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PROJEKTTEILNEHMER VOLLNHOFER, BLAHA: Sie sehen sich noch immer als Arbeitslose, obwohl sie arbeiten.

© Christa Zöchling

Wirtschaft
10/19/2021

Die glücklichen Arbeitslosen von Gramatneusiedl

Das Experiment "Marienthal reversed" ist ein radikaler Versuch mit ambitioniertem Ziel: Es geht um nichts weniger als die Abschaffung der Langzeitarbeitslosigkeit.

von Christa Zöchling

Schmutziger Schnee knirscht unter den Füßen und färbt die Welt grau in grau. Ein schwerer Laster durchbricht die Stille, dann noch einer und noch einer. Sonst ist es still wie an jedem anderen Morgen in Gramatneusiedl, einer 3200-Einwohner-Gemeinde im Wiener Becken, mit dem Zug gerade einmal 15 Minuten von der Bundeshauptstadt entfernt. Eine Schlafgemeinde. Die Kebab-Pizzeria im Zentrum sieht nicht aus, als würde sie noch einmal erwachen, der Feng-Shui-Shop scheint im Lockdown erstarrt, ebenso die Änderungsschneiderei. Die Fenster eines Reisebüros sind mit Packpapier verklebt, in den Auslagen des Schuhmachers Franz Blaha zeugen alte Fotos und Meisterbriefe von besseren Zeiten. Verkauft wird hier nichts mehr. Leben herrscht nur vor dem Supermarkt und der Bäckerei; auch im Bestattungsunternehmen brennt Licht.

Wer jetzt keine Arbeit hat, findet keine mehr, möchte man sagen. Was tun Menschen, die hier leben und arbeiten wollen?

Gramatneusiedl besitzt dazu historische Erfahrungen. Vor einem knappen Jahrhundert wurde im Ortsteil Marienthal eine riesige Textilfabrik geschlossen. Das Werk mit modernster Technik, luftigen Arbeiterwohnungen, Schule, Tröpferlbad, Montessori-Kindergarten und Ärztezentrum hatte mit Zerfall der Monarchie nach und nach seine Absatzmärkte verloren. 1930 war endgültig Schluss. Herrenhäuser und Werkssiedlungen entlang der Hauptstraße erzählen von der großen Vergangenheit. 2017 ging noch einmal ein Schock durch die Gemeinde. Der Plexiglashersteller Para-Chemie, auf dem ehemaligen Textilgelände angesiedelt, sperrte zu; rund 200 verloren ihren Job.

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Berühmt geworden war Gramatneusiedl unter einem anderen Namen-dem der Studie über die "Arbeitslosen von Marienthal". Ein Team um Marie Jahoda, Paul Felix Lazarsfeld und Hans Zeisel hatte Anfang der 1930er-Jahre das Leben in der Arbeitersiedlung erforscht, die materielle, aber auch psychische Not - die Auflösung von Zeit und Struktur, das Abrutschen in Apathie. Teils mit Stoppuhren in der Hand erfassten die Forscher den Alltag der Arbeitslosen, beobachteten, dass die männlichen Erwerbslosen mit der Zeit immer langsamer dahinschlichen (die Frauen hatten noch den Haushalt),verloren an Straßenecken standen. "Einstweilen wurde es Mittag" - so ein Zitat aus der weltweit bekannten Studie.
 

Sie ist wohl der Grund, warum ausländische Journalisten, von Bloomberg TV bis zu CNN, in diesen Tagen nach Gramatneusiedl kommen und sich das vom AMS-Niederösterreich finanzierte Experiment ansehen wollen. Die Armut der Arbeitslosen von damals ist nicht mit heute zu vergleichen, die psychischen Folgen von Arbeitslosigkeit, mangelnde Anerkennung, Apathie und Sinnleere, schon.

Auf den ersten Blick unterscheidet sich "Marienthal reversed" kaum von anderen Maßnahmen des AMS, in denen Langzeitarbeitslose gemeinnützige Tätigkeiten verrichten oder in Kursen sitzen. Doch das Ziel ist ambitionierter, der Versuch radikaler. Nach drei Jahren in selbst entwickelten, gemeinnützigen Projekten, vom AMS mit einem Kollektivvertragslohn von 1495 Euro brutto (Vollzeit) bezahlt, sollen die ehemaligen Langzeitarbeitslosen von Gramatneusiedl am Ende auf eigenen Beinen stehen. Flankierend dazu wird wissenschaftlich erhoben, wie sich die Jobgarantie auf Engagement, Selbstwert und das Miteinander im Ort auswirkt.

Die ersten 40 Teilnehmer - der jüngste 18 Jahre alt, der älteste 61 Jahre - wurden nach ihren Qualifikationen, dem Können, ihren Interessen und wunden Punkten befragt. Personalberater von "itworks" halfen ihnen, herauszufinden, was sie selbst gern täten und was gleichzeitig der Allgemeinheit nützt. Das Soziologie-Institut der Universität Wien begleitet das Experiment mit Interviews und teilnehmender Beobachtung. Lukas Lehner und Maximilian Kasy, Ökonomen der Universität Oxford, erforschen den gesellschaftlichen Nutzen und seine Kosten, untersuchen, wie sich die Jobgarantie auf Gesundheit, Wohlbefinden und das Leben in Gramatneusiedl selbst auswirkt-im Vergleich zu Arbeitslosen in anderen Regionen.

Die Teilnahme an dem Projekt ist freiwillig, kann jederzeit ohne Sanktionen beendet werden. "Alles andere hätte den Geruch von Zwangsarbeit", sagt Lehner. Man rechnet mit 150 Teilnehmern aus Gramatneusiedl. Sven Hergovich, Landesgeschäftsführer des AMS-Niederösterreich und Erfinder des Projekts, erwartet sich eine faktenbasierte Empfehlung, was der Gesellschaft im Umgang mit Langzeitarbeitslosigkeit am besten diene. Die Jungen könne das AMS mit Qualifizierungsmaßnahmen in den Griff bekommen, die Langzeitarbeitslosigkeit bei den Älteren solle man nicht hinnehmen. Hergowichs Überzeugung: "Nichtstun macht krank und kostet mehr als geförderte Arbeit im gemeinnützigen Bereich."

In einem Zimmer im ehemaligen Herrenhaus der Textilfabrik sitzen Joanna Diber, 43, und Radoslav Mirjanic, 52, einander an Nähmaschinen gegenüber. Schöne Stoffe im Retromuster liegen auf den Tischen, Knöpfe, Nähseide, Applikationen; Kräuterkissen, Kosmetiktäschchen. Die Nadel rattert über den Saum einer Kinderschürze. An der Wand hängen Laptop-Taschen. Hier arbeiten talentierte Amateure, die daheim hin und wieder etwas nähten oder ausbesserten. Er könne Hosen nähen, Torten backen, zimmern-eigentlich alles, sagt Mirjanic. Als Kind hatte er keine großen Ideen, was einmal aus ihm werden solle.Als junger Mann arbeitete er in seiner Heimatstadt Banja Luka, heute zur Republika Srspka gehörig, als Kellner, Rezeptionist, in einem Reisebüro, begann eine Ausbildung als Tourismusfachkraft.

Der Jugoslawienkrieg machte alles zunichte. Er wanderte aus, kam nach Österreich, verdiente sein Geld als angelernter Arbeiter in verschiedenen Fabriken, zuletzt in der Plexiglasherstellung der Para-Chemie. Seit vier Jahren ist er arbeitslos. Am liebsten wollte er überall mitarbeiten, sagt Mirjanic. Alles lernen, alle Chancen nützen. Hauptsache eine Arbeit, die bezahlt wird und nützlich ist. Die Jahre der Arbeitslosigkeit haben ihn mitgenommen; Bewerbungsschreiben, die nie oder absagend beantwortet wurden, vergebliche Anrufe, Selbstzweifel, Scham. Er spricht leise. Wenn er jetzt abends heimkommt zu seiner Frau, die arbeitet, und seinen Kindern, hat er etwas geleistet. Obwohl er von sich selbst noch immer als Arbeitsloser spricht.

Sie hätten gern am Christkindlmarkt verkauft, doch den gab es nicht. Jetzt hoffen sie auf Ostern. Joanna Diber-die Kollegin an der Nähmaschine, erwägt, das Sortiment der schönen Dinge auf Schmuck zu erweitern. Sie macht sich gern Gedanken über Dekoration, als Arbeit sieht sie das noch nicht.

Als junges Mädchen, das in der Nähe von Warschau aufwuchs, war sie interessiert an fremden Welten, fremden Sprachen, Reisebüro, der Hotelbranche. Das hat sie auch gelernt. Trotzdem gab es in Österreich für sie nur Arbeit als Zimmermädchen, Kellnerin, Reinigungskraft. Sie kämpfte sich durch Kurse, machte eine Ausbildung als Betriebslogistikerin, den Gabelstapler-Führerschein. Jetzt näht sie Kinderschürzen und denkt mit Grauen an die Tage des angeblichen Nichtstuns zu Hause zurück, die Isolation, den Verlust des Vertrauens zu sich selbst und zu anderen. Manchmal schaffte sie keine einzige Bewerbung in vielen Wochen. Ihr Leben schien auszurinnen. Den ganzen Tag zu sitzen, ist nicht ihre Sache. Organisieren, etwas anpacken, vom einem zum anderen laufen, wäre ihr lieber. Vielleicht wird es ja noch.

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Die Projekte, an die sich die ehemaligen Arbeitslosen jetzt klammern, sind nicht überraschend oder innovativ. Da ist etwa das Vorhaben, älteren Bürgern im Alltag zu helfen, für sie einzukaufen, mit ihnen spazieren zu gehen, Schach zu spielen, ihnen vorzulesen, sie zum Arzt zu begleiten oder einfach mit ihnen zu reden. Ein Angebot, für das es theoretisch sogar einen Markt gäbe: junge, im Berufsleben eingespannte Erwachsene mit schlechtem Gewissen, dass sie sich zu wenig um ihre alten Eltern kümmern. Ob das in Gramatneusiedl Zukunft hat?

Den Teilnehmern dieses Projekts machte zudem Corona einen dicken Strich durch die Rechnung. Als sie anfangen wollten, wurde der zweite Lockdown verordnet. Wegen der angespannten Finanzlage der Gemeinde steht auch das Vorhaben eines historischen Radwanderweges in und um Gramatneusiedl in den Sternen. Geplant sind Rastplätze, ein Kinderspielplatz, Tafeln mit historischen Hinweisen, Parkbänke usw.

Johann Vollnhofer, 57, gelernter Installateur, der jedoch sein halbes Leben lang Kraftfahrer war, Taxi im Schichtdienst fuhr, als Essenszusteller unterwegs war, hat seine Arbeit im April 2020 verloren. Der Betrieb ging pleite. Jetzt ist der passionierte Autofahrer bei den Radfahrern gelandet. Er lacht. Niemals würde er mit seiner kaputten Bandscheibe noch einmal in seinem Leben auf ein Rad steigen, das habe er seiner Frau geschworen, aber er sei historisch interessiert.

Eine wandelnde Ortschronik ist auch sein Kompagnon Karl Blaha, 52. Allein schon wegen seiner Familiengeschichte. Die Blahas waren um 1900 die ersten Schuhmacher in Gramatneusiedl gewesen. Sie überstanden Kriege und Krisen, doch nicht die Billiganbieter aus fernen Weltgegenden und Amazon. 2009 haben die Blahas aufgegeben. Ihren Laden an der Hauptstraße gibt es noch immer. Blaha hat die Auslage zu einer Ausstellung über die Vergangenheit gemacht. Er spricht von sich als einem Tausendsassa-er sei Bügelweltmeister, kenne sich mit Maschinen aus, sei imstande, so ziemlich alles zu reparieren. Nebenbei ist er Kommandant bei der Freiwilligen Feuerwehr.

Warum wird einer wie er nicht mehr gebraucht? Er weiß es nicht, schmiedet aber weitere Pläne, an denen sich die Gemeinde beteiligen müsste, doch die ist klamm. Einer der Jüngeren, die auf Malerleitern stehen, ist Mohammad Hussin, 25. Nach Hauptschulabschluss und Deutschkursen im Jahr 2019 sitzt er an den Samstagen an der Kassa eines Supermarkts.

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Hussin, im Irak geboren, ist 2014 nach Österreich geflüchtet und hat Asyl bekommen. Er hat die größten Träume. Er möchte medizinischer Assistent werden, Rettungssanitäter oder in einem Spital als Fachkraft arbeiten. Das komme daher, weil sein Vater Arzt sei, sagt Hussin. Derweil streicht er die Wände der zukünftigen Projektwerkstätte.

Die Teilnehmer des Projekts, mit denen profil sprach, sind allesamt froh, dabei zu sein, auch wenn keiner hier seinen Traumjob gefunden hat. Sie sehen sich noch immer als Arbeitslose-obwohl sie arbeiten. Der eine oder andere ist vielleicht gekränkt, weil das, was einmal mühsam gelernt wurde, wenig wert zu sein scheint. Der Erfolg des Projekts werde am Ende von der Gesellschaft abhängen, meint der Soziologe Jörg Flecker-"ob Arbeiten für die Gemeinschaft wertgeschätzt oder als Surrogat für echte Arbeit verachtet werden".

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