Im „Biogena Plaza“ neben der Wiener Oper herrscht gelassene Betriebsamkeit. Kunden lassen sich wegen Haarausfalls beraten, Möbel werden für eine Veranstaltung am Abend zurechtgerückt. Hier gibt es ein breites Spektrum an Möglichkeiten zur biologischen Selbstoptimierung. Von Muskeltraining, Magnetfeldtherapie und Vitamininfusionen bis zum Besuch der Kältekammer bei minus 85 Grad reicht das Angebot. Wer will, kann sich auch Blut für die Analyse im Labor abnehmen lassen.
Oder Albert Schmidbauer die Frage stellen, die er nicht leiden kann: Wer braucht das alles?
Der Biogena-Gründer ist nicht bloß ein Unternehmer: Schmidbauer sieht sich auf einer Mission. „Es gibt unglaublich viele Firmen, die sehr gut an der Krankheit verdienen. Was wir machen, ist Prävention, um möglichst lange eine gute Gesundheit zu erhalten“, sagt er. Dass immer wieder „tendenziös“ über wissenschaftliche Publikationen berichtet wird, wonach der Nutzen vieler Vitaminpräparate und Nahrungsergänzungsmittel nicht so eindeutig sei, wie es die eigenen Studien von Biogena ergeben, hält er für keinen Zufall. An der Prävention würde die „Krankheitsindustrie“ weniger verdienen. „Mich ärgert das maßlos, wenn wir so dargestellt werden, als ob wir den Leuten für nichts das Geld aus der Tasche ziehen. In der Zahnmedizin kann man zum Beispiel mit Mikro-nährstoffen brutal viel erreichen. Wir können die Zahntaschen, die sich bei Parodontitis bilden, nachweislich reduzieren. Wir verkaufen keine Pulver nach dem Motto: Nichts Genaues weiß man nicht. Wir messen sogar Zahntaschen!“
Auf Nichteingeweihte wirkt das hochpreisige Angebot etwas exzessiv. Wer bei Produkten wie „L-Carnipur 500“, „Omega-3 liquid vegan Superior“ oder „Coenzym Q10 active Gold 60 mg“ aussteigt, der kann sich in der hauseigenen Online-Akademie um 890 Euro zum „Mikronährstoff-Coach“ ausbilden lassen. Mehr als 1000 Absolventen hat der Kurs bereits. Zwei Millionen Euro verdient Biogena im Jahr mit Online-Seminaren. Der Konzern hat außerdem ein Forschungsteam von 20 Pharmazeuten, Biologen, Medizinern und Ernährungswissenschaftern. Und dann gibt es noch die enge Kooperation mit 30.000 Ärzten und Therapeuten.
Vertrauensärzte
Biogena ist ursprünglich aus einer Interessengemeinschaft von Ärzten entstanden. Die Verbindung zu praktizierenden Medizinern ist immer noch eng. Eine Kooperation zu beiderseitigem Nutzen: Die Ärzte erhalten einen „Studienbeitrag“, der sich am Umsatz mit Biogena-Produkten bemisst. „Sie müssen dafür an Studien mitarbeiten, Beratungsdienstleistungen erbringen, unserem Forschungsteam zur Verfügung stehen und vieles mehr. Diese Feedbackschleife ist für uns enorm wichtig. Auf Zeitbasis wäre das ein viel zu komplexes Honorarsystem, nur deswegen wird das am Umsatz bemessen“, sagt Biogena-Gründer Schmidbauer. Es gibt aber noch einen zweiten Anreiz. Ärzte erhalten eine Handelsspanne von 30 Prozent auf Biogena-Produkte, die sie in ihren Praxen verkaufen. Das Geschäft in den Ordinationen würde aber nur einen „verschwindend geringen Teil“ des Umsatzes ausmachen, sagt Schmidbauer.
Mehr als 70 Prozent des Umsatzes macht Biogena online. Der „Biogena Club“ zählt 500.000 registrierte Nutzer. Für das heurige Geschäftsjahr (es endet mit 30. September) wird ein Umsatz von rund 157 Millionen Euro erwartet, 2024/25 waren es 125 Millionen. Biogena schreibt durchgehend Gewinne, an denen in Zukunft auch Kleinanleger mitverdienen könnten. Bis zu 5,2 Millionen Euro neue Aktien werden zu einem Preis von 4,80 Euro ausgegeben. Bei insgesamt mehr als 93 Millionen Aktien hält Gründer Schmidbauer weiterhin mehr als 90 Prozent der Anteile. Die Kapitalerhöhung bringt zwischen 20 und 25 Millionen Euro ein. Seit 10. Juni können die Papiere der Konzernholding Biogena Good Vibes AG gezeichnet werden. Ab August soll die Aktie im Direct Market Plus, dem KMU-Segment der Wiener Börse, gehandelt werden.
Vor einem Jahr hatte Schmidbauer einen anderen Plan gewälzt: Damals wollte er ein paar Kernaktionäre, darunter Versicherungen und die Raiffeisen Holding Niederösterreich Wien, an Bord holen und 2028 das Unternehmen im großen Stil an die Börse bringen. Der Plan wurde aber wieder verworfen. Stattdessen gibt es jetzt „nur“ eine kleine Kapitalerhöhung.
Das frische Kapital soll dennoch für eine Phase des „Hyperwachstums“ reichen. Das erste Ziel ist einfach definiert: Die zwei Werke in Koppl bei Salzburg haben eine Produktionskapazität von 500 Millionen Euro Umsatz. „Die stehen schon da und kosten mich bei 100 Prozent Auslastung genau gleich viel wie bei 20 Prozent“, so Schmidbauer. Laut den Berechnungen im Kapitalmarktprospekt soll die 500-Millionen-Marke im Jahr 2030 erreicht sein. Dabei soll auch ein neuer Vertriebsweg helfen. Aufgrund einer Konkurrenzklausel durften die Biogena-Produkte bisher nicht über Apotheken verkauft werden. Diese ist nun ausgelaufen. Über die Apotheken, Franchisepartner für Biogena-Shops und weitere Investitionen in „Plaza“-Konzepte sollen zunächst vor allem Deutschland, Österreich und die Schweiz bearbeitet werden.
Der Wachstumskurs treibt teilweise seltsame Blüten. In der neuen Haustiersparte gibt es beispielsweise einen DNA-Test für Hunde. Den „Dog-Check“ können Haustierhalter „per sanfter Speichelprobe“ zu Hause selbst durchführen. Für den Preis von 129 Euro werden dann „über 220 genetische Marker analysiert“. Ein guter Teil davon beschreibt allerdings eher offensichtliche genetische Eigenschaften wie die Fellfarbe oder mögliche Zahnfehlstellungen.