Michael Haneke: „Leider bin ich nicht Napoleon“

Mit seiner zweiten Österreichs ignorante Kulturpolitik und die Abgründe des Internets, über Kitsch, Mozart, Mitgefühl und Schockeffekt.

Auch wenn die formale Präzision der Liebes- und Todesstudie „Amour“ im diesjährigen Cannes-Wettbewerb konkurrenzlos geblieben war: Eine kleine Überraschung war es am Ende doch, als die Jury der 65. Filmfestspiele die Goldene Palme des Festivals am Sonntagabend vorvergangener Woche an den Österreicher Michael Haneke verlieh. Denn es galt als offenes Geheimnis, dass Jury-Präsident Nanni Moretti Hanekes Arbeit, insbesondere dessen gewalttätige Zynismusparabel „Funny Games“, keineswegs zu schätzen weiß, daher mit großer Wahrscheinlichkeit auch davon Abstand nehmen würde, ausgerechnet diesem Filmemacher eine zweite Palme d’Or nach „Das weiße Band“ (2009) zu verleihen. Wenn die Auszeichnung nun doch an „Amour“ ging, so zeigt das auch, dass selbst Gegner dieser Art von bürgerlichem Art-House-Trauerspiel die unaufhörliche Weiterentwicklung (oder besser: Verfeinerung) des Haneke-Kinos zur Kenntnis genommen haben.

Denn wie auch immer man zu dem sehr speziellen Rigorismus dieses Regisseurs steht: Es ist offensichtlich, dass „Amour“ (geplanter Österreich-Kinostart: 21. September) über den bereits bekannten Rahmen der postbressonianischen Existenz- und Moral-Bestandsaufnahmen noch einmal hinausgeht, dass Michael Haneke mit diesem sehr zeitlosen Kammerspiel eine neue Stufe seiner Karriere erreicht hat. Die alte formale Strenge mischt sich da mit einer neuen emotionalen Qualität, an der auch das ebenso virtuose wie bewegende Hauptdar­stellerduo, Emmanuelle Riva und Jean-Louis Trintignant, wesentlichen Anteil hat. Mit seinem zweiten Triumph beim bedeutendsten Filmfestival der Welt (je zwei Goldpalmen haben seit Ende des Zweiten Weltkriegs erst sechs weitere Filmemacher errungen, darunter Francis Ford Coppola und die Brüder Dardenne) schreibt sich Michael Haneke jedenfalls endgültig in die Kinogeschichte ein; als veritabler Weltstar des Autorenfilms steht er nun dort, wo ein Kinosolitär wie ­Ingmar Bergman in den 1970er-Jahren stand: in der Hochblüte seines Könnens – und ausgestattet mit der Fähigkeit, auch in Zeiten gefährlich schwindender Zuschauerzahlen ein erwachsenes internationales Publikum mit raffinierter Filmkunst und relevantem Diskussionsstoff zu versorgen.

profil: Seit „Amour“ vor zwei Wochen in Cannes erstmals präsentiert wurde, haben Sie weltweit praktisch uneingeschränkten Zuspruch für Ihren neuen Film erhalten. Ist das für einen Regisseur, der bislang nicht unbedingt als konsensfähig galt, nicht auch beunruhigend?
Haneke: Einerseits ist es sehr angenehm, gelobt zu werden, andererseits fragt man sich amüsiert schon auch, ob man vielleicht etwas falsch gemacht habe, wenn einen plötzlich alle lieben. Aber die einhellige Begeisterung für diese Arbeit hat sicher entscheidend mit ihrem wichtigen, auch heiklen Thema zu tun. Denn gerade solche Themen können leicht ins Auge gehen: Mit ein bisschen Kitsch, ein bisschen Miserabilismus wäre dieser Film im Eimer gewesen.

profil: In den vergangenen Jahren hat sich etwas verschoben in Ihrer Art, Filme zu machen. Es scheint, als wären Sie von einem sehr fragmentarischen, durchaus aggressiven und bisweilen fast experimentellen Kino zur klassischen Erzählung gekommen.
Haneke: Das hat aber eben mit den Themen zu tun. Ich habe seit der Premiere von „Amour“ unzählige Male gehört, dass ich mit diesem Film offenbar ganz neue Seiten zeigte, dass ich plötzlich mild und weise geworden sei. Ich halte mich für einen guten Handwerker – und als solcher tue ich alles, um meine Sujets möglichst effizient an den Zuschauer weiterzugeben.

profil: Die Ihnen nun unterstellte neue Wärme und Sanftheit können Sie nicht nachvollziehen?
Haneke: Da liegt, glaube ich, eine Verwechslung des Autors mit seinem Sujet vor. Außerdem bilde ich mir ein, dass es auch in „Das weiße Band“ eine entzückende Liebesgeschichte gibt.

profil: Es sieht so aus, als hätten Sie Ihre alte Lust an der Provokation verloren.
Haneke: Es ist seltsam, aber abgesehen von „Funny Games“ habe ich nie einen Film gemacht, um irgendjemanden zu provozieren.

profil: Die drastischen Bilder und Todesszenen, die Ihr Kinowerk auch abseits von „Funny Games“ bis vor ein paar Jahren noch prägten, sollten nie verstören?
Haneke: Natürlich braucht jeder Film Elemente und Bilder, die im Kopf hängen bleiben. Es geht darum, Aufmerksamkeit zu erzeugen, den Zuschauer zu fangen. Deshalb sind die jeweiligen Anfangsszenen auch so wichtig. Ein Film muss vom ersten Moment an funktionieren. Das heißt nicht, dass da immer gleich die Welt explodieren muss. Aber wenn ich die mediale Repräsentation von Gewalt bearbeite, werde ich keinen netten, sympathischen Film machen können, sondern den Leuten einen Schock versetzen müssen. Wenn ich aber einen Film über Zuneigung und menschliche Empathie mache, muss ich den so inszenieren, dass sich diese Qualitäten mitteilen. Letztlich ist es immer derselbe Kopf, aus dem all diese Geschichten kommen. Ich finde ja, dass ich genauso viel Empathie wie nun dem Paar in „Amour“ in all meine anderen Figuren auch investiert habe. Nur waren die Situationen, in denen diese sich befanden, oft weniger dazu geeignet, diese Empathie auf den Zuschauer zu übertragen. Für mich ist das terrorisierte Ehepaar in „Funny Games“ nicht weniger mitfühlend gezeichnet als die beiden alten Menschen in „Amour“. Nur ist der Horror in „Funny Games“, um den es aber geht, so dominant, dass man mein Mitgefühl vielleicht nicht so merkt.

profil: „Amour“ ist nicht nur ein Film über Zuneigung, sondern auch einer über den Tod, über das qualvoll langsame Sterben.
Haneke: Natürlich, denn ich brauchte ja einen Anlass. Ich hätte ebenso gut eine Geschichte über ein junges Ehepaar schreiben können, dessen fünfjähriger Sohn an Krebs stirbt. Dann hätte es aber geheißen, das sei ein fürchterlicher Einzelfall. Das Alter aber ist kein Spezialfall: Das Alter erwartet uns alle, heißt es so schön in dem Chanson von Jacques Brel. Dieser Stoff hat Allgemeingültigkeit.

profil: Hätten Sie vom todkranken Kind erzählt, so hätte man Ihnen wohl wieder Sadismus vorgeworfen. „Amour“ geht dagegen tatsächlich alle an.
Haneke: Und diese Geschichte ist unabhängig vom Milieu. Ich habe sie zwar im gehobenen Bürgertum angesiedelt – nicht nur, weil ich mich in diesem Biotop am besten auskenne und weil ich selbst aus diesem stamme, sondern weil ich zeigen wollte, dass auch sehr viel Geld dieses Leiden nicht mehr lindern kann. Ich versuche meine Themen aus den Zumutungen des Sozialdramas herauszuhalten. Denn das Sozial­drama relativiert: Es signalisiert die Ver­änderbarkeit der Verhältnisse. Existenzielle Grundprobleme wie Alter und Tod sind aber nicht schichtenspezifisch – sie treffen jeden.

profil: „Amour“ verweist auch auf Ihr Kinodebüt, den Film „Der siebente Kontinent“ von 1989, zurück. Sie scheinen seit Jahrzehnten der Frage nachzugehen, wie zulässig scheinbar unmoralische Entscheidungen sein können.
Haneke: Über Moral rede ich abseits meiner Filme grundsätzlich nicht. Denn das ist die Aufgabe des Dramas: die Fragen so zu stellen, dass jeder sich dazu auch selbst befragen muss. Wenn ich als Autor eines Werks alle gestellten Probleme selbst löse, nehme ich den Zuschauern die Möglichkeit, autonom darüber nachzudenken. Ich will ja nicht, dass das Publikum durch meine Brille auf die Welt blickt.

profil: Sie können, wie Sie selbst oft zugegeben haben, in Ihrem Perfektionismus gnadenlos sein. Mussten Sie auch legendäre Schauspielkräfte wie Jean-Louis Trintignant und Emmanuelle Riva gelegentlich hart anfassen?
Haneke: Überhaupt nicht. Ich liebe meine Schauspieler alle abgöttisch, mit denen bin ich doch nicht gnadenlos. Ich lasse halt nicht locker, bis ich das Ergebnis habe, das ich brauche. Aber es wäre etwa völlig kontraproduktiv, meine Darsteller anzuschreien, auf diese Weise würde man niemals zufrieden stellende Leistungen kriegen; man muss Schauspielern vielmehr das Gefühl geben, in guten Händen zu sein.

profil: Ohne Trintignant hätten Sie „Amour“ nicht gemacht?
Haneke: Nein, ich habe den Film für ihn geschrieben, fand ihn schon als jungen Schauspieler großartig. Zuletzt hatte ich ihn 1998 in Patrice Chéreaus „Wer mich liebt, nimmt den Zug“ bewundert; danach hat er sich vom Kino zurückgezogen. Jean-Louis hat etwas, das keiner der großen französischen Schauspieler seiner Generation hat: Er strahlt eine unglaubliche Zärtlichkeit aus. Ich habe nie zuvor mit einem Darsteller gearbeitet, der sämtliche Mitarbeiter derart begeistern konnte. Mein gesamtes Team war von seinem Charme und seiner Bescheidenheit hingerissen. Trintignant ist eben nicht nur ein fabelhafter Schauspieler, sondern auch ein großartiger Mensch. Und das teilt sich auch im Kino mit.

profil: Man würde meinen, es sei sehr viel einfacher, ein intimes, mit wenigen Menschen besetztes Kammerspiel wie „Amour“ zu drehen, als etwa ein Gesellschaftspanorama wie „Das weiße Band“. Ist das so?
Haneke: Nein. Es ist immer gleich schwer, nur die Schwierigkeiten sind jeweils andere. Einen Film wie „Das weiße Band“ zu machen ist natürlich ein enormer organisatorischer Aufwand. Aber wenn von 40 Schauspielern zwei nicht gut genug sind, kann man deren Fehlleistungen in der Regel halbwegs verstecken. Wenn aber in einem Zweipersonenfilm einer schlecht ist, kann man sich erschießen. Und an 20 Schauplätzen zu drehen, von denen jeder seine eigene Attraktivität hat, ist dankbarer, als einen ganzen Film an einem einzigen Ort anzusiedeln – denn es kann schnell langweilig werden, die immer gleichen Kulissen zu ­sehen.

profil: Darum ließen Sie den Hauptschauplatz Ihres neuen Films, das Appartement des alten Paares, eigentlich extra bauen?
Haneke: Sein Grundriss entspricht exakt jener Wiener Wohnung im dritten Bezirk, in der meine Eltern einst lebten.

profil: Warum? „Amour“ ist doch auch sonst nicht besonders autobiografisch.
Haneke: Die Wohnung meiner Eltern war mir beim Schreiben eine Hilfe, denn es ergab sich vieles schon aus dieser speziellen Geografie.

profil: Es hatte also eher praktische als persönliche Gründe.
Haneke: Ja. Die Story des Films hat so gut wie nichts mit dem Leben meiner Eltern zu tun. Zwar gibt es einzelne Passagen in „Amour“, die von persönlichen Erlebnissen und Erfahrungen gespeist sind, aber das gilt für alle meine Filme. Ich bin ja kein ­Autobiografenfilmer, diese Art von Privatkino ist mir zutiefst verdächtig.

profil: Woher nehmen Sie das Weltwissen eigentlich, das in Ihren Filmen steckt?
Haneke: Ich recherchiere viel. Wenn man etwas beschreiben will, muss man wissen, wie es geht. Sonst ist man ein Dilettant. Aber die Vorbereitung einer Geschichte wie dieser ist halb so wild. Man braucht vor allem Einfühlungsvermögen, das ist die Hauptaufgabe jedes Regisseur oder Autors. Es ist eine Frage der Empathie: Wenn ich einen Dialog schreibe, muss ich mich in meine Figuren einfühlen können, sonst werde ich sie nicht reden lassen können.

profil: Hat das nicht viel mit Psychologie zu tun? Sie hegen doch eine Abneigung gegen psychologische Filme.
Haneke: Ich habe nichts gegen Psychologie – nur gegen die Art, wie Psychologie im Drama oder im Roman gern benutzt wird: als Methode nämlich, beunruhigende Dinge zu erklären, ungefährlich zu machen. Die Wald- und-Wiesen-Psychologie, die wir im Mainstream-Kino unentwegt haben, hasse ich wie die Pest: Herr X hat deshalb drei Frauen umgebracht, weil ihn die Mama als kleines Kind nicht genug geschaukelt hat. Aber ohne psychologisches Einfühlungsvermögen könnte man kein menschliches Verhalten beschreiben. Auch Robert Bresson, der eindeutig antipsychologische Filme machte, wäre ohne seine genaue Kenntnis menschlicher Denk- und Verhaltensweisen nicht weit gekommen. Ich wehre mich nur gegen den albernen Erklärungsnotstand, der da ununterbrochen bedient wird, nur damit ja kein Rest bleibt, der verstören könnte.

profil: Betrachten Sie „Amour“ eigentlich als österreichischen Film? Nur rund zehn Prozent des Budgets wurden in Österreich aufgebracht, den Löwenanteil bestritt Frankreich – und sogar Deutschland hatte mehr Anteil an der Förderung als Österreich.
Haneke: In Cannes lief „Amour“ dennoch als österreichischer Film. Mir ist das recht, denn ich fühle mich dem hiesigen Kino sehr verpflichtet. Ich verdanke meine Karriere auch der einstmals experimentierfreudigen Austro-Filmförderung. Ich sehe „Amour“ als österreichisches Werk. Denn nicht nur der Autor und Regisseur, auch meine Cutterin Monika Willi stammt aus Österreich – und der Großteil der Postproduktion fand ebenfalls in Wien statt.

profil: Nach der Palme ist vor dem Oscar: Man spricht Ihrem Film schon jetzt hohe Chancen auf einen Academy Award zu. Könnte nicht auch Frankreich auf die Idee kommen, „Amour“ zu nominieren?
Haneke: Frankreich wird garantiert nie einen Österreicher für die Oscars nominieren. Würde ich in Paris leben und einen französischen Pass haben, wäre das etwas anderes, dann würde man mich eingemeinden, wie das Romy Schneider oder auch Roman Polanski geschah.

profil: Was bedeuten Ihnen Preise wie die Goldene Palme denn? Brauchen Sie überhaupt noch einen Oscar?
Haneke: Preise wie diese erleichtern einfach die Arbeit. Man kann größere Forderungen stellen. Ich hätte schon nach dem Erfolg von „Das weiße Band“ einen viel aufwändigeren Film machen können. Das wollte ich aber nicht, da ich eben gerade „Amour“ im Sinn hatte. Und Anerkennung tut ja nicht weh.

profil: Sowohl der deutsche Kulturminister als auch seine französische Kollegin besuchten schon die Weltpremiere von „Amour“ in Cannes, Claudia Schmied dagegen hielt sich fern. Haben Sie eine Erklärung dafür, warum Österreichs Kulturpolitik anlässlich Ihres Cannes-Triumphs so geschlossen abwesend blieb?
Haneke: Nein. Dabei geht es nicht um „Amour“ und auch nicht um Ulrich Seidls Film, der ja ebenfalls in Cannes lief. Unseren Filmen wird das nicht schaden. Nur innerösterreichisch ist das ein Problem, denn es signalisiert dem Publikum, dass nicht einmal die Politiker es für nötig halten, dem österreichischen Film ihre Reverenz zu erweisen. Und wenn sich gegenwärtig Tendenzen in der Filmförderung abzeichnen, am so genannten „Festivalfilm“, also künstlerisch anspruchsvollen Produktionen, zu sparen, um stattdessen das Segment des so genannten „Publikumsfilms“ zu stärken, dann ist das ein Alarmzeichen. Ich habe wohlgemerkt nichts gegen Unterhaltungsfilme, und auch um meine eigenen Werke mache ich mir keine Sorgen: Dafür findet sich nach den Erfolgen das Geld. Aber man muss all die zarten Kino­pflänzchen, die da in den letzten Jahren gewachsen sind, auch begießen, wie man ja auch mir in den frühen neunziger Jahren ermöglicht hat weiterzumachen. Die Politik müsste gerade in Zeiten rückläufiger Besucherzahlen ihre Wertschätzung für den international strahlkräftigen Film öffentlich ausdrücken – und dazu würde eben auch ein Besuch in Cannes gehören.

profil: Das nächste Drehbuch, das Sie in Angriff nehmen werden, soll von den Wirkungen und Abgründen elektronischer Kommunikation handeln?
Haneke: Am Rande, ja. Aber entscheidender ist, dass der Film wieder von Menschen und Moral erzählen wird; da das Internet aktuell jedoch eine entscheidende Kommunikationsrolle spielt, wird es auch darum gehen. Aber das Internet ist ein so gigantisches Feld, dass man im Kino sich nur jeweils einem Spezialbereich dieses ungeheuren Themas widmen kann. Für mich ist das Internet ein Verkehrsmittel für meine tägliche Post und zur schnellen Informationsgewinnung. Ich misstraue aber dem Wahrheitsgehalt dieser Information. Wie ich übrigens auch den Fernsehnachrichten misstraue. Der einzige Teil der Nachrichten, an den ich halbwegs glauben kann, ist der Wetterbericht.

profil: Aber ist es nicht erstaunlich, dass die Schwarmintelligenz im Netz immerhin so weit funktioniert, dass sich neben einigem Unsinn auch sehr viel Richtiges finden lässt? Studien zufolge weisen viele namhafte Lexika mehr Fehler auf als Wikipedia. Wird die Intelligenz des Internets nicht auch unterschätzt?
Haneke: Doch, vermutlich. Ich benutze sie ja selbst dauernd. Informationen allerdings, die älter als das Internet selbst sind, kann man da entweder kaum oder gar nicht finden. Suchen Sie einmal Bilder oder Texte zu einzelnen Inszenierungen großer Regisseure wie Rudolf Noelte. Sie werden nichts Relevantes finden. Das ist eine seltsame Diskrepanz: Über all das, was potenziell viele Klicks verursachen wird, gibt es massenhaft Information. Aber über spezialisierte Dinge gibt es heute weniger Information als je zuvor. Früher konnte man in die Nationalbibliothek gehen und sich dort mit Fakten aus allen Zeiten seit Beginn des Buchdrucks versorgen.

profil: In die Nationalbibliothek kann man ja immer noch gehen.
Haneke: Natürlich, aber mit dem Internet ist leider auch die Illusion gewachsen, das gesamte Wissen der Welt zu Hause stets verfügbar zu haben. Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich bin kein Internet-Gegner. Im Gegenteil, ich bin heilfroh, es zu haben. Aber man muss derart dominante Medien eben auch in Zweifel ziehen und ihre Abgründe erkennen. Die Kommunikation im Netz bietet einen solchen Abgrund: In Chat-Rooms entwerfen Menschen bekanntlich Bilder von sich selbst. Man glaubt oft, da jemanden kennen gelernt zu haben – und irrt sich gewaltig.

profil: Das wäre ein Aspekt, den Sie in Ihrem nächsten Film bearbeiten würden? Das Netz als Maske und Schutzmauer?
Haneke: Möglich. Das Thema Realität und Nichtrealität ist ja seit jeher eines meiner Lieblingssujets. Darum wird es natürlich gehen.

profil: Derzeit bereiten Sie aber eine Operninszenierung vor, bearbeiten Mozarts „Così fan tutte“ für das Teatro Real in Madrid und La Monnaie in Brüssel.
Haneke: Ich bearbeite die Oper nicht, ich arbeite mich daran ab. Und es ist extrem schwierig. Sie haben da sechs höchst differenzierte Hauptfiguren, die fast ständig zusammen auf der Bühne sind. Beim „Don Giovanni“ gibt’s ein paar Ensembles, der Rest sind Zweier- und Dreierszenen – das war viel einfacher. Dabei würde ich gerne schon mit meinem nächsten Drehbuch beginnen, aber leider bin ich nicht Napoleon; ich kann mich nicht auf mehrere Arbeiten gleichzeitig konzentrieren, und das macht mich nervös, denn nur wenn ich das Buch bis November geschrieben habe, kann es in die Finanzierungsphase gehen, während ich das erste Halbjahr 2013 noch mit der Oper beschäftigt sein werde.

profil: Ihr Wunsch wäre, bereits im Herbst 2013 zu drehen zu beginnen?
Haneke: Keine Ahnung, ob das so schnell gehen wird. Denn die Stofffülle, die ich zu diesem Thema inzwischen angesammelt habe, schüchtert mich ein wenig ein. Es wäre aber schlecht, wenn ich bis Ende dieses Jahres mit dem Schreiben nicht fertig wäre, denn dann müsste ich im Juni 2013 weiterschreiben und würde ein Jahr verlieren.

profil: Aber Sie freuen sich auf die Schreibarbeit?
Haneke: Sicher. Das ist immer das Lustigste. Obwohl: Eigentlich ist es quälend.

profil: Das klingt jetzt ein wenig widersprüchlich.
Haneke: Nein, gar nicht. Schreiben ist eine spannende, aber eigenartige Tätigkeit, denn man ist auf sich selbst und das leere Blatt Papier zurückgeworfen. Es kann zur Qual werden – aber, wenn dann etwas gelingt, auch große Freude machen. Beim Inszenieren ist das viel schwieriger: Da muss man 50 Menschen mit seinem Kopf denken lassen. Die Reibungsverluste sind oft gewaltig. Aber einen Grund, sich zu beklagen, gibt’s auch da nicht – es ist schon ein toller Beruf.