein schlechtes Pflaster. Zudem war ich desillusioniert, die Überzeugung, durch ein paar Schnitzel weniger die Welt verändern zu können, war verblasst. Und so kam es, dass ich kurze Zeit später in einem maghrebinischen Bistro um die Ecke beim Fußballschauen ein „Steak haché avec frites“ bestellte. Es schmeckte ausgezeichnet – und bei einem blieb es nicht. Zwei Jahre danach der Tiefpunkt: Ich lud zu meiner Sponsionsfeier und bat meinen Nachbarn, eines seiner geschätzten Spanferkel zu grillen. Mein alter Schulfreund, der mit dem Tofu im Rucksack, hielt sich mit Kommentaren freundlicherweise zurück. Das ist Freundschaft.


Mein Anspruch ist allerdings nicht Perfektionismus oder lebensfremder Moralismus, sondern das zu tun, was unter den gegebenen Umständen sinnvoll und möglich ist.

Das Spanferkelgrillen ist mittlerweile wieder Geschichte, der puristische Veganismus von damals hat sich 20 Jahre später in einer pragmatischeren Ausformung in mein Leben integriert. Wenn ich selbst koche, esse ich vegan. Gehe ich essen, schaue ich, dass ich ein Restaurant mit veganen Speisen finde. Das funktioniert auch mit Freunden, Freundin und Bekannten – selbst in der steirischen Kleinstadt. Aber ich frage nicht mehr bei jeder Essenseinladung nach, ob die Nudeln ohne Eier sind oder schabe den Käse von der Pizza, wenn mich der Kellner falsch verstanden hat. Vor zwei Wochen, ich saß in einem Wiener Gasthaus beim Fußballschauen, habe ich Käsespätzle bestellt, weil ich wissen wollte, ob sie noch so gut schmecken wie früher. Sie waren eine Enttäuschung. Mein Anspruch ist allerdings nicht Perfektionismus oder lebensfremder Moralismus, sondern das zu tun, was unter den gegebenen Umständen sinnvoll und möglich ist.

Von Frustration bis Illusion: 20 Jahre on und off als Veganer

Geht es auf Urlaub, braucht es allerdings ein wenig Vorbereitung. Denn nicht jeder Dorfsupermarkt hat vegane Energieriegel für den Bergaufstieg mit dem Rennrad. Und nicht jedes Restaurant auf einer griechischen Insel hat neben Fisch- und Grillspezialitäten zusätzliche Kategorien auf der Speisekarte. Online-Restaurantführer erfassen mittlerweile jedoch fast jede vegane Essensoption weltweit. Trotzdem bedeutet eine Ernährung ohne tierische Produkte – vor allem in der fleischlastigen Essenskultur Europas – Verzicht. Der Fokus auf Alternativen wie Tempeh, Mandelmilch oder Seitan erweitert hingegen die althergebrachten Essensgewohnheiten. Gesundheitlich war die Umstellung, wie mir meine Ärzte regelmäßig bestätigten, nie ein Problem. Und stünde ich heute wieder in meiner Uniform im Wald, würde ich sogar den Termin beim Militärarzt wahrnehmen. Denn es ist nicht unwahrscheinlich, dass sich dieser im Jahr 2016 als Vegetarier oder Veganer herausstellt.

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