Diesel-Zusatzstoffe: Klimaschutz oder eher Öko-Schmäh?

Diesel-Zusatzstoffe: Klimaschutz oder eher Öko-Schmäh?

Österreichs Tankstellenbetreiber und Ölkonzerne dürfen es sich als gesetzliche Umweltschutzmaßnahme anrechnen lassen, wenn sie sogenannte „Additive“ in den Diesel mischen. Denn es führt angeblich zu weniger Treibstoffverbrauch. Doch neue Dokumente zeigen: Ob das stimmt, ist völlig ungewiss.

Wirken sie oder wirken sie nicht? Das ist die Grundfrage hinter einem Konflikt, der sich derzeit zwischen Politikern, Wirtschaftskammer und Umweltschutzorganisationen abspielt. Es geht um die vermutete Energieersparnis durch sogenannte „Diesel-Additive“, also Zusatzstoffe. Tankstellenbetreiber und Mineralölkonzerne mengen sie in den Treibstoff, damit Autos weniger verbrauchen. Doch Kritiker monieren seit Jahren, dass die Maßnahme nichts bringe. Nun bekommt ihr Protest neue Nahrung.

Die Causa klingt kompliziert, doch der Hintergrund ist ein wichtiger: Österreichs Regierung hat sich mit einem Energieeffizienzgesetz (zuletzt novelliert 2015) vorgenommen, etwas gegen den Klimawandel und für mehr Versorgungsicherheit in Sachen Energie zu tun. Gesetzliche Zielvorgabe: Bis zum Jahr 2020 soll sich die Energieeffizienz im Land um 20 Prozent verbessern. Zu diesem Zweck müssen Energiehändler jährlich eine Energiemenge von 0,6 Prozent des Vorjahresumsatzes einsparen. Eine Liste von rund hundert Maßnahmen soll dafür sorgen, dass dieses Ziel erreicht wird. Eine davon: die Dieseladditive.

Sie sollen den Verbrennungsprozess im Motor effizienter machen. „Diesel wird sauberer verbrannt“, erklärt die Wirtschaftskammer, Fachverband Energiehandel, in einer Aussendung vom März 2016. „Dadurch kommt es zu weniger Ablagerungen beziehungsweise einer Reinigung beim Einspritzsystem und geringerem Verbrauch.“ Erwartete Einsparung: rund 2,6 Prozent des Verbrauchs.

Ob dies auch tatsächlich erreicht wird, eruieren unabhängige Prüfinstitute in Form von Gutachten – so sieht es das Energieeffizienzgesetz vor. Wenn die Additive diese Tests bestehen, dürfen sich die Unternehmen deren Beimengung als Effizienzmaßnahme anrechnen lassen.


Auf Anfrage der Umweltschutzorganisation Global 2000 hat das zuständige Wirtschaftsministerium unter ÖVP-Vizekanzler Reinhold Mitterlehner erstmals jene Gutachten öffentlich gemacht, in denen die Prüfinstitute die Einsparwirkung der Additive ermitteln.

Doch viele Kritiker hegen seit Jahren Zweifel an den Additiven. Die Grünen etwa sprechen von einem „Energieeffizienz-Betrug“. Gemeinsam mit Umweltschutzorganisationen fordern sie die Streichung der Additive von der Liste der zulässigen Maßnahmen im Rahmen des Energieeffizienzgesetzes. Entscheidender Kritikpunkt: In vielen handelsüblichen Kraftstoffen in Österreich seien bereits standardmäßig Additive beigemengt (deren Wirkung völlig unumstritten ist). Wenn man nun noch mehr von ihnen dazugibt, ändere das nichts mehr am Verbrauch, sagen die Kritiker. Wenn man so will, ist es ein wenig so wie mit der Seife im Kübel mit Putzwasser: Wenn man immer mehr davon dazuschüttet, wird der Boden dadurch auch nicht sauberer.

Nun sehen sich die Gegner durch neue Erkenntnisse bestätigt. Auf Anfrage der Umweltschutzorganisation Global 2000 hat das zuständige Wirtschaftsministerium unter ÖVP-Vizekanzler Reinhold Mitterlehner erstmals jene Gutachten öffentlich gemacht, in denen die Prüfinstitute die Einsparwirkung der Additive ermitteln. „Doch diese Papiere zeigen lediglich Messungen unter Laborbedingungen, die sich nicht einfach auf den realen Fahrbetrieb übertragen lassen“, sagt Johannes Wahlmüller, Energiexperte von Global 2000.
Warum? Die Antwort liegt in der Weise, wie die Tests durchgeführt werden. Wie aus den Gutachten hervorgeht, bedient man sich dabei keines handelsüblichen Diesels, sondern eines Test-Treibstoffs nach der Prüfungsnorm Önorm EN 590. Entscheidender Punkt: Dieser Testkraftstoff verfügt – im Gegensatz zu den handelsüblichen – über keine bereits vorhandene Additive. Heißt: Schüttet man in den (additivfreien) Labor-Diesel Additive, wirkt sich das möglicherweise völlig anders aus als beim (bereits mit Additiven versetzten) Straßen-Diesel.

Das führt zur Frage: Warum verwendet man beim Test keinen normalen Treibstoff, wie man ihn auch an der Tankstelle bekommt? Das sei nicht möglich, argumentiert das Prüfinstitut SGS Austria, jene Einrichtung, welche die meisten Tests durchführt. In einem Brief an Global 2000 vom vergangenen September heißt es: Würde man statt des Test-Diesels „üblichen Kraftstoff nehmen, wäre unter Umständen (...) ein artgerechter Vergleich hinsichtlich der Additive unmöglich“. Im Klartext: Ob die Additive wirken, lässt sich zwar unter Laborbedingungen wissenschaftlich nachweisen – nicht aber bei echtem Diesel auf der Straße. „Es ist keinesfalls sicher, ob die zusätzlichen Additive tatsächlich zu einem Einspareffekt führen“, folgert Global-2000-Experte Wahlmüller.

Beim Fachverband Mineralölindustrie der Wirtschaftskammer, der Tankstellenketten und Ölkonzerne in sich vereint, will man auf profil-Anfrage vorerst keine Stellung zur Causa nehmen. Man müsse, heißt es, die neuen Gutachten und Erkenntnisse erst einmal prüfen.