Start-up-Gründer Leo Widrich über Buffer: Gehalt mit Gehalt

Leo Widrich: "Man hat uns 120 Millionen Dollar geboten, das hat mir schlaflose Nächte verschafft"

Leo Widrich: "Man hat uns 120 Millionen Dollar geboten, das hat mir schlaflose Nächte verschafft"

Wie ein 25-jähriger Niederösterreicher den Traum jedes Start-up-Gründers lebt - und das vermutlich transparenteste Unternehmen der Welt leitet.

Für das letzte Mitarbeiter-Meeting im vergangenen Jänner musste die Firma Buffer eine halbe Million Dollar ausgeben. So viel hat es gekostet, um die 75 Mitarbeiter aus aller Welt nach Hawaii zu fliegen und dort unterzubringen. "Da wir keine Büroräume haben, treffen wir einander alle sieben Monate an einem anderen Ort auf der Welt", erklärt der aus Melk stammende Leo Widrich, einer der beiden Gründer von Buffer. Das fünf Jahre alte Start-up vertreibt eine Software, die dem Nutzer hilft, seine Postings zum richtigen Zeitpunkt auf den verschiedenen sozialen Plattformen wie Facebook, Instagram oder Twitter zu platzieren.

Man schreibt und postet alles im Voraus auf einer Plattform, die Software kümmert sich um das Timing, analysiert die Anzahl der Klicks, die damit erzielte Aufmerksamkeit, die erreichten Zielgruppen. So etwas nutzen beispielsweise Prominente wie Arnold Schwarzenegger, viele Zeitungen wie das "Time Magazine" oder auch zahlreiche Journalisten. Der Firma Buffer brachte es im Vorjahr einen Umsatz von knapp zehn Millionen Dollar - und deren Chief Operations Officer (COO) Leo Widrich ein Gehalt von 185.000 Dollar. Diese Zahlen, so wie viele andere, darunter etwa die Gehälter aller restlichen Mitarbeiter, werden auf der Website der Firma teilweise in Echtzeit veröffentlicht, weswegen Buffer als das transparenteste Unternehmen der Welt gilt.

Transparenz macht attraktiv

"Wir waren bereits transparent, als wir die Firma gründeten und Transparenz noch kein Thema war, unter anderem auch deshalb, weil wir kaum etwas umsetzten", erinnert sich der erst 25-jährige Widrich. "Später wuchsen wir und beschlossen, diese Philosophie beizubehalten." Das System hat den Vorteil, dass eine ganze Menge Spannungen, die üblicherweise entstehen könnten, von vornherein ausgeschlossen sind. In Unternehmen, in denen Gehälter geheim gehalten werden, würden Mitarbeiter häufig durch Zufall draufkommen, wie viel ein Kollege verdient, könnten es aber nicht zur Sprache bringen, weil sie es ja gar nicht wissen dürfen.

Auch scheint die Transparenz keineswegs die Attraktivität von Buffer als Arbeitgeber zu mindern. "Kann schon sein, dass manche Bewerber sich von unserem System abschrecken lassen, aber im Schnitt erhalten wir 2000 Bewerbungen für die fünf bis zehn Stellen, die wir monatlich ausschreiben", sagt Widrich. "Seit alle Gehälter frei einsehbar sind, ist diese Zahl noch angestiegen", so der junge Entrepreneur. "In den vergangenen zwei Jahren wurde der Mitarbeiterstand von zehn Personen auf 75 erhöht."

Um die einzelnen Gehälter zu bestimmen, bedient sich Buffer eines Gehaltsschlüssels, der sich aus der Position und der damit verbundenen Verantwortung in der Firma, dem Dienstalter und den zu versorgenden Familienmitgliedern errechnet. Gleichfalls in Betracht gezogen wird aber auch der Aufenthaltsort des Mitarbeiters. "In Südafrika beispielsweise ist ein Dollar mehr wert als in New York, wo das Leben viel teurer ist, so etwas wird in dem Gehaltsschlüssel berücksichtigt", erklärt der Jungmanager. Allerdings würde man nicht die in einigen Ländern üblichen Niedriglöhne zahlen, sondern bedeutend mehr, um nicht zu große Unterschiede zwischen den Mitarbeitern entstehen zu lassen. Diesen Bonus nennt man bei Buffer die "Good-Life-Kurve".

Mehr Geld für Familienmitglieder

Abgesehen davon gelte sowohl für bereits engagierte Mitarbeiter als auch für Neueinstellungen eine sogenannte "No negotiation policy", was das Gehalt betreffe. Dieses ist also nicht verhandelbar, sondern wird strikt nach dem Schlüssel errechnet. "Allerdings ist der Erfahrungsfaktor einigermaßen flexibel", relativiert Widrich. "Wenn jemand also der Meinung ist, er sollte aufgrund seiner Erfahrung mehr verdienen, kann er das sehr wohl einbringen und beantragen."

Zudem gibt es für jedes Familienmitglied, für das der Mitarbeiter sorgen muss, 3000 Dollar im Jahr zusätzlich, ein Betrag, der auf dem Blog des Unternehmens heftig diskutiert wurde. "Die Mitarbeiter sind alle damit einverstanden, von Außenstehenden kam allerdings einige Kritik, weil so mancher der Ansicht war, dass die Familienmitglieder eigentlich nicht einberechnet gehörten", erzählt Widrich. Derlei Anregungen von außen seien gleichfalls willkommen, fügt er an, betrachte man sie doch als Gratisinput, der dem Unternehmen helfen würde, gerechtere Gehaltsschlüssel zu entwickeln oder sonstige Verbesserungen durchzuführen.

Innerhalb des Unternehmens geht man, was die Transparenz betrifft, noch einen Schritt weiter. So könne jedes einzelne intern versandte Mail von allen Mitarbeitern gelesen werden. "Damit aber nicht zu viel Zeit verloren geht mit Mails, die einen gar nicht betreffen, werden die Sendungen markiert und abgespeichert", erklärt Widrich. "So kann jeder Einzelne jederzeit nachschlagen, welche Mails ausgetauscht wurden." Grenzen der Transparenz gibt es freilich auch. "Anfangs wollten wir sogar persönliche Unterhaltungen für alle zugänglich machen, also auch solche Messages, in denen Mitarbeiter ein Feedback abgeben oder Kritik üben. Doch davon sind wir wieder abgekommen. Wir haben erkannt, dass manche Dinge einfach unter vier Augen besprochen gehören", so der Firmengründer.

Spaß und schlaflose Nächte

Freilich könnte man auch die Arbeitszeiten als intransparent bezeichnen. Der Firma sei es nämlich egal, wo und wie viele Stunden ein Mitarbeiter arbeiten würde, wann er Pausen mache oder auf Urlaub gehe. "Wir stellen hohe Ansprüche, denken aber, dass unsere Mitarbeiter manche Dinge selber entscheiden müssen. Solange die Resultate stimmen, sind wir zufrieden", sagt Widrich.

Auf die Frage, ob er Buffer bald verkaufen werde, wie das bei derart erfolgreichen Start-ups üblich sei, antwortet Widrich, dass er ein sehr attraktives Angebot bereits ausgeschlagen habe. "Man hat uns 120 Millionen Dollar geboten, das hat mir einige schlaflose Nächte verschafft. Schließlich haben wir aber doch beschlossen, weiterzuarbeiten. Die Sache macht einfach noch zu viel Spaß, um sie jetzt schon zu verkaufen." Von wem das Angebot stammt, fügt er gänzlich intransparent an, könne er nicht verraten.

Leo Widrich stammt aus Melk und ist der Sohn des dortigen ÖVP-Bürgermeisters Thomas Widrich. 2010 brach der heute 25-Jährige ein Wirtschaftsstudium in England ab und gründete gemeinsam mit dem Briten Joel Gascoigne die Anwendungssoftware Buffer.